Noch nie waren die Kinder bei der Einschulung so jung wie heute. Seit sechs Jahren wird das Stichdatum in den beiden Basel im Zug der Bildungsharmonisierung Harmos jährlich nach hinten verlegt. Inzwischen sind die jüngsten beim Eintritt in den Kindergarten und in die Primarschule drei Monate jünger als 2011. Mit der Verschiebung des Stichtags auf den 31. Juli haben einige an ihrem ersten Chindsgi-Tag gerade erst den vierten Geburtstag gefeiert.

Das führt zu Problemen. Die Lehrer sind zunehmend mit unreifen Kindergärtlern und Primarschülern konfrontiert – und überfordert. Gabriele Zückert vom Lehrerverein Baselland sagt, dass drei Monate Differenz gerade in diesem Alter einen grossen Unterschied machen würden. «Bis anhin traten die Kinder meist nach der sogenannten Trotzphase ein.» Jetzt seien viele noch mittendrin. Die verfrühte Einschulung habe zudem einen grösseren Betreuungsaufwand zur Folge. Die Kinder bräuchten beispielsweise mehr Hilfe beim Anziehen als früher.

Ebenfalls an ihre Grenzen stossen viele Primarlehrer. Gaby Hintermann, Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz Basel-Stadt, sagt, sie könnte «mehrere Anekdoten» über die fehlende Schulreife von Primarschülern erzählen. Sie beobachtet unter anderem in Schlaf mündende Erschöpfung nach der Hälfte des Unterrichtsmorgens oder grosse Loslösungsprobleme von den Eltern. Dass solche Kinder später eher Entwicklungsverzögerungen hätten, entspreche ebenfalls den Erfahrungen.

Mück für die Einführungsklassen
Zur Verschärfung des Problems trägt zudem die integrative Schule bei, zu der sich sowohl Basel-Stadt als auch Baselland mit dem Beitritt zum Sonderpädagogik-Konkordat verpflichtet haben. Schüler, die durch eine Behinderung, durch Verhaltensauffälligkeiten oder eben durch mangelnde Schulreife schwierig zu unterrichten sind, werden heute in Regelklassen untergebracht und haben dort Anspruch auf Fördermassnahmen. Bei unreifen Kindern hat die Integration gemäss Zückert nicht funktioniert – trotz der Unterstützung durch zusätzliche Lehrkräfte. Zückert stützt ihre Aussage darauf, dass die verbliebenen 39 Einführungsklassen im Kanton «aus allen Nähten» platzten. In den Einführungsklassen wird den Schülern die Möglichkeit gegeben, den Schulstoff der 1. Klasse in zwei Jahren durchzunehmen. Deborah Murith, Pressesprecherin in der Baselbieter Bildungsdirektion, lässt ausrichten, dass man am Kurs festhalten werde: Trotz Verschiebung des Stichtags würde der Trend hin zu weniger Einführungsklassen «kontinuierlich» fortgeführt, sagt sie.

In Basel-Stadt, wo die Schulreform unter Bildungsdirektor Christoph Eymann (LDP) schneller umgesetzt wurde als in Baselland, hat sich bereits Widerstand formiert. Vor zwei Jahren wurde im Stadtkanton die letzte Einführungsklasse eingestellt. Gaby Hintermann stellt die integrative Schule zwar nicht grundsätzlich infrage. Die Einführungsklassen würden jedoch vermisst. Sie fordert die Wiedereinführung an einzelnen Schulen.

Von linker Seite hat Hintermann Schützenhilfe: Die Parlamentarier Thomas Grossenbacher (Grüne) und Kerstin Wenk (SP) haben entsprechende Vorstösse eingereicht. Mit ihren Argumenten konnten sie den aktuellen Bildungsdirektor Eymann nicht überzeugen. Er hält die Einführungsklassen nicht für das geeignete Mittel, Kinder an die Schule heranzuführen. Eine «ausgewogene Durchmischung» der Einführungsklassen habe es zuletzt nicht mehr gegeben, sagt er auf Anfrage. So seien es hauptsächlich fremdsprachige Kinder gewesen, die diese Klassen besuchten. Bildungsnahe Eltern mit deutschsprachigen Kindern bevorzugten die Regelklassen.

Die Lehrer müssen darauf hoffen, dass Heidi Mück am 27. November in die Regierung gewählt wird. Die Basta-Kandidatin schielt auf das Bildungsdepartement. Sie verrät, was sie von den Einführungsklassen hält. Diese seien das «ideale Gefäss» für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen.

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