Von Valentin Kressler und Andreas Maurer

Herr Baltisberger, linke Basler Nationalräte stimmen nicht immer im Interesse der Pharma, zum Beispiel beim neuen Heilmittelgesetz. Ärgert Sie das?
Matthias Baltisberger: Ich bin in der Schweiz aufgewachsen und akzeptiere die demokratischen Regeln. Entscheidend ist für uns, dass der Standort Basel wettbewerbsfähig bleibt. Und das ist immer noch der Fall.

Es würde Ihnen also nicht in den Sinn kommen, pharmakritische Politiker zu einer Aussprache in Ihr Büro vorzuladen?
Das wäre eine Gratwanderung: Es würde dann schnell heissen, die Roche baue zu viel Druck auf. Und wir sind ja nicht nur eine Firma, sondern auch Bürger. Und als Bürger empfiehlt es sich, die Gepflogenheiten eines Landes zu respektieren.

Pascal Brenneisen, Chef von Novartis Schweiz, stellte die beiden Basler SP-Nationalräte kürzlich sogar öffentlich an den Pranger. Was halten Sie davon?
Aussagen von Novartis möchte ich nicht kommentieren.

Wie umschreiben Sie die unterschiedlichen Firmenkulturen von Roche und Novartis?
Ich kann Ihnen unsere Firmenkultur schildern: Sie ist sehr menschenorientiert. Man grüsst sich, wenn man sich auf dem Areal begegnet. Und wir pflegen eine stilvolle Zurückhaltung. Wenn man immer schreit, hört am Schluss niemand mehr zu. Wir produzieren nach einer verlorenen Volksabstimmung keine Hektik. Insbesondere wenn die Auswirkungen, wie nach dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative, noch nicht bekannt sind.

Hat Roche dank dieser Firmenkultur ein besseres Image als Novartis?
Unser Selbstverständnis liegt nah am Selbstverständnis unserer Umgebung. Unsere Region hat etwas Calvinistisches. Die Zurückhaltung von Roche ist mir persönlich sympathisch.

Die Firmenkultur von Roche scheint Ihnen zu entsprechen. Im Gegensatz zu Herrn Brenneisen hatten Sie kaum öffentliche Auftritte.
Ja, diese Kultur passt zu mir.

Wie erleben Sie das Verhältnis der Region Basel zur dominierenden Pharma-Industrie?
Die Pharma ist die Branche, die mit Abstand am meisten Leben rettet. Und obwohl das so ist, hat sie nicht immer das Image, das sie verdient.

Weshalb nicht?
Das ist auch historisch gewachsen. Früher war die Pharma-Industrie mehrheitlich Chemie-Industrie. Damals war man in der öffentlichen Kommunikation viel zurückhaltender. Wir müssen den Mehrwert, den wir schaffen, noch besser erklären. Es muss uns gelingen, den Mitbürgern noch besser aufzuzeigen, was wir machen, warum wir das machen und wieso wir unseren Beitrag als sehr wichtig empfinden.

CVP-Kandidat und Roche-Jurist Lukas Engelberger wurde im laufenden Wahlkampf für die Regierungsrats-Ersatzwahl als «Handlanger der Pharma» diffamiert.
Eine Stärke unseres Landes ist es, dass Leute bereit sind, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. Dieses Milizsystem empfinde ich als sehr wichtig. Es steht unseren Mitarbeitenden frei, wie sie sich entwickeln möchten. Es war die persönliche Entscheidung von Lukas Engelberger, sich zur Wahl zu stellen.

Wie beurteilen Sie die Standortpolitik der rot-grünen Regierung?
Basel ist immer noch ein guter Standort. Von uns hören Sie keine Drohungen, dass wir uns einen Wegzug überlegen. Wir haben hier Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, gute Mitarbeitende zu gewinnen. Die Verlässlichkeit ist hoch, die Bauvorhaben sind gut planbar. Das bedeutet nicht, dass immer alle Ja sagen zu unseren Plänen, sondern dass wir am Tag X einen Entscheid erhalten. Das Schlimmste ist das Verschleppen von Entscheiden.

Sie sind also zufrieden mit der linken Regierung?
Ich sprach vorher aus der Optik von Roche. Als Standortleiter Basel lege ich den Fokus aber auch auf den Vergleich mit dem Ausland und hier stelle ich fest, dass es in Basel bei gewissen Themen Trends gibt, die ich bedaure. Vor allem bei der Mobilität. Wenn wir so weitermachen wie bisher, sind die Strassen in fünf Jahren völlig verstopft.

Was wollen Sie damit sagen?
Ich mache Ihnen ein Beispiel: Damit sich unsere Mitarbeitenden zwischen unseren Standorten Basel und Kaiseraugst gut hin- und herbewegen können, betreiben wir Shuttle-Busse. Leider stehen diese oft im Stau.

Fordern Sie eine eigene Fahrspur für Roche?
Nein, wir brauchen nur eine funktionierende Infrastruktur. Man sollte neue Modelle in Betracht ziehen. Wie zum Beispiel eine Monorail von Basel nach Kaiseraugst, sozusagen eine separate Spur über dem Boden, vier Meter in der Luft. Oder dann haben wir noch einen breiten grossen Weg, der völlig ungenutzt ist: den Rhein. Es ist der einzige Weg, der noch nicht verstopft ist. Er erschliesst, von unten beginnend, die Rheinhäfen, Novartis, das Universitätsspital, den Münsterhügel mit den Behörden und Roche. Deshalb könnte es sich lohnen, Pendlerschiffe einzurichten. Bei den Schleusen könnte man dann umsteigen. Wir brauchen mehr innovatives Denken im Verkehrsbereich. Wenn alle aufs Velo umsteigen müssen, dann hat die Stadt einen gewaltigen Wettbewerbsnachteil.

Wäre es einfacher, wenn die Kantone Basel-Stadt und Baselland fusionieren würden?
Was man zusammenbringen muss, ist die Infrastruktur. Es gibt eine Handelskammer beider Basel, ein Lufthygieneamt beider Basel, es gibt Gemeinden, die sich die Kosten einer Mehrzweckhalle teilen, und es gibt Feuerwehren, die zusammengelegt werden. Die Infrastruktur muss man effizient organisieren. Ganz banal gefragt: Weshalb haben wir noch gelbe und grüne Trams?

Das ist doch ähnlich wie bei Roche und Novartis: Es sind unterschiedliche Firmenstrukturen, die nicht zusammenpassen.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied. Wir geben unser Geld aus. Die Kantone geben das Geld anderer aus.

Was werden Sie persönlich stimmen bei der Kantonsfusion?
Ja. Ich bin dafür, eine Fusion zu prüfen.

Sie haben Ihre ganze berufliche Laufbahn bei Roche absolviert, fast fünfzig Jahre. Das ist aussergewöhnlich.
Ja, das ist heute selten. Heute wird den Leuten nahegelegt, alle drei bis vier Jahre den Job zu wechseln. Ich sage nicht, dass das schlecht ist. Aber wenn das alle machen würden, ginge eine Firma zugrunde. Es braucht einen verlässlichen Grundsockel, Leute, die lange bleiben. Wenn Sie immer nur Job-Hopping machen, haben Sie zwar Vieles gesehen. Sie können aber nicht sagen, welche Projekte Sie nun genau geprägt haben. Da habe ich Vorteile: Ich habe alle Süppchen, die ich einmal auf den Herd gestellt habe, später ausgelöffelt.

Was für Süppchen werden Sie ab dem 1. Juli, dem Tag Ihrer Pensionierung, kochen?
Ganz viele. Ich werde weiterhin eine Agenda haben. Der grosse Unterschied zu heute: Es werden nur noch Termine drin stehen, die ich selber eingetragen habe. Ich werde aber sicher noch das eine oder andere Mandat haben. Eines habe ich bereits angenommen: Ich bin im Stiftungsrat der Rehaklinik Rheinfelden. Dort leite ich die Baukommission. Zudem werde ich deutlich mehr Zeit mit der Familie meiner Frau in Japan verbringen. Und ich werde mich wieder mehr der Fliegerei widmen, die mich schon ein Leben lang beschäftigt. Eigentlich wollte ich Pilot werden, aber das klappte wegen meiner Sehschwäche nicht. Deshalb habe ich die Segelflugausbildung gemacht. Zudem fliege ich Modellflugzeuge und -helikopter. Den Keller habe ich voll mit Flugsimulatoren. Ausserdem werde ich wieder mehr musizieren.

Welches Instrument spielen Sie?
Die japanische Bambusflöte Shakuhachi. Auf den 65. Geburtstag habe ich von meiner Familie zudem ein Keyboard erhalten. Dazu werde ich auch singen.

Können wir auf einen Auftritt hoffen?
Nein, auf keinen Fall, sonst käme ich noch unter Leistungsdruck.

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