Bischof Vitus Huonder sorgt mit einer Rede über Homosexualität für Schlagzeilen. Er zitiert das Alte Testament, wonach Sex zwischen Männern eine «Gräueltat» sei. Herr Sabo, fühlen Sie sich von solchen Aussagen provoziert?
Franz Sabo: Nein, überhaupt nicht. Die Zeit von Bischof Huonder ist ohnehin bald abgelaufen. Nicht nur in Bezug auf seine Amtszeit als Bischof. Die Zeit, in der Positionen, wie die des Herrn Huonder von Katholiken weitgehend geteilt wurden, ist vorbei.

Die Bischofskonferenz sieht das anders. Sie hat die Regeln in Erinnerung gerufen: den Katechismus. Demnach seien homosexuelle Handlungen «in keinem Fall zu billigen» und Schwulen sei mit «Mitleid» zu begegnen.
So steht es momentan noch im Katechismus. Ich denke aber, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis homosexuellen Menschen nicht nur Mitleid zugestanden wird. Bei uns im Bistum Basel ist es zum Beispiel kaum mehr ein Problem, homosexuelle Paare zu segnen. Das ist ein ganz deutlicher Hinweis dafür, dass sich in der Kirche etwas verändert hat. Diese Veränderungen werden in diese Richtung weiter gehen.

Sie finden also nicht nur die Haltung von Bischof Huonder veraltet, sondern auch jene der Bischofskonferenz?
Überholt ist, was im Katechismus steht. Die Bischofskonferenz kann derzeit gar nicht anders, als sich offiziell hinter den Katechismus zu stellen. Ob das aber auch ihre tatsächliche Haltung ist, weiss ich nicht. Veraltet ist vor allem die Haltung der Kirche gegenüber der Vielfältigkeit menschlicher Beziehungen. So hat die Kirche die Ehe zu einer heiligen Kuh hochstilisiert und erklärt, die Ehe sei ein Abbild der ewigen Verbindung zwischen Mensch und Gott – unverbrüchlich, unauflöslich. Dabei kann genau das weder die Ehe noch irgendeine andere Beziehungsform sein, sondern nur die Liebe allein. Und zwar in jeder Beziehungsform. Diese Woche hat Papst Franziskus klargestellt, dass Wiederverheiratete nicht exkommuniziert sind. Es tut sich also etwas.

Die katholische Kirche tut sich dennoch schwer im Umgang mit Schwulen. Dabei sind diese gerade in den eigenen Reihen überdurchschnittlich verbreitet. 20 bis 40 Prozent der Priester sollen gemäss Schätzungen schwul sein.
Ich gehe davon aus, dass sich eher vierzig als zwanzig Prozent der Priester vorwiegend zu Männern hingezogen fühlen.

Wie kommen Sie darauf?
Ich bin seit über dreissig Jahren Priester und da erhält man einen gewissen Überblick.

Wieso gibt es mehr Schwule unter Priestern als in anderen Branchen?
Zumindest früher war es so, dass der Rahmen der katholischen Kirche vielen Schwulen Schutz geboten hat. Ganz im Gegensatz zu den protestantischen Kirchen, in denen zwar de jure keine Heiratsverpflichtung herrschte, aber de facto. Ich bin in einer evangelischen Gegend aufgewachsen. Wehe, der neue Vikar war nicht verheiratet, oder er konnte nicht zumindest eine Verlobte vorweisen. Zudem haben schwule Männer eine besondere Affinität zu Kunst, Ritualen und Ästhetik. Das sind Bereiche, in denen die katholische Kirche viel bietet.

Weshalb hat denn gerade die Kirche ein Problem mit Schwulen?
Das ist nicht ein spezifisches Problem der katholischen Kirche, sondern ein weitverbreitetes.

Es gibt auch viele schwule Coiffeure. Doch diese Branche hat kein Problem damit.
Vor fünfzig Jahren war das noch nicht so. Die Kirche ist eine Organisation, die mehr Zeit benötigt, bis sie sich bewegt. Das liegt an ihrer Grösse und an der historischen Last, die sie mit sich herumschleppt. Verändert sie sich zu schnell, wird ihr der Vorwurf gemacht, sie passe sich jedem Zeitgeist an. Das soll sie ja gerade nicht. Dennoch bewegt sie sich, wenn auch langsam.

Sind Sie auch schwul?
Meine Sexualität gehört zu jenem Bereich meiner Intim- und Privatsphäre, den ich nicht in die Öffentlichkeit trage. Nur so viel: Die Sexualität eines Menschen ist nicht so einfach in ein Schwarz-weiss-Schema zu pressen. Weshalb fragen Sie mich? Fragen Sie einen volltätowierten Super-Macho-Fussballer, ob er vielleicht hetero sei? Ich wünsche mir eine Medien- und Kirchen-Landschaft, in der man die Intimsphäre jedes Menschen respektiert und nicht nach seiner sexuellen Ausrichtung fragt.

Mit diesem Anspruch wären Sie in der reformierten Kirche besser aufgehoben. Weshalb sind Sie dennoch katholischer Pfarrer geworden?
Die reformierte Kirche ist mir zu kopflastig. Da fehlt mir persönlich das Herz. Der Priesterberuf ist nicht nur mein Beruf, sondern meine Berufung. Berufen wird ein Priester nicht von der Kirche, sondern von Gott. Und ohne falsche Bescheidenheit bin ich überzeugt, ein guter Priester zu sein.

Sie müssten in der reformierten Kirche aber weniger Kämpfe führen.
Das glaube ich nicht. Ich würde vermutlich andere Kämpfe führen. Ich bin von Haus aus ein Einzelgänger und Einzelkämpfer.

Wie soll sich die katholische Kirche verändern?
Die Grundprobleme sind nicht jene, die in der Öffentlichkeit breit getreten werden, wie das Zölibat, der Umgang mit Homosexuellen oder die Frauenordination. Das Grundproblem sind die Strukturen und die verloren gegangene Glaubwürdigkeit, gefolgt von einer gewissen spirituellen Leere. Die katholische Kirche müsste demokratisiert und dezentralisiert werden. In das Prozedere, wie man Priester, Bischof, Kardinal und Papst wird, sollte das Volk mehr einbezogen werden. Wir benötigen mehr Personen wie Papst Franziskus, die über Charisma verfügen, glaubwürdig sind und andere zu begeistern vermögen.

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