Herr Eymann, in der Vernehmlassung zum Lehrplan 21 hagelte es Kritik. Wie schätzen Sie die teilweise harschen Reaktionen ein?
Christoph Eymann: Wir nehmen die Kritik ernst, aber derzeit gibt es einfach zu viel Aufregung, die nicht angebracht ist. Ziel der Vernehmlassung ist, die umstrittenen Punkte zu diskutieren. Auch ich meine, dass gewisse Formulierungen im Lehrplan 21 «jenseits» sind. Das ist aber noch kein Grund, Weltuntergangs-Stimmung zu verbreiten.

Nun wird die Vernehmlassung ausgewertet und der Lehrplan 21 überarbeitet. Wieviel an Anpassung ist überhaupt noch möglich?
Ich gehe davon aus, dass er stark überarbeitet wird. Aber: Ich möchte in diesem Zusammenhang festhalten, dass die Verfasser grundsätzlich eine gute Arbeit geleistet haben. Ich finde es etwas merkwürdig, wenn das fünfhundertseitige Werk als Monster kritisiert wird. Wenn ich die Lehrpläne, die derzeit in Kraft sind, aufeinanderlege, sind das mindestens so viele Seiten. Ausserdem müssen die Lehrpersonen den Lehrplan nicht jeden Tag aus der Schublade ziehen und schauen, was drinsteht. Sie müssen ihn einmal genau studieren, was in Bezug auf ihr Fach drinsteht und den Unterricht entsprechend anpassen.

... oder auch feststellen, dass sich gar nicht so viel ändert.
Genau. Dabei ist es natürlich auch die Aufgabe der Erziehungsdirektorenkonferenz, den Lehrerinnen die Angst zu nehmen. In der Kommunikation haben wir uns wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Das müssen wir verbessern. Wir wissen schliesslich auch, dass es irgendwann eine Pressekonferenz der SVP geben wird, an der sie ihren weiteren Widerstand gegen den Lehrplan 21 skizziert.

Verstehen wir Sie richtig: Der Lehrplan wird inhaltlich nicht eigentlich überarbeitet, nur die Inhalte besser verpackt?
Wir werden beides tun. Es geht darum, dass wir gewisse Formulierungen verändern, die wirklich schlecht waren.

Zum Beispiel?
Leider habe ich gerade kein konkretes Beispiel. Auf jeden Fall wird und soll das Werk anders aussehen. Aber ich muss sagen, dass ich ob der Heftigkeit der Kritik schon überrascht bin. Nicht einmal bei der zweiten Gotthardröhre hat es derart extremen Widerstand gegeben.

Basel-Stadt braucht den Lehrplan dringend, weil das Schulsystem 2015 umgestellt wird. Wenn er scheitert, haben Sie ein Problem.
Ja, wir haben ein grosses Interesse daran, dass der Lehrplan 21 möglichst rasch abgesegnet wird, denn ich bin eigentlich nicht gewillt, ein Provisorium zu gestalten. Aber wir akzeptieren ihn nicht um jeden Preis. Wenn etwas Problematisches darin steht, werden wir die Umsetzung natürlich ablehnen. Die Kantone haben aber auch einen gewissen Gestaltungsspielraum.

Die Baselbieter Regierung hat den Lehrplan 21 zurückgewiesen. Wie werten Sie diesen Entscheid?
Ich weiss nicht, wie der Entscheid zustande gekommen ist. Ich werde mit meinem Kollegen Urs Wüthrich noch darüber reden. Ich kann aber sagen: Als Staatsbürger habe ich Fragezeichen in Anbetracht der Signale, die derzeit aus Baselland kommen. Offenbar denken gewisse Kreise sogar über den Ausstieg aus Harmos nach. Dabei hat Baselland 2002 mit seiner Standesinitiative als einer der ersten Kantone eine Harmonisierung der Schulsysteme gefordert. Und jetzt will man plötzlich wieder zurück? Mir zeigt diese Reaktion, dass die Legislative kein Gedächtnis hat.

Und wie war Ihre Reaktion auf den Entscheid der Baselbieter Regierung?
Ich habe etwas gestaunt, dass die Regierung gleich eine Ablehnung empfohlen hat. Es wird dadurch relativ schwierig zu begründen sein, wenn Baselland den Lehrplan 21 trotzdem einführen wird.

Nicht nur in Baselland, in der ganzen Deutschschweiz wird mehr Mitbestimmung bei der Ausgestaltung des Lehrplans gefordert. Ist der Lehrplan 21 zu sehr ein Experten-Produkt?
Nein. Die Fachexpertise war unerlässlich. Ich finde es eher problematisch, wenn sich die Politik nun zu stark einmischt. Da kann ich nur sagen: Höhere Mächte mögen uns davor bewahren. Eine Demokratisierung ist ja gut und recht. Aber wir haben vor der Einführung der Fallkostenpauschale auch nicht jeden, der einmal operiert wurde, gefragt, ob ihm das neue System passt.

Als Erziehungsdirektor verbauen Sie 800 Millionen in Schulhäuser, haben das Schulsystem mit Harmos umgekrempelt und führen nun den Lehrplan 21 ein. Damit gehen Sie als Erziehungsdirektor in die Basler Geschichte ein.
Diese Reformen wären auch ohne mich gekommen.

Also eher eine Verkettung glücklicher Umstände?
Na ja, die Umstände waren nicht immer glücklich. Ich musste auch einstecken. (Lacht). Aber es freut mich natürlich, dass ich in dieser interessanten Zeit tätig sein darf.

Ihre Chancen stehen gut, dass Ihr Karriere-Ende 2017 als Regierungsrat schöner ausfallen wird als jenes von Carlo Conti.
Mir tut leid, was Carlo Conti passiert ist, es ist eine menschliche Tragödie, das sehe und spüre ich. Neben der persönlichen Tragik habe ich in dieser Zeit aber ein sehr geschlossenes Regierungsgremium erlebt. Alle waren teilnahmsvoll. Vielleicht klingt das nun etwas zynisch: Aber das war ein schönes Erlebnis.

Was? Den Zusammenhalt zu erleben?
Ja, aber nicht ein Zusammenhalt gegen die böse Aussenwelt, die nun Transparenz fordert. Sondern der Zusammenhalt in Bezug auf Carlo Contis Schicksal.

... woran Herr Conti nicht ganz unbeteiligt ist.
Ja, das stimmt. Und es ist sicher richtig, dass jetzt diese Untersuchung läuft, um Transparenz zu schaffen. Ich meine, wir haben in Basel-Stadt eine klare gesetzliche Regelung. Nun wird geschaut, wie Regierung und Chefbeamte diese eingehalten haben.

Ist unser Eindruck zutreffend, dass der Spielraum für Magistraten enger geworden ist. Nach dem Motto: Gestern normal, heute Skandal?
Der Umgang von Regierungsmitgliedern mit Honoraren und Spesen beschäftigt die Leute gegenwärtig sicher stark. Und das ist auch eine normale Reaktion. Wenn beim Canyoning ein Unfall passiert, entsteht auch ein öffentlicher Diskurs über Sicherheit.

Sie gewinnen der entstandenen Diskussion nur Positives ab?
Nein, ich sehe auch Probleme: Je grösser bei Regierungsräten die Angst ist, einen falschen Schritt zu machen, desto mehr droht die Gefahr, dass sich einer nur noch stromlinienförmig verhält und keinen Mut mehr aufbringt, anzuecken. Wenn man die fähigsten Leute in hohen politischen Ämtern möchte, die auch bereit sind, sich unbeliebt zu machen, dann muss man dem Amt den entsprechenden Respekt entgegen bringen.

Sie wurden vor 13 Jahren gewählt. Was hat sich seither verändert?
Allzu viel hat sich nicht verändert. Aber sicher hat die öffentliche Kontrolle zugenommen, auch durch das Öffentlichkeitsprinzip. Das befürworte ich grundsätzlich, aber auch dort zeigt sich: Die ständige Überwachung kann dazu führen, dass Regierungsräte sich scheuen, grössere Veränderungen in Angriff zu nehmen. Es konfektioniert einen Regierungsrat eher im Mittelmass.

Geht es Ihnen schlechter als früher?
Nein. Ich möchte das nicht wehklagend sagen. Ich finde einfach, die Regierbarkeit muss auch künftig gegeben sein.

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