Gegen zwei Uhr nachts schreitet der Sicherheitsdienst der Bar Rouge ein. Eine Gruppe alkoholisierter Männer sei negativ aufgefallen. Sie werden aufgefordert, das Lokal im obersten Stock des Messeturms über die Notausgangstüre zu verlassen. Im Flur zum Notlift, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, eskaliert die Situation. Die Basler Staatsanwaltschaft wirft zwei Türstehern vor, dass sie Pfefferspray «aus geringer Distanz ohne entsprechenden Anlass absolut unverhältnismässig» in die Gesichter von drei Männern und zwei Frauen gesprüht hätten. Danach hätten die Sicherheitsmänner die Gruppe gewaltsam zum Lift gebracht. Unten habe ein Türsteher einem der weggewiesenen Partygäste einen Faustschlag ins Gesicht verpasst.

Zwei Sicherheitsmänner müssen sich in drei Wochen wegen mehrfacher Körperverletzung und mehrfachen Angriffs vor dem Basler Strafgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert bedingte Freiheitsstrafen von zehn Monaten mit einer Probezeit von zwei und drei Jahren. Der Angriff, der sich im Jahr 2012 ereignet haben soll, sei nicht der einzige Vorfall gewesen.

Ein halbes Jahr später sollen die beiden Türsteher ebenfalls Partygäste im Warteraum vor dem Lift angegriffen haben. Diesmal seien vier Männer attackiert worden, die in der Bar Rouge einen Polterabend feierten und sich gemäss Staatsanwaltschaft «nicht an die gute Kinderstube erinnert» hätten. Sie sollen auf dem Tisch und auf dem Sofa getanzt haben. Dennoch hätten die Türsteher auch dieses Mal «ohne Anlass» und «absolut unverhältnismässig» Pfefferspray eingesetzt. Dem Organisator des Polterabends habe der Sicherheitsdienst die Brille weggewischt, um die Augen besser zu treffen.

Die Basler Staatsanwaltschaft führt zudem parallel ein weiteres Verfahren gegen zwei andere Bar-Rouge-Mitarbeiter, die in den ersten Vorfall involviert sein sollen. Sie wurden im vereinfachten Verfahren per Strafbefehl wegen Angriffs verurteilt. Da sie diesen anfechten, werden ihre Fälle nun gleichentags vor Gericht verhandelt.

Strafverteidiger Christoph Dumartheray vertritt einen der vier Türsteher. Er kritisiert die Strafverfolgungsbehörde: «Die Staatsanwaltschaft ist voreingenommen aufgrund früherer Ereignisse.» Sämtliche Vorwürfe seien unhaltbar. Die Bar Rouge habe wegen Vorfällen in der Vergangenheit einen schlechten Ruf. Früher sei es tatsächlich zu gewaltsamen Übergriffen gekommen. Doch diese Zeit sei abgeschlossen.

Das Basler Strafgericht verurteilte 2011 insgesamt sieben Sicherheitsmänner, die Partygäste in den Jahren 2009 und 2010 im Lift des Messeturms verprügelt hatten. Die Türsteher, die von einer Zürcher Sicherheitsfirma angestellt waren, verloren danach ihren Job. Bar-Rouge-Inhaber Joël Gysin beendete nach den Urteilen die Zusammenarbeit mit der Firma und stellte eigenes Sicherheitspersonal ein. Heute sagt er: «Meine Türsteher sind nicht aggressiv. Es ist das friedlichste Team.» In den Fällen, die nun vor Gericht verhandelt werden, hätten sich seine Angestellten nur verteidigt. Zu den vorgeworfenen Delikten sagt er: «Wie schlimm ist das jetzt wirklich? Es wurde ja niemand verprügelt.»

Angesichts der rund 2000 Gäste, welche die Bar Rouge an einem Wochenende frequentieren, komme es zu wenigen Vorfällen, sagt Gysin. In anderen Clubs würden sich zudem ähnliche Szenen ereignen, nur komme es dort seltener zu Strafverfahren, weil die Kundschaft jünger sei. Die Bar Rouge richtet sich an ältere Partygänger. Gysin sagt: «Wenn man einen 18-Jährigen nicht konform rausbringt, passiert danach nichts. Wenn man aber einen 40-Jährigen nicht konform rausbringt, gibts Probleme.» Leute über dreissig würden weniger zu ihren Fehlern stehen und sofort vor Gericht gehen. Gysin nennt ein Beispiel: Einer der Partygäste, der in eines der aktuellen Verfahren involviert sei, habe die Nacht auf dem Polizeiposten verbringen müssen, da er gegenüber der Polizei ausfällig geworden sei. Gysin: «Wenn er vor der Polizei keinen Respekt hat, warum sollte er dann vor uns Respekt haben?»

Die Bar Rouge steht gemäss Gysin zu Unrecht unter Verdacht. Als Beleg erwähnt er ein Gerichtsverfahren aus dem Jahr 2013, bei dem ein Türsteher mangels Beweisen freigesprochen wurde. Um künftig Beweise auf seiner Seite zu haben, liess Gysin nun in der Bar Rouge Videokameras installieren. «Zum Schutz der Türsteher.»

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