Esther Maag legte vor einem Jahr ein Geständnis ab. «Ich bin ein Feigling», sagte sie an einer Medienkonferenz. Seit mehr als zwölf Monaten liege in ihrer Mailbox ein Austrittschreiben an ihre Partei, die Baselbieter Grünen. Sie habe es nicht abgeschickt, obwohl sie sich wegen «verkrusteter Machtstrukturen» nicht mehr wohl gefühlt habe. Mit dem Medienauftritt kündigte sie ihre Nationalratskandidatur für die frisch gegründete Splitterpartei der Grünen-Unabhängigen an. Die ehemalige Landratspräsidentin verlieh den Dissidenten etwas Glamour.

Heute lehnt Maag ein Gespräch über ihre neue Partei ab. Sie mailt: «Ich engagiere mich überhaupt nicht mehr parteipolitisch und kann deshalb nichts zu den Grünen-Unabhängigen sagen.» Es ist wieder ein Rücktritt, den sie ihren Parteikollegen über die Medien mitteilt. Diese gehen davon aus, dass Maag als Vorstandsmitglied der Partei die Sektion Liestal aufbaut. Dabei hat sich Maag nie ernsthaft um diese Aufgabe gekümmert. Nach dem schlechten Abschneiden bei den Nationalratswahlen zog sie sich zurück. Grünen-Nationalrätin Maya Graf, ihre einstige Parteifreundin, holte 36-mal mehr Stimmen als sie.

Auch die anderen Sektionen, die vor einem Jahr gross angekündigt worden waren, existieren nicht. Edmond Bernard, Präsident der Sektion Laufental der Grünen-Unabhängigen, sagt: «Im Laufental läuft gar nichts.» Die Sektion bestehe aus ihm und drei Kollegen. «Ich bin enttäuscht», sagt Bernard. Er habe mehr erwartet. Wahrscheinlich habe jeder Einzelne zu wenig geleistet.

Die Briefkasten-Partei
Der Allschwiler Seklehrer Michael Pedrazzi ist als Kontakt für die Allschwiler Sektion angegeben. Er sei aber nicht der Präsident. Dieses Amt existiere nicht, der Vorstand sei basisdemokratisch organisiert. Er sagt: «Weil die Ortsgruppe noch kein Postfach hat, stelle ich gerne meine Postadresse zur Verfügung.» Die Sektion hat zwei weitere Mitglieder, aber keinerlei politische Ambitionen. Zur Gründung der Briefkasten-Sektion führte eine Männerfreundschaft. Zwei der drei Allschwiler sind Lehrer, die mit Jürg Wiedemann an der Sekundarschule unterrichten.

Landrat Wiedemann gründete die Partei sowie das Komitee Starke Schule Baselland vor einem Jahr gemeinsam mit seiner ehemaligen Schülerin Saskia Olsson. Der Antrieb war Frust: Wiedemanns Bildungspolitik war bei den Grünen nicht mehrheitsfähig. Unmöglich gemacht hatte er sich mit seinem Widerstand gegen den Lehrplan 21. Heute Sonntag stimmt das Baselbiet darüber sowie über zwei weitere von Wiedemann lancierte Bildungsinitiativen ab. Der Einzelkämpfer hat etwas erreicht: Er brachte Unruhe in die Baselbieter Bildungspolitik. Doch seine Partei spielt dabei keine Rolle. Sie besteht im Wesentlichen nur noch aus ihm.

Vor einem Jahr sah es noch vielversprechend aus. Die Parteigründung liess die Kantonalpolitik erzittern. Der neuen Partei wurde ein Coup zugetraut, weil die Grünen schwächelten. Wiedemann setzte sich mit grossen Ankündigungen in Szene. Er behauptete: «In vier Jahren, wenn ich amtszeitbedingt aus dem Landrat ausscheide, wollen wir mit neunzig eigenen Kandidaten antreten.»

Heute sieht Wiedemann keine Zukunft mehr für die Grünen-Unabhängigen. Er sagt: «Ich bin der Überzeugung, dass die Partei dereinst wieder mit den Grünen zusammengehen wird.» Die Zeit dafür sei reif, wenn «die Alphatiere beider Parteien zurücktreten». Damit meine er sich und Esther Maag sowie die «ebenfalls überalterte Parteispitze der Grünen». Drei grüne Parteien – GLP, Grüne und Grüne-Unabhängige – seien definitiv zu viel.

Nur «Gugus»
Die «überalterte» Präsidentin der Baselbieter Grünen ist Florence Brenzikofer (40). Sie denkt nicht an ein «Zusammengehen» mit den Grünen-Unabhängigen, für die sie eine eigene Abkürzung erfunden hat: «Gugus». «Sie werden noch so lange existent sein, wie Jürg Wiedemann politisiert», sagt Brenzikofer. Das Ende steht bereits fest. Als Birsfelder Gemeinderat ist Wiedemann zurückgetreten. Im Landrat harrt er nur noch bis zu den nächsten Wahlen aus, damit keiner seiner ehemaligen Parteikollegen den Sitz kampflos erbt.

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