Von Rahel Koerfgen

Noch vor zwanzig Jahren wurde sie für tot erklärt. Die Schallplatte galt nach den Siegeszuges der CD als technisch überholt. Doch seit einem Jahrzehnt steigen die Vinyl-Verkäufe wieder an – in den USA haben sie im ersten Halbjahr ein 26-Jahre-Hoch erreicht. Und in der Schweiz hat sich der Umsatz im vergangenen Jahr laut Ifpi, dem Branchenverband der Schweizer Musiklabels, auf 1,7 Millionen Franken verdoppelt. Geschäftsführer Lorenz Haas sagt: «2015 hat sich das Wachstum fortgesetzt. Wir rechnen mit einer Umsatzzunahme um bis zu 50 Prozent auf 2,5 Millionen Franken.»

Dies spüren die wenigen Geschäfte in Basel, die noch – oder wieder – Schallplatten verkaufen. Bei Atlantis Records ist der Verkauf das erste Mal seit Jahren wieder stärker als jener von CDs, sagt Geschäftsführer Bernie Rotzinger: «Mittlerweile erziele ich 65 Prozent des Umsatzes durch Vinyl-Scheiben. Vor fünf Jahren war es genau umgekehrt.» Michael Zaugg, Inhaber des Musikfachladens Plattfon Stampa an der Feldbergstrasse, sagt: «Seit der Eröffnung im 2009 haben die Schallplattenverkäufe bei uns kontinuierlich zugelegt.» Er räumt aber ein: «Wir können vom Geschäft knapp leben. Reich werden wir damit aber nicht. Vinyl ist und bleibt ein Nischenprodukt.» Tatsächlich entsprechen die Zahlen von Ifpi gerade mal zwei Prozent des Tonträgermarktes. Der Vinyl-Boom bewegt sich auf einem sehr tiefen Niveau.

Die Zahlen von Musik Hug bestätigen das. Das Musikaliengeschäft verkauft seit 2012 wieder Schallplatten. Der Anteil am Gesamtumsatz Tonträger beträgt aktuell in Basel zwei bis drei Prozent – «mit steigender Tendenz», sagt Lukas Sidler, Fachgruppenleiter Tonträger. «Vinyl hat sich einen neuen Markt erschlossen: Oft sind es junge Kunden, die Schallplatten kaufen. Musik Hug wird das Sortiment entsprechend ausbauen.» Besonders beliebt seien Neuausgaben von Klassikern wie etwa von Pink Floyd, Miles Davis oder Led Zeppelin.

Bei Plattfon werden nebst diesen Neuausgaben auch ganz neue Alben und Secondhand-Platten gut verkauft. Hier ist allerdings eine gewisse Ernüchterung spürbar. Michael Zaugg sagt: «Wir haben uns schon ein wenig mehr von diesem Boom erhofft.» Gerade das laufende Jahr sei schwierig: «Angesichts des schwachen Euros kaufen viele Sparfüchse ihre Platten im Internet oder im Ausland ein.» Dementsprechend sei der Verkauf von Vinyl-Scheiben bei Plattfon in diesem Jahr leicht zurückgegangen. Dabei, so Zaugg, seien seine Preise praktisch dieselben wie im Internet, wenn man die Versandkosten dazurechne. Eine Maxi-Single kostet bei ihm um die 14, eine LP 30 Franken.

Die Beobachtung von Zaugg entspricht einer Einschätzung von Ifpi Schweiz. Als Randnotiz der jährlichen Statistik über den Verkauf von Tonträgern liest man: «Nach unserer Einschätzung kaufen Schweizer Konsumenten Vinyl vorzugsweise per Postversand aus dem Ausland. Der effektive Absatz von Vinyl in der Schweiz dürfte deshalb viel höher sein als angegeben, möglicherweise ein Vielfaches.»

Unter dieser Entwicklung scheint Urs Graf, Inhaber des Hi-Fi-Spezialisten Gramophone 2010 an der Theaterstrasse, nicht zu leiden. Er sagt, dass im ersten Halbjahr zwar eine gewisse Zurückhaltung spürbar gewesen sei, «aber jetzt zieht der Verkauf von Plattenspielern wieder an, und in den vergangenen Jahren habe ich deutliche Umsatzzuwächse verzeichnet.» Unter den Leuten, die einen Plattenspieler kaufen, seien viele Neueinsteiger. Graf erklärt seinen Erfolg damit, dass den Kunden beim Kauf eines Plattenspielers kompetente Beratung wichtig sei. «Das Internet oder ein Berater eines Grossverteilers kann ihnen nicht erklären, wie ein Plattenspieler funktioniert und welcher vom Preisleistungsverhältnis her der beste ist.»

Graf hat Gramophone übrigens im 1996 neu eröffnet, just in den Jahren, als die Schallplatte für tot erklärt wurde. So gut wie heute lief das Geschäft noch nie.

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