Die Meldung machte vor zwei Jahren schweizweit Schlagzeilen: In einer Aprilnacht stand ein Biber vor dem Haupteingang des Basler Zoos. Der Nachtwächter öffnete ihm das Tor in der irrigen Annahme, es handle sich um einen Ausreisser, der reumütig zurückkehre. Der Biber watschelte durch den Eingang und verschwand. Erst nach vier Tagen konnte er von Tierpflegern eingefangen werden. Sie gaben ihm einen Namen: Justin. Der Tierarzt untersuchte ihn unter Narkose und stellte fest, dass es sich um ein Weibchen handelt. Aus Justin wurde Justine. Die prominente Dame wurde an einem geheimen Ort ausgesetzt, um sie vor Biber-Touristen zu schützen. Doch obwohl Justine ihr neues Leben undercover begann, tauchte sie vor einem Jahr erneut in den Medien auf, wenn auch anonym. Der Kanton Baselland meldete, dass ein Biberpaar zum ersten Mal seit der Ausrottung vor zweihundert Jahren an der Birs Nachwuchs erhalten habe.

Die Behörden verschwiegen die Identität der Biber. Sie fürchteten, dass der Rummel um die Biber-Babys zu gross wird, wenn bekannt würde, dass sie aus einer Promi-Familie stammen. Auch der Vater, der sich freiwillig in der Reinacher Heide an der Birs niedergelassen hat, ist kein Unbekannter. In Dornach fällte er in einem Garten einen Apfelbaum, zum Entsetzen des Besitzers.

Mittlerweile haben Paparazzi die Biberburg in der Reinacher Heide entdeckt. Ein Pensionierter wartet seit acht Wochen jeden Morgen und jeden Abend mit seinem Teleobjektiv am gegenüberliegenden Birsufer. Abends zwischen acht und neun Uhr verlassen die dämmerungsaktiven Biber die Burg und machen sich auf die Suche nach frischer Baumrinde. Manchmal können dann auch die einjährigen Jungtiere beim Spielen beobachtet werden. Vor zwei Wochen erhielten sie ein weiteres Geschwister: Ein neues Jungtier wurde gesichtet.

Jede Bewegung wird von den Biber-Beobachtern dokumentiert. Ein Hobbyfotograf erklärt seine Leidenschaft: Er schwärmt von den Vollmondnächten, in denen die Köpfe der Biber silbern glänzten. Endgültig entfacht worden sei seine Liebe, als er der Biberdame auf dem schmalen Pfad am Birsufer plötzlich gegenüber gestanden sei. Ihre Blicke kreuzten sich. Doch Justine rannte nicht weg. Da war es um den Senior geschehen. Er hat eine Vermutung, weshalb die Biber keine Angst vor ihm hätten: Er stinke mittlerweile selber nach Biber, so oft halte er sich am Birsufer auf. Die Biber markieren ihr Revier mit einem Sekret, das «Bibergeil» genannt wird.

Auch die Menschen, die ihre Freizeit den Bibern widmen, haben eine spezielle Bezeichnung. Sie nennen sich «Biber-Freaks». Einer von ihnen hat beim Pfad, über den die Biber die Birs verlassen, eine Videofalle installiert. Obwohl der Datenschutz geritzt wird, lassen die Behörden den Biber-Freak gewähren. Sie freuen sich, dass die Biber im Baselbiet auf Wohlwollen stossen. Gemäss einer Umfrage stehen ihnen hier 95 Prozent der Bevölkerung positiv gegenüber. Das ist schweizweit der höchste Wert. Am tiefsten ist er im Wallis.

Die Familie von Justine sorgt allerdings auch an der Birs für erste Probleme. So hauste sie anfangs in einer Röhre, die nur bei viel Regen Wasser führt, und sie staute den Dorfbach. In beiden Fällen drohten Überschwemmungen. Die Behörden luden zu einer Sitzung, an der sogar die Frage gestellt wurde, ob man die Tiere nicht schiessen könne. Das kommt nicht infrage, da sie unter Schutz stehen. Die Naturschützer stellten sich auf den Standpunkt, dass nicht die Biber das Problem seien, sondern das Dreckwasser, das durch das Naturschutzgebiet fliesst. Wäre das Bachwasser sauber, wäre es unproblematisch, wenn es nach Überschwemmungen im Grundwasser versickert. Dieses wird vom Reinacher Wasserwerk genutzt.

Mit der gefundenen Lösung sind alle Parteien zufrieden, auch Familie Biber: Mitarbeiter des Wasserwerks dürfen einen Teil der angeschleppten Äste aus Bach und Röhre entfernen. Die Biber haben sich arrangiert und die Burg am anderen Flussufer gebaut.

Mit Spannung erwartet wird der nächste Frühling: Dann werden die zweijährigen Jungtiere aus der Burg vertrieben. Sie werden ihre Wanderung antreten, die Justine vor zwei Jahren in den Basler Zoo führte. Die wenigsten Biber finden Zuflucht bei freundlichen Nachtwächtern. Die Haupttodesursache für Schweizer Biber ist der Strassenverkehr.

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