Von Christian Mensch und Roger Thiriet

Die Basler Fasnacht wird immer politischer, erklärte der Berufsbasler Kolumnist -minu vor Jahresfrist den Leserinnen und Lesern der «NZZ am Sonntag». In den 1970er- und 1980er-Jahren, dozierte er, seien die Cliquenzüge einfach nur schön gewesen. Doch nun zeige sich wie im Cabaret: «Je düsterer die Zeiten, umso schärfer werden die Aussagen.»

Den Lackmustest besteht die Bauchnabel-Analyse allerdings nicht: Bei den Fasnachtsmotti des Comités der vergangenen 15 Jahre dominiert die fasnächtliche Selbstbespiegelung mit Sujets wie «100 Jahre Comité», «Zeedeldichter» oder dem stockenden Cortège. Lokalpolitische Themen wie die Eröffnung des St. Jakob-Parks, der Roche-Turm oder die Kantonsfusion nehmen zwar den Stoff der jeweils aktuellen politischen Agenda auf, spielen ihn jedoch ohne politische Widerhaken.

Nicht anders beim diesjährigen Motto «Mer mache dicht». Da hätte man auf den ersten Blick annehmen können, die oberste Fasnachtsbehörde nehme sich in einem Anflug von Zivilcourage das heisse Eisen «Flüchtlingskrise» vor. Natürlich nicht: Mit dem Thema der Schliessung einer Reihe innerstädtischer Ladengeschäfte reagiert das Comité darauf, was jahrüber wiederholt die Medien berichteten, aber mehr brav illustrierend als bissig karikierend. Ursachen und Wirkungen werden nicht benannt; der Rollladen ist einfach hinuntergekurbelt. Ende der Durchsage.

Die Stilisierung der Basler Fasnacht als politisches Statement hat sich mittlerweile verselbstständigt und offiziösen Charakter angenommen. So war die nicht erfolgreiche Bewerbung zum Unesco-Weltkulturerbe mit folgendem Text des Bundesamts für Kultur garniert: «An der Basler Fasnacht werden die Ungereimtheiten, Mängel und Fehltritte in Politik und Gesellschaft des vergangenen Jahres oder auch des Zeitgeistes auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene mit Spott, Sarkasmus und spitzem Witz persifliert und karikiert.» Der Beschrieb ist wohl nicht grundsätzlich falsch, nur verwechselt er wenige pointierte Ausnahmen mit der Regel der harmlos-seichten Unterhaltung.

Zwar haben auch in diesem Jahr viele Cliquen – wie der aktuelle Fasnachtsführer Rädäbäng auflistet – auf den ersten Blick politische Sujets gewählt. Doch auf der Hitliste des Fasnachts-Comités ist es der Tourismus-Society-Anlass «White Dinner», der mit 33 Nennungen mit Abstand das meistgespielte Sujet sein wird. Gefolgt mit 30 Nennungen von Jubiläen, wobei zwei Drittel davon wiederum mit dem üblichen penetranten Fokus auf eigenen (halb-)runden Cliquen- und Gruppengeburtstagen.

Solcherlei Selbstbespiegelung ist seit Jahrzehnten typisch für die angeblich so politisch-bissige Basler Fasnacht. Nicht weniger als 69 Formationen widmen sich dem «Zustand von Basel» und suhlen sich im Selbstbemitleiden, was dann gerne mit «rabenschwarzem Witz» (-minu) verwechselt wird. Ausgehend vom Jahresmotto beschwören 15 Cliquen die «tote Innerstadt» und die «Ruine Basel». Politisch ist daran allenfalls, dass sich in der Themenwahl der politische Mainstream in seiner ganzen Harmlosigkeit wiederfindet – was allerdings nicht weiter erstaunt: Die Basler Fasnacht mit ihren Cliquen, Guggen und anderen Gruppierungen ist solid im (spiess-)bürgerlichen Basel verankert. Entsprechend angepasst und konservativ sind denn auch die Köpfe, die das Comité mittels Kooptation in seine Reihen beruft.

Als Seismograf gesellschaftlicher Wahrnehmungen ist die Basler Fasnacht also ein Volltreffer, als Ort der politischen Auseinandersetzung jedoch ein Ausfall. Vor Jahresfrist stand unmittelbar nach der Fasnacht etwa eine Volksabstimmung über die Initiative «Wohnen für alle» an. Es wäre die Möglichkeit gewesen, die politische Debatte weiterzutragen, doch stattdessen legte die Fasnacht jeglichen politischen Abstimmungsaktivismus lahm, wie Befürworter wie Gegner der Initiative unisono zu Protokoll gaben. Aktuell steht der Kanton vor Gesamterneuerungswahlen, die das Ende der Rot-Grün-Regierungsmehrheit bedeuten könnte. Dies ist den Fasnächtlern dann doch zu konkret politisch; lieber üben sich 15 Formationen im gefahrlosen Fifa-Bashing.

Echtes Revoluzzen, Kritisieren, Anprangern ist also entgegen weitverbreiteter Erwartungshaltungen an den «scheenschte drey Basler Dääg» wenig gefragt. Prophylaktisch liess das Comité in den vergangenen Jahren verlauten, religiöse Witze im Allgemeinen und solche gegen den Islam im Besonderen seien doch bitte zu vermeiden. Dabei ist die Gefahr grösser, dass die Schnitzelbänggler mit ihrer nicht enden wollenden Serie müder -minu-, Schwoobe- und Zürcher-Pointen die Grenze zum Fremdschämen unterschreiten.

Wer wirklich revoluzzt, kann nicht mit Anerkennung rechnen: In den 1970er-Jahren verstanden die Kuttlebutzer Fasnacht als politische Aktionskunst und sahen sich ausgegrenzt. Und als die «Basler Bebbi» vor drei Jahren mit ihrer Pussy-Riot-Performance den Cortège aufmischten, wurden sie vom Comité gerügt.

So hielten es die Könige schon immer mit ihren Narren: Diese durften sagen, was sie wollten – solange sich dadurch an den herrschenden Verhältnissen nichts änderte.

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