Es sind Leute wie der Bauunternehmer Christoph oder die «Rössli»-Stammgäste Alex und Willy, die Roggenburg am vergangenen Sonntag zum Eintrag in die Geschichtsbücher verhalfen. Sie gehören zu den 214 von 231 Stimmberechtigten, die ihr Wahlcouvert nicht einwarfen. 7,3 Prozent: Eine derart tiefe Abstimmungsbeteiligung hatte es in der 182-jährigen Geschichte des Landkantons zuvor nie gegeben.

Die Baselbieter Politik ist in der Dorfbeiz «Rössli» so gut wie nie ein Thema. 47 Kilometer liegt der Hauptort entfernt, und weil die Strecke zwischen Kleinlützel und Röschenz wegen Bauarbeiten gesperrt ist, dauert die Autofahrt nach Liestal zurzeit über eine Stunde. Aber welcher Roggenburger will da schon hin? Alex bestimmt nicht. Er hat seit dem Anschluss des Laufentals an den Kanton Baselland vor über zwanzig Jahren nie an einer Abstimmung oder Wahl teilgenommen. «Und wenn einer abgewählt wird, dann kommt kein Besserer nach», sagt er. Die meisten, aber nicht alle Roggenburger, denken wie er. Wie so oft, wenn Geschichte geschrieben wird, ist auch ein bisschen Zufall – oder in diesem Fall Pech – dabei. Willy und seine Frau vergassen schlicht, ihr Couvert einzuwerfen. In einer Gemeinde wie Roggenburg können ein paar Vergessliche schnell den Unterschied machen.

Die Themen waren aus Roggenburger Sicht noch weiter weg als sonst. Die Umfahrung Elba hätte nur den Unterbaselbieter Gemeinden etwas genützt, «und die haben die Nase sowieso hier oben», sagt Alex. Wie eine Mehrheit der Roggenburger stimmte er 1989 vergeblich für den Verbleib im Kanton Bern.

Um das Desinteresse der Roggenburger am Kanton Baselland zu verstehen, reicht ein Blick auf die Karte. Das 281-Seelen-Dorf ist umgeben von solothurnischem und jurassischem Kantonsgebiet und grenzt ans Elsass. Mit dem nächsten Baselbieter Dorf Liesberg ist Roggenburg nur durch einen Punkt verbunden. Es ist ein Leben in Abgeschiedenheit: Seit Generationen haben hier die Blochs, Jacquemais und Walthers das Sagen. Die Linken sind dann willkommen, wenn sie keinen Stunk gegen das alljährliche Highlight machen: das internationale Motocross-Rennen. Viel mehr als dieser Grossanlass ist den Roggenburgern nicht geblieben, nachdem die Post und der Dorfladen geschlossen haben und auch das «Rössli» vor einer ungewissen Zukunft steht. Der 78-jährige Beizer Ernst Gerber sucht dringend einen Nachfolger.

Gemeindepräsident Peter Hufschmid, einer der wenigen gewissenhaften Roggenburger Wähler, ist mit seinen 70 Jahren auch keiner, der für die Zukunft steht. Der gebürtige Basler zog vor dreizehn Jahren aus Australien hierher. Er wollte nicht zurück in die Stadt. Als Architekt, Autor und Fotograf könne er seinem Beruf viel besser nachgehen, wenn er statt des Autoverkehrs die Kuhglocken bimmeln höre. Bereits nach vier Jahren im Dorf wurde Hufschmid in stiller Wahl in den Gemeinderat gewählt. Hier sitzen neben ihm noch vier weitere Parteilose.

Auch wenn in Roggenburg die Stimmbeteiligung seit je tief ist, empfindet Hufschmid seine Dorfbevölkerung nicht als politikverdrossen. Er hält das Gedankengut für «eher landwirtschaftlich bodenständig». Kein einziger Reicher wohne hier und bezahle in Roggenburg die Steuern – mit ein Grund, dass die Gemeinde nach der Reform des Finanzausgleichs in die roten Zahlen zu rutschen droht.

Als der Baselbieter Finanzdirektor im vergangenen Jahr die Entlastung der Unterbaselbieter Gebergemeinden ankündete, habe sich gezeigt, wozu die Roggenburger in der Lage sind. Hufschmid polterte medienwirksam gegen die Reform, was selbst im «Rössli» Anklang fand. So laut wurde in der Dorfbeiz nicht politisiert, seit die Frage über die Kantonszugehörigkeit die Gemeinde spaltete. Alex ist dem Gemeindepräsidenten noch heute dankbar, wie er sich für sein Dorf eingesetzt hat.

Hufschmid ist überzeugt, dass die 7,3 Prozent Stimmbeteiligung ein einmaliger Ausrutscher bleiben. Nächste Woche ist Gemeindeversammlung, da wird er die Dorfbevölkerung sicher noch einmal darauf ansprechen. Und da sind jeweils zwischen 30 und 40 Bewohner anwesend – im Vergleich zu den grösseren umliegenden Gemeinden Röschenz und Kleinlützel eine beachtliche Zahl. Dieses Mal könnten es noch etwas mehr sein. Denn auf der Traktandenliste steht die Schaffung eines Massengrabs auf dem Friedhof der katholischen Kirche. Und es dürfte auch wieder empörte Voten über das Kopfsteinpflaster geben, das ins Gotteshaus führt. Unlängst wäre beinahe ein Sarg vom Karren gefallen, als man ihn über die holprige Zufahrt rollte.

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