Der «Bozzetto» ist noch unter Verschluss, streng geheim. Das Buch wird erst kommende Woche ausgeliefert. Am 8. Oktober wird es mit grossem Aufwand an der Frankfurter Buchmesse der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Frankfurter Weissbook-Verlag hat einen eigenen Stand dafür gemietet. Auf der grossen Messe gebe es keinen grösseren für ein einzelnes Buch. Ein Aufwand, als würde der nächste Bestseller von Dan Brown angeboten. Dabei ist der Autor Hermann Alexander Beyeler Novize unter den Schriftstellern.

Ein Unbekannter ist Beyeler dennoch nicht, zumindest nicht in seiner engeren Heimat Luzern und seiner Wahlheimat Pratteln. Im Basler Vorort gehört Beyeler das alte Industrieareal Buss, darauf hat er den «Anaxo»-Geschäftskomplex gebaut, ein Hochhaus mit 5-Sterne-Hotel versprochen sowie eine Kunstgalerie eingerichtet. Denn der Immobilienunternehmer Beyeler ist auch ein Kunstsammler. Fantastisch war schon seine Erzählung, wie er bei einem Antiquar ein Bild entdeckte, das sich als echter Rubens herausgestellt habe. Dann will er erfahren haben, illegitimer Nachfahre des russischen Zaren zu sein. Doch all dies toppt er nun mit einer Michelangelo-Sensation – die er im «Bozzetto» zunächst in Form eines real-fiktiven Thrillers verkündet.

Der Roman erzählt folgende, abenteuerliche Story: Bevor der italienische Renaissance-Künstler Michelangelo das Fresko «Das Jüngste Gericht» in der Sixtinischen Kapelle in den nassen Verputz malte, habe er einen Entwurf (Bozzetto) auf eine Holztafel gemalt. Doch auf diesem Gemälde liege ein Fluch. Wer es besitze, dem widerfahre Unheil. Durch ganz Europa ziehe sich seine Blutspur. Den Nationalsozialisten sei das Bild in Paris in die Hände gefallen. Nun bemühe sich eine ultrarechte, geheime Seilschaft, das Bild in ihren Besitz zu bringen. Denn mit dessen dämonischen Kräften lasse sich die grosse Verschwörung realisieren. Weltenretter treten ihnen aber entgegen; der Kunstsammler Hans Albert Bilgrim und sein Gehilfe, der Anwalt Maximilian Brückner. In selbstloser Mission streben auch sie nach dem Bild, um es in den Vatikan zu bringen – und damit den Bann zu lösen.

Für Auserwählte, die in den Manuskripten lesen konnten, ist dieser Bilgrim kaum verklausuliert Beyeler selbst. Und Brückner ist der romangewordene Co-Autor und Rechtsanwalt Gerd Schneeweis. Dieser hatte die Grundgeschichte des «Bozzetto» schon vor 15 Jahren unter dem Titel «Das Geheimnis der Sixtina» publiziert und behauptet, das Bild mit eigenen Augen gesehen zu haben. Beyeler wiederum meint zu wissen, wo es sich derzeit befindet: In einem Zollfreilager in der Schweiz, blockiert durch einen Erbstreit. Beyeler ist es ernst, so erzählt er zumindest: Mit Investoren wolle er das Bild kaufen und dem Papst schenken.

Ende August hatte der Verlag ausgewählte Bucheinkäufer sowie einen Fachjournalisten ins Hotel «Schweizerhof» nach Luzern geladen. Dort, am Ort, an dem einer der Morde im Zusammenhang mit dem Bild stattgefunden habe, sollte der Verkauf des Buches vorzeitig angekurbelt werden. Schliesslich soll eine Auflage von 25 000 Exemplaren gedruckt werden. Es sei eine seltsame Inszenierung gewesen, erzählt der Journalist auf Anfrage. Fantastisch, was erzählt wurde, nicht zu verifizieren, aber auch kaum zu widerlegen.

Franz Zöllner, Kunstprofessor der Universität Leipzig und Autor des Standardwerks über Michelangelo, sieht dies anders. Das ganze Gerede um einen Entwurf von Michelangelos «Jüngstem Gericht» sei «Unsinn» erklärt er gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Er sagt: «Auf all diesen absurden Zuschreibenden von Altmeistergemälden liegt gewissermassen der Fluch, weil sich dabei Besitzer und Zuschreiber lächerlich machen.»
Doch Beyeler wird sich von einem Einwand des anerkannten Experten nicht von seiner Spur abbringen lassen. Er lebt seine eigenen Wahrheiten. In seiner Galerie stellt er Künstler aus, die er für so bedeutend hält, dass er schon meinte, ihnen gebühre ein Auftritt an der Art Basel. Bei der Messe fand er kein Gehör, nun will er eben selbst eine Kunstbiennale ins Leben rufen.

Seinen Traum lässt sich Beyeler etwas kosten. An der Messe in Frankfurt werden Standhüter als Schweizer Gardisten in Fantasieuniformen auftreten. Den Messegästen werden Pralinen der Luzerner Konditorei Bachmann gereicht, die Beyeler selbst kreiert hat. Ausgewählte erhalten einen Wein, den Beyeler selbst schuf. Er ist ein Erfinder, etwa des «Weinnasenglases», dem Glas mit einer Ausbuchung für das Riechorgan.

In einem anderen Jahrhundert würde Beyeler vielleicht mit dem Universalgelehrten Leonardo da Vinci wetteifern. So aber wird da Vinci im kommenden Jahr nur Gast in seiner Galerie sein. Eine Ausstellung, die mit Nachbauten seiner Maschinen durch die Welt tingelt, wird bei Beyeler in Pratteln ihre Exponate präsentieren. Zwischen 60 000 und 80 000 Besucher erwarten die Veranstalter und Beyeler, der schon das Gesuch für einen Gastrobetrieb eingereicht hat, wird der Gastgeber sein. Eifrig werden Professoren gesucht, die dem Anlass die akademischen Ehren geben sollen.

Denn Beyeler ist es wichtig, dass seine Leistung honoriert wird. Das Schweizer Fernsehen hat ihm bereits einen Dokfilm gewidmet. Doch Beyeler liefert Stoff für mehr, für einen Roman. Was er noch nicht weiss: ein solcher ist tatsächlich am Entstehen und wird vielleicht, aber sicher bescheidener dereinst an der Frankfurter Buchmesse präsentiert.

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