Um der Läufelfinger Identitätskrise auf die Spur zu kommen, genügt ein Schritt aus dem Bahnhofsgebäude. Seit der Schliessung der Gips-Union 1981 sind hier nicht mehr Hunderte emsige Arbeiter anzutreffen, sondern graue Brachflächen, ein Autofriedhof und die obligate Spelunke. Tag für Tag wird der triste Dorfkern den Pendlern vor Augen geführt. Und wenn sie dann in ihren Einfamilienhäusern in der Peripherie ankommen, wird das Bild nicht besser. Zuzüger haben damals, als Läufelfingen in den Siebzigerjahren wuchs, ihren Traum vom Eigenheim verwirklicht. Da ist der Geschmack oft auf der Strecke geblieben.

«Damals» ist ein Wort, das die Läufelfinger oft benutzen. Damals war der Bahnhofsschalter noch bedient, damals gabs noch einen Dorfladen, damals fand man in Liestal noch Gehör. Gemeindepräsident Dieter Forter hat sich als einer der wenigen Dorfbewohner dem Heute gestellt. Er will nicht, dass seine Gemeinde so wird wie viele Dörfer im Elsass. «Da fährt man durch und nichts bewegt sich, alles ist heruntergekommen. So soll es bei uns nicht werden.» Die Rechnung Forters: «Um zu überleben, braucht es mittelfristig 1500 Einwohner.» Dahinter stecken in erster Linie betriebswirtschaftliche Überlegungen, sagt der Freisinnige. «Um die Infrastruktur erhalten zu können, müssen wir wachsen.»

Heute leben in der hintersten Gemeinde des Homburgertals knapp über 1300 Einwohner. Und weil Forter die Existenz Läufelfingens nicht dem Zufall überlassen will, wurde er bei der Fachhochschule vorstellig. Zwei Studenten haben sich des Patienten angenommen und 180 Seiten zum Thema «Standortmarketing» in Läufelfingen geschrieben. Auch sie machten die Beobachtung, dass das Dorf «etwas» in Vergessenheit geraten sei, obwohl es zumindest «viel Sonnenschein» zu bieten habe. Forter sagt, man habe die Vorschläge zur Verbesserung des Images umgesetzt oder werde es noch tun. So empfahlen die Studenten etwa, Dorflogos zu entwickeln, die etwas moderner daherkommen als das alte Wappen. Zudem sollte auf der Homepage ein Video geschaltet werden, in dem der Gemeindepräsident vom intakten Dorfleben spricht. Und überdies sollte Zuzügern ein Package offeriert werden mit Schreibmaterial und Infobroschüren. Kostenpunkt pro Stück: fünf bis zehn Franken.

«Kurzsichtige» Sparmassnahme
Das Überleben seines Dorfes, das weiss auch Forter, hängt nicht von Neuzuzügerpackages oder Logos ab. Im Baselbiet steht die nächste Sparrunde an, die den Läufelfingern den Bahnanschluss kosten soll.

Noch in diesem Jahr entscheidet das Parlament über den 8. Generellen Leistungsauftrag. Ab 2020 soll die Zugverbindung der S9 auf Busbetrieb umgestellt werden, weil sie selbst für eine subventionierte Bahn zu wenig rentiert. Forter kann die «kurzsichtige» Sparmassnahme seiner bürgerlichen Kollegen nicht nachvollziehen. «Auf dem Papier können so jährlich 900 000 Franken gespart werden. Aber für die neuen Busverbindungen braucht es verkehrstechnische Baumassnahmen, die nicht mit eingerechnet sind.» Für die Läufelfinger stehe zudem so viel auf dem Spiel. «Die S9 fährt uns in zehn Minuten nach Olten und nach Sissach.» Sollte sie gestrichen werden, würde das Dorf abgeschnitten. «Mit dem Auto kommt man nicht so leicht über den Hauenstein.»

Wohnungen beim Bahnhof
Mehrmals stand die 1858 eröffnete Hauensteinlinie, die mit dem Bau des Basistunnels 1916 zunehmend an Bedeutung für den Durchgangsverkehr verlor, vor dem Aus. Zuletzt scheiterte die Stilllegung 2012 im Landrat. Mit an vorderster Front der Lobbyisten: Dieter Forter. Erst der Einsatz fürs Läufelfingerli habe ihn in die Politik getrieben, sagt er. Vorher sei er ein «durch und durch unpolitischer» Mensch gewesen. Nun steht der schwierigste Kampf an, weiss er. Seine Parteikollegin Sabine Pegoraro, die als Baselbieter Baudirektorin für den Abbau verantwortlich ist, hat sämtliche Kompromissvorschläge zur Rettung des Läufelfingerlis gebodigt. Und der Landrat ist rechter denn je.

Höchstwahrscheinlich, sagt Forter, werde erstmals eine Volksabstimmung nötig. Aufgeben wird er nicht; zu oft war er mit seiner Gemeinde schon siegreich. Forter denkt daher schon weiter. Daran, wie er die überlebenswichtigen 1500 Einwohner erreichen will. Mit einem grossen Überbauungsprojekt soll das heruntergekommene Areal des Betonwarenhändlers Kohler einer Siedlung mit rund 85 Wohnungseinheiten weichen. «Die Lage ist perfekt», sagt der Läufelfinger Gemeindepräsident. «Ist ja auch nur eine Minute vom Bahnhof entfernt.»

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