Die sonst so spontane Elisabeth Ackermann fordert am Telefon Bedenkzeit. Eine halbe Stunde lässt sie sich, bevor sie per SMS antwortet. Sie möchte sich zum Interviewtermin lieber in der Stadt treffen als in Liestal, wo sie als Musiklehrerin am Gymnasium unterrichtet. Ein bisschen Imagepflege muss doch sein. Den Bürgerlichen, die sie gerne als gitarrespielendes Landei dargestellt hätten, will die grüne Regierungskandidatin nicht schon Anfang Wahlkampf in die Karten spielen.

Leugnen will Ackermann ihre Herkunft freilich nicht. In Therwil, in den 70er-Jahren noch ein Bauerndorf, wuchs die heute 52-Jährige auf. Früh begann sie sich für Politik zu interessieren, bereits als 13-Jährige trat sie der Bürgerinitiative bei. Noch bevor es die Grüne Partei gab, schloss sich Ackermann in der Pubertät Friedensbewegungen und Anti-AKW-Protesten an. Als sie in Bern gegen den Einmarsch der Russen in Afghanistan demonstrierte, wurde sie «grundlos» verhaftet, wie sie sagt. Gewalttätig sei sie nie gewesen – straffällig wurde sie trotzdem einmal: «Kiffen war damals in meinem Umfeld weit verbreitet. Das habe ich auch probiert – und sogar inhaliert.» Da sie keine Wirkung verspürte, habe sie fortan die Finger davon gelassen.

Dossierfest, aber belächelt
Die Flegeljahre hinter sich, zog sie Anfang der Achtzigerjahre in die Stadt, heiratete und bekam zwei Kinder. Ihre Politkarriere lenkte die Aktivistin in geordnete Bahnen, und sie wurde Mitbegründerin der Basler Grünen. Konform sein mochte sie deshalb noch lange nicht. Sie badete im Rhein, obwohl das Wasser als dreckig galt. «Da wurde man noch ziemlich schief angeschaut, wenn man im Badkleid am Flussbord entlang spazierte.» Dass die meisten Mittelstandsfamilien damals ein Auto hatten, beeindruckte sie nicht. Ackermann fuhr Zug und Velo. Und konnte sich über riesige Autos nerven, die ihr im Stadtverkehr gefährlich nahe kamen. Wenn ihre Kinder im Anhänger sassen, konnte die junge Mutter so laut fluchen, dass die Kleinen den Kopf schüttelten.

Ambitionen hatte Ackermann in der Politik lange nicht. Sie hatte eine Familie und ihren «Traumjob» als Gitarrenlehrerin am Gymnasium. Erst mit 43 Jahren rückte sie ins Parlament nach. Und obwohl sie bald in wichtigen Kommissionen Einsitz nahm, als durchaus dossierfest galt und im vergangenen Jahr gar zur Parlamentspräsidentin gewählt wurde, wurde hinter vorgehaltener Hand weiter gespottet, ihr fehle das Format. Ackermann blieb das nicht verborgen, liess sich aber nicht unterkriegen. Trotzig sagt sie heute: «Mein Grossratspräsidialjahr hat wohl viele überrascht. Es klingt zwar etwas arrogant, aber ich glaube, dass ich oft unterschätzt werde.»

Hartes halbes Jahr vor sich
Unterschätzt zu werden, damit musste sie früh leben lernen. Als sie sich entschied, ans Gymnasium zu gehen, und gar so frech war, die jungslastige Mathe-Linie zu wählen, runzelte so mancher die Stirn. «Damals fragten mich einige, warum ich mir das antue. Das lohne sich doch nicht, da ich später sowieso heirate und Hausfrau werde», erzählt sie mit einem Lachen. «Heute zum Glück unvorstellbar», sagt sie. Und trotzdem gehöre der Kampf für die Frauenrechte nicht in die Mottenkiste. «Politisch sind wir noch lange nicht gleichgestellt. Ich wäre ja erst die vierte Basler Regierungsrätin.» Und die erste Regierungspräsidentin überhaupt.

Debatten wie diejenige über ihren Kleiderstil, den ihre Herausforderin im Kampf ums Regierungspräsidium, Martina Bernasconi (GLP), als nicht magistral empfindet, nimmt sie mit einem Achselzucken zur Kenntnis. «Ich glaube nicht, dass man über die Kleider eines Mannes so diskutiert hätte.» Vom empfohlenen Stil- und Kleiderberater jedenfalls hält sie nichts. Baschi Dürr (FDP), dem rhetorisch geschliffenen Widersacher aus dem bürgerlichen Lager, will sie im Rennen um das Präsidialamt nicht mit Oberflächlichkeiten, sondern mit Authentizität und Volksnähe beikommen. Bis im Herbst will sie nicht nur an Podien, sondern auch bei Werbeaktionen auf der Strasse auf sich aufmerksam machen. «Die Leute werden spüren, dass ich das Amt wirklich will.» Ganz im Gegensatz zu Dürr. Der, so Ackermann, habe bereits im ersten Streitgespräch in der gestrigen bz einen etwas unmotivierten Eindruck hinterlassen.

Parteikollegen prognostizieren Ackermann ein «hartes halbes Jahr» bis zu den Wahlen am 23. Oktober. «Ich habe ehrlich gesagt etwas Angst, dass sie in einige Fettnäpfchen tritt und am Druck zerbricht», sagt ein Fraktionsmitglied. Elisabeth Ackermann wird diese Einschätzung nur recht sein. In der Rolle der Unterschätzten fühlt sie sich am wohlsten.

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