Herr Morger, weshalb machen die Roche-Pläne städtebaulich Sinn?
Meinrad Morger: Das Areal von Roche befindet sich «mitten» in der Stadt und eignet sich aufgrund ihrer über 100 Jahre kontinuierlich gewachsenen Anlage ideal für eine weitere starke innere Verdichtung. Die Koexistenz mit der Stadt beziehungsweise die unmittelbare Nähe zum Wettsteinquartier sehe ich als grosse urbane Chance und nicht als Fluch für unsere Stadt. Wohnen und Arbeiten gehören nicht getrennt, sondern unmittelbar zusammen.

Alt-Stadtbaumeister Carl Fingerhuth meinte im Interview mit der «Schweiz am Sonntag», solche Bauten passten besser nach Schweizerhalle.
Das sehe ich nicht so. Das ist der Irrtum der postmodernen Stadtidee, die Carl Fingerhuth ja vehement vertritt und die keine Antworten auf die Fragestellungen von morgen mehr leisten kann. Unterschiedliche Massstäbe, differente Architekturen und vielfältige Nutzungen machen die Stadt facettenreich. So gesehen ist es auch ein grosses Glück, dass die Messe Basel in der Stadt verblieb!

Sie argumentieren soziologisch: Wohnen und Arbeiten sollen nicht getrennt werden.
Das direkte Nebeneinander von verschiedenen Nutzungen ist eine grosse Chance für die Stadt des 21. Jahrhunderts: gesellschaftlich, ökologisch, ökonomisch und kulturell.

Bleibt die Frage, ob die hohen Gebäude nicht die Identität des Basler Stadtbildes zerstören.
Die Verdichtung wird nicht in einem moderaten Mass, sondern in einer radikalen Form vollzogen. Das ist so. Aber ich sehe darin noch kein Problem: Die Altstadt und die Stadt des 19. Jahrhunderts sind so kompakt und kräftig, dass diese durch eine neue Skyline nicht marginalisiert werden. Zudem baut nicht nur Roche aus. Auch um die Messe entsteht mit dem Messe-, dem Claraturm und dem Rosentalturm ein neues Ensemble. Und Novartis erneuert sich mit dem neuen Campus. Alle drei Orte zeichnen sich durch beispielhafte, differente Verdichtungskonzeptionen aus.

Sie plädieren für eine Gesamtsicht von Roche, Messe und Novartis?
Ja. Die drei Areale sind wichtige integrale «Stadtquartiere», die sich in guter Distanz zur Altstadt befinden.

Was zeigt die Tourismus-Werbung in zehn Jahren von Basel? Weiterhin Münster, Pfalz und Fähre?
Es ist doch gut, wenn sich eine Stadt nicht nur mit Bildern aus der Vergangenheit, sondern auch mit Bildern aus der Gegenwart zeigt. Sonst betreiben wir nur noch Folklore. Basel ist wirtschaftlich und kulturell eine prosperierende Stadt. Das soll auch neue vielfältige werbewirksame Bilder erzeugen.

Basel hat das Trauma, in den 60er-Jahren beinahe Pläne umgesetzt zu haben, die zur Zerstörung der halben Altstadt geführt hätten. Herrscht auch deshalb Skepsis gegenüber den grossmassstäblichen Projekten?
Der Vergleich stimmt deshalb nicht, weil damals durch einen Totalabriss eine neue Idee von Stadt in die Altstädte implantiert werden sollte. Mit Identitätsverlust. Die Verdichtung auf dem Roche-Areal ist keine Zerstörung, sondern ein Weiterbauen. Das ist ein ganz anderer, ein viel respektvollerer Vorgang. Was entsteht, ist ein «alt-neues» Areal. Ohne Identitätsverlust.

Carl Fingerhuth moniert, zu den Roche-Plänen finde keine Diskussion statt, da sich niemand getraue.
Eine offene Diskussion ist sicher nicht einfach. Es besteht die Befürchtung, dass Roche die Standortfrage stellt, wenn aus politischen Gründen der Gestaltungsplan nicht realisierbar wäre. Trotzdem: Ich bin der Meinung, dass eine Diskussion geführt werden muss. Denn es geht um die kausale Frage von Standortbewahrung durch innere Verdichtung versus Standortauslagerung mit äusserer Zersiedelung. Da leistet Roche einen wichtigen Beitrag zu einer zeitgemässen Stadtentwicklung. Darüber sollten wir doch diskutieren.

Sie formulieren in etwa die Lehrmeinung, wie sich Städte entwickeln sollen. Die Öffentlichkeit ist konservativer, wie zuletzt die Volksabstimmungen gezeigt haben.
Die Volksabstimmungen haben aufgezeigt, wo vielleicht die Grenzen einer direkten Demokratie liegen. Es ist fatal, wenn die politischen Interessen die inhaltlichen torpedieren. Das sieht man deutlich bei der abgelehnten Zonenplanänderung. Das Paradoxe dabei: Die Ängste wurden in erster Linie durch die Grüne Partei geschürt, die nun eine sinnvolle ökologische Weiterentwicklung der Stadt verhindert. Ist es der wirkliche Sinn unserer Demokratie, wenn über alles abgestimmt werden kann? Darüber müssen wir eine ernsthafte Diskussion führen – dringend.

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