Von Aline Wanner und Sylvia Scalabrino

Herr Tschäppät, in der Stadt Zürich haben SP-Parlamentarierinnen in einer Interpellation die Loslösung der Stadt vom Kanton angeregt. Das Gegenteil also wie in Basel. Eine gute Idee?
Alexander Tschäppät: Wir diskutieren ja in Bern Ähnliches wie in Zürich. Bern und Zürich sind Städte mit zahlreichen teuren Zentrumsleistungen. In die Basler Fusionsabstimmung möchte ich mich nicht einmischen, ich kann aber versuchen, die Vor- und Nachteile eines Stadtkantons gegenüber Städten in einem Kanton mit ländlichem Hinterland aufzuzeigen.

Was wären denn die Vorteile eines fusionierten Kantons?
Eigentlich haben wir zu viele Kantone. Die kleine Schweiz mit ihren vielen Gemeinden mit eigener Verwaltung ist nicht mehr zeitgemäss. Der Grundgedanke von Fusionen ist deshalb absolut richtig. Bei Fusionen kommen die urbanen Räume aber unter Druck: Es gibt plötzlich ein ländliches Hinterland, das davon überzeugt werden muss, Leistungen für das Zentrum zu erbringen.

Genau deshalb haben Sie sich schon für einen eigenständigen Stadt-Kanton Bern ausgesprochen.
Aus egoistischer Städte-Sicht wäre das eine attraktive Vorstellung. Die Städte haben grosse Einwohnerzahlen und tragen die finanziellen Hauptlasten. Allerdings ist die Solidarität zwischen Stadt und Land entscheidend. Die Schweiz ist ein grosses urbanes Gebiet.

Die ganze Schweiz ein grosses, urbanes Gebiet? Auch das Emmental?
Klar gibt es Unterschiede, aber die Distanzen sind doch sehr klein in der Schweiz: Das ist doch nichts im Gegensatz zu Amerika oder Australien.

Spielen ländliche oder städtische Identität und Mentalität denn in der Schweiz keine Rolle?
Doch. Je weiter weg man geht, desto grösser wird der Stadt-Land-Graben. Aber wenn ich sehe, wer mir als Stadtpräsident Briefe schreibt und sich über irgendetwas beklagt, dann sind zwei Drittel keine Stadt-Berner. Für Bewohner der umliegenden Gemeinden ist Bern «ihre Stadt», obwohl sie nicht direkt mitreden können.

Das zeigt doch, dass sich die Landbevölkerung zur Stadt zugehörig fühlt.
Das ist so. Es ist ihr Theater, ihr Hallenbad, ihr Fussballclub. Damit sind die finanziellen Fragen aber nicht gelöst. Warum wird in Zürich eine Diskussion über einen Halbkanton geführt? Weil es Investitionsvorhaben in Infrastruktur in der Stadt schwer haben: Auf dem Land gehen Lädeli ein, Buslinien werden eingestellt und gleichzeitig soll in der Stadt stark investiert werden.

Wie könnte Guy Morin künftig die Baselbieter Gemeinden in einem fusionierten Kanton davon überzeugen, dass ihnen Zentrumsleistungen auch etwas bringen? Zum Beispiel das Theater?
Das ist ja die grosse Kunst. Er könnte das mit Besucherzahlen belegen, Einzugsgebiete aufzeigen. Das versuchen wir auch. Es ist harte Arbeit.

Harte Arbeit, weil die rot-grün-regierten Städte in den letzten Jahren über ihre Verhältnisse gelebt haben? Zum Beispiel im Kulturbereich?
Basel ist führend bei den Museen, zwischen Bern und Zürich gibt es im Theaterbereich einen Quantensprung. Aber es gibt schon Dinge, die man hinterfragen kann. Braucht zum Beispiel jedes Theater ein eigenes Ballett? Vielleicht wären nationale Ballett-Ensembles eine gute Alternative. Aber bei Hallenbädern und Fussballplätzen braucht es pro Benutzer so und so viel Platz, da bringt eine Zusammenarbeit wenig.

In Basel-Stadt gibt es ja kaum Stimmen gegen die Fusion. Stellen sich die Städter das Projekt zu einfach vor?
Das kann ich nicht beurteilen. Eines der grossen Probleme, die wir heute haben, ist die unsolidarische Haltung. Zum Beispiel die finanzpolitische Entwicklung mit Steuerhöllen und Steuerparadiesen. Das kann es ja nicht sein. Deshalb ist ein Umdenken der Städter absolut richtig. Aber man soll sich dann einfach keine Illusionen machen in Bezug auf die Zusammenarbeit von Stadt und Land.

Seit wann beobachten Sie den Stadt-Land-Konflikt?
Das ist kein neues Phänomen. Der Gegensatz existiert, seit es gewisse Dinge nur noch im städtischen Raum gibt.

Woran denken Sie?
Ansiedlungen von Unternehmen gibt es fast nur noch im urbanen Gebiet. Die Städte haben aber auch ihre Hausaufgaben gemacht. Sie wurden viel attraktiver. Vor fünfzig Jahren gab es eine Stadtflucht. Seither haben die Städte enorm aufgeholt. Von der Lufthygiene bis hin zu Kinderkrippen und Freizeitangeboten für alle.

Das klingt doch toll. Warum jammern denn die Städte ständig?
Ich gebe zu, in der Schweiz wird auf hohem Niveau gejammert. Aber: Rein rechnerisch ist es schon so, dass die Zentrumslasten nicht genügend abgegolten werden. Trotzdem kann man als Zentrum nicht nur von Lasten sprechen, sondern muss auch die Vorteile sehen. Bei uns in der Stadt ist der Schnee geräumt, wenn ich am Morgen aus dem Haus komme. Wenn ich in Gadmen wohne, sieht das anders aus. Andererseits gilt es auch, den Städtern die Vorteile des Landes aufzuzeigen: als Naherholungsgebiet zum Beispiel.

Wie erleben Sie denn konkret die Situation in Bern?
Ich erlebe eine grosse Solidarität in der Agglomeration Bern. Je weiter eine Gemeinde von der Stadt entfernt ist, desto geringer ist die Solidarität. Wie soll ich einem Gemeindepräsidenten im Oberland erklären, dass der Postautokurs nur alle sechs Stunden fährt, während gleichzeitig in den öffentlichen Verkehr in der Agglomeration Bern massiv investiert wird? Im Kantonsparlament macht das regelmässig «päng» – und eine Mehrheit ist aus einem klaren Anti-Stadt-Reflex dagegen.

Wie erklären Sie sich das?
Wenn ich als Städter sage: Die Fachhochschule gehört in die Stadt, dann ist das für das ländliche Umland arrogant. Die sagen: Die Städter haben ja schon alles. Warum muss auch noch die Fachhochschule in die Stadt? Wenn man sie nicht dort ansiedelt, wo Uni und Bahnhof sind, dann ist sie einfach weniger attraktiv. Jetzt hat die Berner Fachhochschule über zwanzig Standorte. Das ist nicht mehr zeitgemäss.

Könnte eine Fusion von Stadt und Land in Basel nicht auch zu mehr Solidarität führen?
Nein, eben nicht automatisch. Das ist Knochenarbeit. Das Parlament wird in Basel nach einer Fusion bezüglich der politischen Kräfteverhältnisse wohl ganz anders aussehen. Aber das muss nicht gegen eine Fusion sprechen. Das Zusammengehen hätte auch viele Vorteile, wenn ein gegenseitiges Verständnis besteht.

Wäre eine Fusion mit Agglomerationsgemeinden nicht sinnvoller?
Wenn man jetzt von neuen städtischen Halbkantonen redet, dann sind die Agglomerationsgemeinden ja mitgemeint, obwohl es denen heute auch nicht mehr so gut geht. Früher haben die Städte mit der A-Problematik gekämpft: Arme, Asylsuchende, Ausländer, Alleinerziehende. Heute sind die Städte zum Wohnen attraktiver geworden, dadurch sind die Mietzinse massiv gestiegen und die günstigen Wohnungen rar. Also gab es einen Verdrängungseffekt in die Agglomeration, was sich auch in den Resultaten der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative spiegelt. Die Stadt und die Agglomeration haben gemeinsame Interessen.

Wir fassen zusammen: Sie finden Fusionen sinnvoll, als Berner käme Ihnen aber ein Stadtstaat ganz gelegen.
Eine Fusion muss einen Gewinn bringen. Wahrscheinlich bringt eine Fusion für eine Stadt wie Basel mehr Umstellungen als für das Land. Die Stadt muss in einem fusionierten Kanton mehr auf das Land zugehen und mehr Konflikte klären, als wenn sie selbstständig bleibt. Es scheint mir eigentlich klar: Die Diskussion über das Zusammengehen gehört zur Geschichte der beiden Basel, aber für den urbanen Raum wäre das Nicht-Zusammengehen einfacher.

Es sind aber die Baselbieter, die eher gegen eine Fusion sind.
Dann kann Guy Morin ja beruhigt sein.

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