Medienunternehmer Christian Heeb und Medienwissenschafter Klaus Neumann-Braun haben sich eine eigene Welt gebaut – und darin sind sie Helden. Denn nach einem Jahr ihres Online-Mediums «barfi.ch» können sie feststellen, «eines der erfolgreichsten Start-ups» im Medienbereich hingelegt zu haben. Neumann-Braun, Professor der Universität Basel, meint: «Als regionales Medium ist es wohl das erfolgreichste.» Die Währung, die den Stolz nährt, ist der Likealyzer. Dieser gibt die Zufriedenheit der Facebook-Nutzer wieder. Für «barfi.ch» errechnet sich ein Wert von 91 von möglichen 100 Punkten. Besser geht es eigentlich nicht, «Weltrekord», glaubt der Medienprofessor sagen zu können.

Die Statistik ist gefunden, die den Erfolg bestätigt. Doch was mag sie belegen? Sicher den hohen Wohlfühlfaktor, den Heeb und sein Redaktionsteam innerhalb der Community erzielt. «Wir machen ein Medium nur für Basel und wir stehen dazu», sagt Heeb. Die Nutzer danken es ihm. Gut 100 000 Unique Clients, so eine andere Währung in der Internetwelt, habe «barfi.ch» im Juli gezählt, gut doppelt so viele erreicht beispielsweise die «Tageswoche».

Den grössten Zuspruch in Form von Facebook-Likes erhält «barfi.ch» bei nostalgischen Basiliensa. Als etwa ein Videoclip aus dem Uralt-Slapstick «d’Katz hets Kanarievögeli gfrässe» von HD Läppli alias Alfred Rasser aufgeschaltet wurde, geriet die Gemeinde aus dem Häuschen: Beeindruckende 200 000 Mal wurde der Beitrag aufgerufen, 2100 Mal geliket, 3300 Mal geteilt. Und keine einzige Interaktion sei zugekauft. «So etwas machen wir nicht», sagt Heeb.

Unerkannte Perlen
Immerhin bei einem Viertel der Aufrufe würden eigentliche journalistische Beiträge angewählt, ergab eine interne Auswertung. Bis zu fünf eigene Geschichten stelle die Redaktion täglich online, meint Heeb und beklagt sich leise, dass diese von der Konkurrenz noch nicht immer genügend wahrgenommen würden. Er zählt auf, welche BVB-Storys auf seinem Portal erschienen seien, lange bevor sie anderswo als Neuigkeit verbreitet wurden. Etwa, dass die Basler Innenstadt in den Sommerwochen erneut für den Tramverkehr gesperrt würde oder dass es den BVB zeitweise an Chauffeuren mangle.

Journalistische Relevanz, so sie dann auf «barfi.ch» aufscheint, ist jedoch nicht, was die Besucher interessiert. So brachte etwa der aktuelle Beitrag «Basler Baizer: viel Holz vor der Hütte» die zwar interessante Information, dass die Basler Verwaltung mindestens eine Dreiviertelmillion Franken aus der Vergabe von Boulevardbewilligungen kassiert. Doch nicht darüber entspannte sich die ausschliesslich über Facebook geführte Diskussion. Vielmehr löste das beigestellte historische Bild des Barfüsserplatzes einen Jö-Effekt aus und animierte zu Kommentaren. Für andere Wissenschafter wäre dies ein interessanter Studienbeleg für die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie, wie sie auf Facebook funktioniert, oder ein Beispiel für die zunehmende Banalisierung des öffentlichen Diskurses.

Für Heeb ist «barfi.ch» ein Erfolg, der weitere Erfolge mit sich bringt: Im kommenden Februar, 19 Monate nach Produktionsbeginn, werde die Firma erstmals Break-even erreichen, also in einem Monat so viel einnehmen, wie für Technik und die derzeit 17 redaktionelle Vollstellen ausgeben werde. Und dies, obwohl die Vermarktung bisher nicht plangemäss verlief. Mit dem ersten Vermarkter hat man sich überworfen und wird sich mit ihm vor Gericht wiederfinden, sollte nicht eine Einigung in letzter Schlichtung erfolgen. Ein eigenes Verkaufsteam sei nun seit dem Frühjahr an der Arbeit, sagt Heeb.

Ein eigenes Jobportal
Geschäftsideen sind vorhanden. Im E-Commerce sieht Heeb Potenzial. «barfi.ch» werde für Online-Händler bereits in den nächsten Tagen eine zusätzliche Plattform sein. Ob sie dafür einen fixen Betrag zahlen wollen oder eine erfolgsabhängige Provision, sei Verhandlungssache. Und ganz neu errichtet «barfi.ch» mit Unterstützung des Basler Gewerbeverband ein Jobportal ein. Für rund dreissig Franken könne der Arbeitgeber eine Anzeige schalten.

Für Heeb handelt es sich nicht einfach um ein weiteres Jobportal. Denn keines sei einfacher im Handling, keines lokaler verankert, keines günstiger. So wie kein anderes Medium ein engmaschigeres Wetterstationsnetz unterhält oder keines umfassender Todesfälle dokumentiert. In der eigenen Welt ist «barfi.ch» noch für viele weitere Weltrekorde gut.

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