Nicole Wagner blickt in achtzig Gesichter. Hinter ihr prangen die Meilensteine ihrer Reform, die sie in den vergangenen fünf Jahren vorbereitete. Vor ihr sitzen, wie in einem Konzertsaal aufgereiht, Mitarbeiter der sozialen Institutionen Basels. Sie folgten der Einladung, sich den Umbau der Sozialhilfe erklären zu lassen. Der Auftritt an diesem späten Donnerstagnachmittag könnte Nicole Wagner gehören. Sie könnte ihn als Bühne nutzen, um vom neuen Konzept zu schwärmen, die eigene Innovation anzupreisen, die Aufmerksamkeit zu geniessen. Davon ist Wagner weit entfernt. Kurz und sachlich führt sie ein; beschreibt im Verwaltungsjargon – «Analysen», «Grundlagenkonzept», «Pilotphase», «Paradigmenwechsel».

Kaum zu glauben, dass Personen aus dem rechtsbürgerlichen Lager aufheulten, als Departementsvorsteher Christoph Brutschin die Juristin vor knapp sechs Jahren ins Amt hob. Damals hatte sie sich als Geschäftsleiterin des Basler Wohnwerks bewiesen und aus der Politik bereits verabschiedet. Dennoch nahm die SVP «mit Entsetzen» die Wahl der früheren Basta-Grossrätin zur Kenntnis und kündigte an, der neuen Amtsleiterin mit ihrer «links-fundamentalistischer Herkunft genaustens auf die Finger zu schauen». Es war ein Aufschrei ohne Crescendo. Im Gegenteil. SVP-Grossrat Eduard Rutschmann nimmt in der Geschäftsprüfungskommission die Sozialhilfe jährlich unter die Lupe. Heute bilanziert er: «Nicole Wagner macht ihren Job gut. Ich wünsche mir diese Frau nicht weg.» Auch ihre Reform überzeuge. «Die Sozialarbeiter können nun viel besser auf ihre Klienten eingehen.»

Sozialarbeiter in der Verantwortung
Sorgt die Sozialhilfe für Schlagzeilen, sind sie fast immer negativ. Missbrauch und hohe Ausgaben dominieren den Diskurs. Änderungen rufen Polemik und politisches Säbelrasseln hervor. Bei der Neuausrichtungen unter Wagner blieben sie aus. Seit diesem Dienstag arbeiten die ersten Teams der Basler Sozialhilfe nach dem neuen Konzept. In einem halben Jahr soll es implementiert sein. Dabei ist die Reorganisation für Mitarbeiter wie Klienten tiefgreifend. «Neu liegt die gesamte Fallverantwortung bei der Sozialarbeit», sagt Wagner.

Als sie 2011 das Amt von ihrem Vorgänger Rolf Maegli übernahm, wickelten kaufmännische Mitarbeiter die Fälle grösstenteils ab. Sozialarbeiter wurden punktuell eingesetzt. Mit der Neuausrichtung sollen die Klienten unterstützt werden, wie sie möglichst rasch von der Sozialhilfe wegkommen. Dafür ersetzte Wagner kaufmännische Abgänge durch Sozialarbeiter. Die Regierung und der Grosse Rat bewilligten zudem zehn zusätzlich Stellen. Jetzt bilden in den Beratungsteams die Sozialarbeiter die Mehrheit. Bei jedem Neueintritt erstellen sie ein sogenanntes Ressourcenprofil. Im Gespräch mit dem Klienten wird seine Bedürftigkeit abgeklärt, seine Lebenssituation aufgenommen: Welche Arbeitserfahrungen bringt er mit? Welches soziale Netzwerk hat er? Arztzeugnisse oder IV-Berichte komplettieren das Bild. Darauf basierend werden Ziele vereinbart. «Sie sind individuell. Wer gesund und arbeitsfähig ist, dem muten wir entsprechend viel zu. Zentral ist, dass unsere Mitarbeitenden den Klienten dafür motivieren können», sagt Wagner.

Neu ist auch, dass jeder Sozialhilfebezüger seinem Profil entsprechend einer von vier Stufen zugeteilt ist. Danach richten sich die Sozialarbeiter aus: Wer grosse Chancen hat, rasch von der Sozialhilfe wegzukommen, erhält mehr Beratungszeit. Ist eine Ablösung unwahrscheinlich, kommen Partnerorganisationen wie die Abteilung Sucht zum Zug. «Wir betreuen 5700 Dossiers. Unsere beschränkten Ressourcen müssen wir zielgerichtet einsetzen», sagt Wagner. Wieso schreit bei solch einem Klassensystem die Linke nicht auf?

Der frühere Wegbegleiter und ehemalige Basta-Grossrat Urs Müller bezeichnet die Reform als dringend notwendig: «Damit orientiert sich die Beratung an den Klienten.» Mit der Abstufung beweise Wagner Mut. «Sie erspart Sozialhilfebezüger einen Spiessrutenlauf.» Wer beispielsweise kurz vor dem Rentenalter in die staatliche Abhängigkeit gerät, würde nicht mehr mit aussichtslosen Auflagen unnötig «gepiesackt», sagt Müller. Gleichzeitig scheue Wagner sich nicht, bei fehlendem Einsatz die entsprechenden Personen sanktionieren zu lassen.

Jetzt muss sich diese Reform in der Praxis beweisen. Still und ohne Aufsehen, wenn es nach der Amtsleiterin geht.

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