Die Sterbehilfe-Organisation Exit rechnete in der Region Basel nicht mit Widerstand. Denn man habe bisher aus der Nachbarschaft keine einzige Reklamation erhalten. Dies sagte Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter diese Woche im «Regionaljournal», nachdem die «Schweiz am Sonntag» berichtet hatte, dass Exit das Dienstleistungsangebot in Binningen ausbaut. Vor einem Jahr eröffnete der Verein ein Beratungsbüro. Nun sollen auch Freitodbegleitungen durchgeführt werden. Die Nachbarschaft meldete sich zwar nicht bei Exit, jedoch beim Baselbieter Bauinspektorat. Sprecher Dieter Leutwyler bestätigt: «Ja, es sind Einsprachen eingegangen.»

Besonders umstritten ist in Binningen, dass die Suizide mitten im Dorf stattfinden sollen. Juristisch stellt sich die Frage, in welchen Zonen Sterbehilfe erlaubt ist. Soll in einer Wohnzone nur das Leben stattfinden oder auch der Tod? Das Bundesgericht beantwortete die Frage 2010 für die Zürcher Gemeinde Wetzikon. Dort wollte die Sterbehilfe-Organisation Dignitas Räume für Freitodbegleitungen einrichten. Die Liegenschaft befand sich in einer «Wohnzone mit Gewerbeerleichterung». Dignitas plante dort Freitodbegleitungen, die von den Nachbarn physisch nicht gross bemerkt worden wären. Die Särge wären von neutralen Fahrzeugen direkt in der Garage abgeholt worden. Doch dies spielte für das Bundesgericht keine Rolle. Berücksichtigt werden müssten auch «Einwirkungen auf das psychische Wohlbefinden, die aus der blossen Vorstellung darüber entstehen, was im Innern eines benachbarten Gebäudes vor sich geht, mithin aus dem Wissen um verborgene Vorgänge.» Es sei deshalb nachvollziehbar, urteilte das Bundesgericht, dass bei den Nachbarn ein Gefühl des Unbehagens ausgelöst werde. Die Richter stützten die Einschätzung der Gemeinde: Das Sterbezimmer stehe «in besonders bedrückender Weise für die mögliche Ausweglosigkeit menschlicher Situationen». Solche Erfahrungen seien schon im Einzelfall belastend. Erst recht seien sie es, wenn sie in einer benachbarten Liegenschaft konzentriert und fast täglich zum Ereignis würden.

Das Bundesgericht verglich Freitodbegleitungen mit Sex-Betrieben. Beide seien wegen «ideeller Immissionen» in Wohnzonen als störend einzustufen. Es komme auf die Zone an, ob die Störung vertretbar sei oder nicht.

Exit ist zuversichtlich, in Binningen Recht zu erhalten, weil es sich um eine Zentrumszone handelt. Diese sieht eine gemischte Nutzung von Wohnen und Gewerbe vor. Beim Fall in Zürich handelte es sich zwar ebenfalls um eine gemischte Zone, jedoch mit einem höheren Wohnanteil. Zu klären wird nun die Frage sein, wie gross der Wohnanteil sein darf, damit für Suizide Platz bleibt.

Der Fall von Exit in Binningen hat auch in Basel Folgen. In einem Wohngebiet an der Hegenheimerstrasse 37 betreibt die Stiftung Eternal Spirit seit zwei Jahren ein Sterbezimmer. Doch sie reichte dafür kein Umnutzungsgesuch ein. Eternal-Spirit-Präsidentin Erika Preisig erklärt, dass sie dies nicht für notwendig hielt, weil in der Liegenschaft schon zuvor «stilles Gewerbe» betrieben worden sei.

Das Basler Bauinspektorat könnte den Fall anders beurteilen. Auf Anfrage bestätigt die Behörde, dass sie Abklärungen eingeleitet hat: Sie werde von Eternal Spirit Angaben über die Nutzung einfordern. Preisig findet die Kritik an Sterbehilfe in Wohnzonen falsch: «Ein begleiteter Freitod ist ausgeübte Nächstenliebe und gehört nicht in eine Industriezone verbannt, wie einst die Selbstmörder aus der Stadt verbannt wurden.»

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