Die Wahlbeschwerde war bereits geschrieben. Am Sonntagabend des Wahltags bemerkte eine Arlesheimer SP-Politikerin, dass etwas nicht stimmen konnte: Die SVP hatte in ihrem Wahlkreis 2530 Zusatzstimmen erhalten und damit ein Mehrfaches von FDP und SP. Sie entnahm dies einer Auswertung des Wahlbüros, die ihr zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch gar nicht zugänglich hätte sein sollen.

Ihre Beschwerde reichte sie bei der Landeskanzlei ein – die diese jedoch weder zu diesem noch zu einem späteren Zeitpunkt öffentlich machte. Eine erste Abklärung am Montagvormittag nach der Wahl hatte ergeben: Die ausgewiesenen Zusatzstimmen waren zwar offenkundig falsch, doch am Gesamtresultat änderte sich nichts. Die Politikerin liess sich nach Einblick in die Daten überzeugen und zog ihre Wahlbeschwerde zurück. Doch was ist geschehen?

Auf die Wahlpanne angesprochen nimmt Landschreiber Peter Vetter Stellung: Es handle sich um einen Fehler beim Bereitstellen des Programms im Vorfeld der Wahlen. Als die sieben SVP-Kandidaten aus dem Kreis Münchenstein/Arlesheim in das Wahlerfassungssystem «Sesam» eingetragen worden sind, hatte sich zunächst ein Tippfehler eingeschlichen; ein Leerzeichen zu viel war gesetzt worden. Die Korrektur wurde vom System aber nicht richtig abgespeichert. Dort gab es nun zwei SVP-Listen: eine korrekte mit sieben Namen und eine falsche mit bloss zwei Namen und fünf Leerzeilen.

Weder das System selbst bemerkte den Fehler noch die Wahlhelfer, die es am Wahlsonntag mit Zahlen fütterten, und auch nicht die Landeskanzlei bei der Auswertung der Daten. Betroffen waren die 506 unverändert eingeworfenen Zettel mit der SVP-Liste. Die durch die Leerzeilen falsch ausgewiesenen Zusatzstimmen waren allerdings nicht relevant für die Berechnung, mit der die Landeskanzlei das Wahlresultat festlegte – die Panne blieb deshalb folgenlos. Vetter sagt: «Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.»

Am Dienstag nach den Wahlen rechnete der Softwarelieferant die Wahlen mit der korrigierten Eingabe nochmals durch, um wirklich sicherzustellen, dass das am Sonntag verkündete Wahlresultat korrekt gewesen sei. Im Protokoll heisst es: «Die Fehler in den Auswertungen (...) haben auf den Ausgang der Wahl keinerlei Einfluss.»

Der Fehler ist dem Softwarelieferant an sich bekannt und sei auch schon ein oder zwei Mal in der Vorbereitung von anderen Wahlen vorgekommen, sagt Geschäftsführer Reinhard Semlitsch. Der Fehler sei passiert, als beim Kanton im letzten Moment eine Ersatzperson einen Tippfehler korrigierte. Wenn Sesam als Dienstleister für diverse Gemeinden selber Daten in der Vorbereitung erfasst, sei der Fehler noch nie aufgetreten. Sicherheit stehe bei Wahlen aber an oberster Stelle, deshalb sei der Vorfall «sehr unangenehm», sagt Semlitsch. Doch wo Menschen arbeiteten, gebe es Fehler.

Das Programm Sesam hat sich bei der Auswertung von Proporz-Wahlen in der Schweiz zu einer Standardsoftware entwickelt, die in 630 Gemeinden und in zehn Kantonen zum Einsatz kommt, dabei auch in beiden Basel. Sie ist weitgehend skandalfrei. Einzig bei den Berner Stadtratswahlen kam es 2012 zu einer nicht erklärbaren Fehlermeldung wegen eines einzigen Sammelkuverts: In diesem waren physisch zehn Stimmzettel, doch das System erkannte nur neun. Das Programm musste manuell übertölpelt werden, um ein Schlussresultat kommunizieren zu können.

Dass die Auszählungen in Baselland in den vergangenen Jahren nicht immer reibungsfrei verliefen, war unabhängig von der Datenverarbeitung. Vor vier Jahren etwa gab es eine stundenlange Verzögerung, weil es Liedertswil – eine Gemeinde mit 150 Personen – nicht schaffte, das Resultat nach Liestal zu melden.

Unerklärlich viele Zusatzstimmen hatte in den Wahlen 2011 zudem die SP im Wahlkreis Muttenz erhalten, da auf rund 200 Wahlzetteln bloss der Name der SP-Kandidatin Ayse Dedeoglu aufgeführt war. Die Auffälligkeit hatte die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen, die wegen Wahlbetrugs und Stimmenfangs ermittelte. Ein grafologisches Gutachten zu 276 Stimmzetteln, das nach einem halben Jahr vorlag, ergab aber, dass darauf von mindestens sechzig verschiedenen Handschriften zu finden waren. Damit wurde der Vorwurf des Wahlbetrugs hinfällig. Im November 2011 schliesslich wurde das Verfahren auch wegen unerlaubten Stimmenfangs eingestellt.

Nach den Erfahrungen der Vorjahre hatte die Landeskanzlei die aktuelle Panne unter dem Deckel gehalten. Von der «Schweiz am Sonntag» angefragt, legten Vetter und sein Kommunikationschef Nik Kaufmann die Datenpanne allerdings offen. Gemäss Kaufmann sei zudem der Regierungspräsident im Nachgang der Wahlen informiert worden und die Gesamtregierung erhalte einen abschliessenden Bericht der Landeskanzlei.

Rechtlich war die Landeskanzlei stets auf der sicheren Seite, da die Wahlresultate am Sonntag als provisorische gekennzeichnet waren. Mit der Publikation im Amtsblatt wurden sie gültig und für drei Tage anfechtbar. Gänzlich unumstösslich wurden sie durch die Bestätigung des neugewählten Landrats durch die Regierung und umgekehrt die Bestätigung der neuen Regierung durch den Landrat.

Die nächste Bewährungsprobe kommt mit der Nationalratswahlen bereits im Herbst auf die Landeskanzlei zu. Bis dann will man alle Probleme beseitigt haben und ein weiterer Plausibilitätstest werde bei Sesam einprogrammiert, sagt Semlitsch. Baselland hat auch hier Verbesserungspotenzial: Vor vier Jahren waren die Hochrechnungen der SRG am Wahltag falsch, weil der Landkanton als einziger die Resultate nicht in der amtlichen Reihenfolge, sondern alphabethisch geordnet nach Bern gesendet hatte.

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