Leser R.T. aus Basel wittert eine Verschwörung. Er fragt sich, weshalb die «Basler Zeitung» vor den Wahlen eine «politische Hetzkampagne» gegen den Polizeidirektor Baschi Dürr (FDP) veranstaltet habe, aber erst nach den Wahlen über «den Millionendeal» von Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels (SP) im Zusammenhang der Tramverlängerung nach St-Louis berichtete. In einem Leserbrief in der BaZ meint R.T. diese Woche: «Hier läuft doch einfach etwas schief in den Recherchen und in unserer Gesellschaft.»

R.T. unterstellt der Zeitung bewusst oder unbewusst politische Absicht, den bürgerlichen Magistraten heftig vor, den Sozialdemokraten weniger heftig nach den Wahlen attackiert zu haben – und zeigt damit seine mehrfache Verwirrung. Er geht nicht nur stillschweigend davon aus, jede Berichterstattung sei ohnehin politisch unterfüttert, er bringt vielmehr auch die Fronten durcheinander: Hätte die bürgerliche BaZ ihr politisches Programm publizistisch umgesetzt, hätte es wohl gar keine Anti-Dürr-Kampagne gegeben.

Die ungeordneten Gedanken seines Lesers hat Chefredaktor Markus Somm aktiv gefördert. In seiner Analyse zum Ausgang der Basler Wahlen begründete er die Dürr-Attacken einerseits damit, die Redaktion habe gerade nicht parteipolitisch gehandelt, sondern einfach recherchiert. Andererseits spricht Somm nur einige Zeilen weiter von einer «monatelangen Kampagne der BaZ» gegen Hans-Peter Wessels, der dieser allerdings überlebt habe.

Was nun? Recherchiert die Zeitung oder macht sie Kampagne? Wann gilt das eine, wann das andere?

Die Folgen eines publizistischen Schlingerkurses beschränken sich längst nicht mehr auf einen einzelnen Leserbrief, den die ebenfalls kompassbefreite Redaktion abgedruckt hat. Die Konsequenzen finden sich mittlerweile in einer – über die BaZ hinaus – partiell gestörten Kommunikation zwischen Medien und Behörden.

Überforderte Verwaltung
Aktuelles Beispiel akuter Überforderung, mit medialer Berichterstattung umzugehen, lieferte diese Woche die Baselbieter Baudirektion. Sie sah sich genötigt, unmittelbar auf Anwürfe der «bz Basel» zum U-Abo zu reagieren. Geeignet wäre gewesen, mit behördlicher Autorität und bei nächster Gelegenheit eine überlegte Entkräftung vorzulegen – und eventuell Fehler einzuräumen. Stattdessen verschickte die Direktion von Sabine Pegoraro (FDP) eine Erklärung, deren Widersprüchlichkeit ihre Überstürztheit zum Ausdruck bringt.

Die Stadtbasler Kollegen vom Bau- und Verkehrsdepartement haben die Contenance schon im Frühjahr 2015 verloren und auf ihrer Website das Gefäss «Blickwechsel» geschaffen. Die Rubrik diene dazu, «missverständlichen oder falschen Aussagen unsere Sichtweise entgegenzustellen». Der jüngste Eintrag datiert vom 23. Dezember und stellt den BaZ-Lokalleiter Christian Keller bloss. Dieser hatte geschrieben, die BaZ sei nicht auf die «inakzeptablen Modalitäten» von Hans-Peter Wessels eingegangen, da dieser der Zeitung bloss ein schriftlich geführtes Interview angeboten habe. Im «Blickwechsel» ist nun das angeblich nicht realisierte Interview abgedruckt, was zwar die Empörungsrhetorik des BaZ-Journalisten offenlegt, gleichzeitig aber eine interne, nicht zur Publikation freigegebene Kommunikation zwischen Redaktion und Behörde öffentlich macht. So nachvollziehbar vielleicht der Wunsch des Departements, sich zu revanchieren, so unnötig die damit verbundene Verletzung der Regel, dass Urheberrechte auch für Ämter gelten.

Die Zerwürfnisse der zwei letzten Wochen des Jahres wären nicht vollständig wiedergegeben ohne den Verweis auf Reinach. Die Baselbieter Gemeinde wirft der BaZ eine unlautere Berichterstattung sowie unlautere Methoden bei der Informationsbeschaffung vor. Inkriminiert wird der Beitrag «Sex mit Minderjährigen in Reinacher Asylheim», der im Titel schon die Geschichte erzählt. Nun reicht die Gemeinde eine Beschwerde beim Presserat ein. Die vermehrt aus Basel angerufene standesethische Kommission kann festhalten, ob die Richtlinien korrekten journalistischen Verhaltens verletzt worden sind. Ihre Sanktionsmöglichkeit ist allerdings darauf beschränkt, dies öffentlich zu machen.

Verlässlichkeit gefordert
Wem der öffentliche Diskurs etwas wert ist, dem sollte die Kadenz der Vorfälle zu denken geben. Sie ist kumulierter Ausdruck, wie gegenseitiges Vertrauen und gegenseitiger Respekt schwinden. Medien und Verwaltung haben sehr wohl unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen. Diese haben jedoch nicht in Abgrenzung zueinander, sondern in Bezug aufeinander zu spielen. Medien und Verwaltung sind komplementäre, nicht konträre Akteure in Diensten einer gemeinsamen Öffentlichkeit. Es geht in beiden Fällen um den einzelnen Bürger. Dieser benötigt Orientierung und nicht Verwirrung. Doch ohne Verlässlichkeit der vermittelnden Institutionen ist solche nicht zu haben. Und diese wiederum ist ohne Glaubwürdigkeit nicht zu haben.

Einem Leser wie R.T. wäre ohne weiteres zu helfen. Zu schaffen ist dies jedoch bloss unter der Bedingung, dass von Medien wie von Behörden ein Wille dazu besteht.

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