Georges Fünfschilling ist der Drahtzieher des Widerstands. Dem ehemaligen Unternehmer gehört die Liegenschaft der Schlosserei Fünfschilling an der Binninger Hauptstrasse. Nebenan plant die Non-Profit-Organisation Exit ihr erstes Sterbezimmer der Nordwestschweiz. Als einziger Direktbetroffener wurde Fünfschilling vom Bauinspektorat in die Pläne eingeweiht. Sie haben ihn aufgeschreckt. «In jedem anständigen Spital oder Altersheim werden die Verstorbenen diskret hinter dem Haus abtransportiert. In Binningen soll das mitten im Dorf passieren», empört sich der ehemalige FDP-Politiker. Eine Zumutung sei das für die Laufkundschaft. Der Patron ist zwar abgetreten, doch er spricht immer noch in der Wir-Form: «Direkt vis-à-vis haben wir Garderoben und Besprechungsräume.»

Fünfschilling, Bruder von alt Ständerat Hans Fünfschilling (FDP) und Ehemann von alt Landratspräsidentin Bea Fünfschilling (FDP), reicht Einsprache ein und aktiviert sein FDP-Netzwerk. Als Erstes schaltet er seinen Parteifreund Mike Keller ein, der nicht nur den Gemeinderat, sondern auch den örtlichen Gewerbeverein präsidiert. Dieser sei nicht informiert gewesen.

Keller nutzt seine heikle Doppelrolle. Als Gemeindepräsident veranlasst er eine Stellungnahme, mit der Exit auf die «Spielregeln» aufmerksam gemacht wird. «Wir wollen keinen Sterbetourismus und kein expandierendes Geschäft. Der Betrieb soll möglichst wenig Aufsehen erregen», sagt Keller. Als Gewerbepräsident wird Keller nicht selber aktiv. Diese Aufgabe übernimmt eine Untergruppierung des Vereins: die IG Hauptstrasse. Diese organisiert gegen die von Exit beantragte Nutzungsänderung für das Sterbezimmer eine Sammeleinsprache. Fünfschilling hat über zehn Ladenbesitzer kontaktiert. «Sie alle wollen das Sterbezimmer nicht», sagt er.

Mike Keller, der von seiner Partei im Sommer als Regierungsanwärter übergangen wurde, wird dem progressiven Flügel der Baselbieter FDP zugeschrieben. Er versucht, seine Rollen zu trennen. Als Gemeindepräsident sagt er: «Wir nehmen die Pläne zur Kenntnis.» Als Gewerbepräsident sagt er: «Als Verein nehmen wir keine Stellung.» Als Privatperson sagt er: «Ich persönlich finde den Standort der Exit-Filiale im Gemeindezentrum unglücklich. Im Gewerbegebiet gäbe es weniger Konflikte.» Gegen Sterbehilfe habe er persönlich nichts: «Das muss jeder mit sich selber abmachen.» Keller vergleicht die Sterbehilfe mit der Lagerung von AKW-Brennstäben: «Das finden grundsätzlich alle richtig und gut. In der eigenen Gemeinde kann es aber zum Problem werden.»

Kuno Mathis, Inhaber des gleichnamigen Fotogeschäfts und ehemaliger Co-Präsident der IG Hauptstrasse, hat die Sammeleinsprache mitunterschrieben. Er erklärt das Unbehagen: «Ich bin für Sterbehilfe. Aber nicht in einer Zone, in der Kinder wohnen.» Das Sterbezimmer sei nicht gut für das Image der Hauptstrasse.

Doch auch der eigene Protest kann Unbehagen auslösen. Wer die Lebensmüden an den Dorfrand verbannen will, setzt sich als Gewerbler dem Verdacht aus, die Gewerbefreiheit zu verletzen. Franziska Schwarz, Inhaberin der gleichnamigen Papeterie und Präsidentin der IG Hauptstrasse, will sich zu ihrer Sammeleinsprache nicht äussern. Am liebsten wäre ihr, der Widerstand liesse sich diskret hinter den Kulissen führen.

Das FDP-Establishment der reichen Basler Vorortgemeinde bringt sich mit der Sammeleinsprache in eine delikate Situation. Die FDP-Männer machen sich eine Frau aus den eigenen Reihen zur Gegnerin: Exit-Präsidentin Saskia Frei ist ehemalige FDP-Politikerin und wohnt nahe des Binninger Dorfzentrums im Basler Bachletten-Quartier. Sie will einen öffentlichen Konflikt vermeiden und lässt über ihren Sprecher ausrichten, dass es derzeit nichts zu vermelden gebe. Exit werde mit den Einsprechern Kontakt aufnehmen, um die Missverständnisse auszuräumen.

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