Für einen Normalverdienenden ist es kaum vorstellbar: mit einem Bruttolohn von 3100 Franken auszukommen. Im Basler Detailhandel scheint dies aber Realität zu sein. Wie die «Schweiz am Sonntag» vergangene Woche berichtete, finden im Basler Detailhandel «missbräuchliche Unterschreitungen» bei der Entlöhnung statt. Das stellte die Tripartite Kommission fest. Dumpinglöhne seien keine Einzelfälle, schreibt sie, und beantragte die Einführung von Mindestlöhnen im Rahmen eines Normalarbeitsvertrages (NAV) – 3500 Franken für Ungelernte, 4000 Franken für Ausgebildete. Die Regierung hat den Antrag in die Vernehmlassung geschickt. Die Forderung stösst bei Wirtschaftsprofessor George Sheldon, der an der Uni Basel doziert und sich auf Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie spezialisiert hat, auf Unverständnis. Er sagt: «Niedrige Löhne sind bedauerlich, aber sie nun anheben zu wollen, ist sicherlich nicht die passende Lösung.»

Es drohen Entlassungen
Sheldon sagt, die Dumpinglöhne seien unter anderem die Folge des Einkaufstourismus. Wegen der Nähe zu Deutschland und Frankreich seien die Detailhändler in Basel einer starken Preiskonkurrenz ausgesetzt. «Und dagegen können Mindestlöhne wenig ausrichten. Im Gegenteil, sie gefährden eher die Geschäftsgrundlage ihrer Arbeitgeber», sagt der Ökonom. «Was, wenn die Firma einen höheren Lohn bezahlt, aber diese Kosten wegen der Preiskonkurrenz nicht auf die Konsumenten überwälzen kann?» Dann, so Sheldon, müsste die Firma das Geschäft aufgeben. Oder zumindest Mitarbeiter entlassen.

Recherchen ergeben allerdings: Von den tiefen Löhnen in der Stadt sind nicht Angestellte von kleineren Betrieben betroffen, die am ehesten unter Preisdruck leiden, sondern internationale Ketten, die finanziell gut aufgestellt sind. Hier arbeiten zudem die meisten Angestellten als Aushilfskräfte oder Teilzeit. Wie viel Lohn Ende Monat auf ihrem Konto verbucht wird, wissen sie oftmals nicht. «Unser Gehalt ist unterschiedlich. Wir erhalten einen Grundlohn plus Provision», sagt eine Verkäuferin. Die Provision hängt vom Umsatz des Shops ab.

Das Modell der Provisionierung sei auch mit dem Normalarbeitsvertrag (NAV) möglich, sagt Nicole Hostettler, Leiterin des Amtes für Wirtschaft und Arbeit. Dieser regle den Mindestlohn, für alles Weitere brauche es allerdings einen Gesamtarbeitsvertrag (GAV). Seit sechs Jahren stehen die Angestellten des Basler Detailhandels ohne einen GAV da.

Widerstand gegen einen NAV kündigte bereits die Gewerkschaft Unia an. Dies erstaunt. Vor sechs Jahren war es nämlich die Gewerkschaft selbst, die der Tripartiten Kommission einen NAV mit verbindlichem Mindestlohn vorschlagen wollte. Dies, nachdem es bei GAV-Verhandlungen zum Eklat gekommen war: Ende 2009 liessen Unia und Syna kurz vor der Unterzeichnung den Vertrag platzen, da ihnen der vorgeschlagene Mindestlohn von 3300 Franken zu niedrig war.

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