Cemil Sakar wird am 18. September 2014 auf der St. Jakob-Strasse in Muttenz angeschossen. Mehrere Schüsse treffen den 35-jährigen Türken, nachdem er kurz vor zwei Uhr nachts ein Auto vor der Hausnummer zehn verlassen hat. Gemäss Polizeimeldung eröffnet mindestens eine unbekannte Person das Feuer auf ihn. Zwei Personen flüchten mit einem dunklen Roller Richtung Basel. Der Angeschossene wird von seinem 24-jährigen Begleiter mit «erheblichen Verletzungen» ins Auto geladen und ins Spital gefahren. Sakar muss notoperiert werden. Sein Gesundheitszustand sei stabil, meldet die Polizei am Morgen danach. Für Hinweise, die zur Ermittlung der Täterschaft führen, setzt sie eine Belohnung von 5000 Franken aus.

Rückblende: Sieben Wochen vor der Schiesserei unterzeichnet Sakar bei einem Notar in Dornach ein Protokoll, wonach er die Hälfte der Stammanteile der Fame Event GmbH übernimmt. Dieser Firma gehört der Partyclub Fame am Claraplatz in Basel. Die Anteile übernimmt Sakar von Fame-Geschäftsführer Oliver Keller, der gemäss Handelsregister als einziger Zeichnungsberechtigter weiterhin die andere Hälfte der Firma besitzt. Der Preis werde von den Parteien separat geregelt, heisst es in der Urkunde.

Der Verkauf ist Teil eines Machtkampfs über die finanzielle Kontrolle beim erfolgreichen Kleinbasler Partybetrieb. Wie sein Vorgänger Joël Gysin ist auch Keller nur für Betrieb und Programm zuständig. Das Sagen im Hintergrund haben türkische Clans. Die Einträge im Handelsregister spiegeln denn auch nicht die Besitzverhältnisse wider. Geregelt werden diese über Treuhandverträge. Der Schweizer Geschäftsführer ist vorgeschoben.

Das Fame gründete Gysin im Jahr 2002 mit dem Türken Mazlum Acar als Financier. Rund zehn Jahre später erfolgte ein schleichender Verkauf unter nicht ganz geklärten Umständen. Gysin betreibt inzwischen die Bar Rouge im Messeturm. Auch dort sorgt eine Person im Hintergrund für das Kapital: Martin Staechelin, der Sohn von Ruedi Staechelin, der kürzlich mit Gauguins Nafea das mutmasslich teuerste Bild der Welt verkauft hat. Im Fame übernehmen neue Türken die finanzielle Kontrolle: Ilhan Eyikat und sein Bruder Garip. Dieser ist in anderer Sache wiederum ein Geschäftspartner von Cemil Sakar, dem neuen Teilhaber des Fame. Mittlerweile sind sie zerstritten. Sie haben Anwälte engagiert, welche zivil- und strafrechtliche Verfahren vorbereiten.

Fame-Geschäftsführer Keller bestätigt über seinen Anwalt Christophe Dumartheray lediglich, er sei an der Fame Event GmbH wirtschaftlich nicht beteiligt und halte den Stammanteil nur treuhänderisch. Für wen, sagt Dumartherey nicht. Die Eyikats machen über ihren Anwalt Stefan Suter geltend, der Club gehöre gemäss dem Treuhandvertrag ihnen. Auf Ende 2014 sei der Vertrag gekündet worden, doch Keller habe nicht nur widerrechtlich Anteile an Sakar weitergegeben, er weigere sich auch, die von ihm gehaltenen Anteile zurückzugeben. Die Eyikats hätten eine Strafanzeige eingereicht und bereiteten eine Zivilklage vor. Wenn die Besitzverhältnisse geklärt seien, würden sie von Keller und Sakar auch die Gewinne der vergangenen Jahre zurückfordern, erklärt Suter.

Wo die Strafanzeige derzeit steckt, ist allerdings nicht klar. Denn es scheint bei den Ermittlern keine Einigkeit zu herrschen, ob die Schiesserei in Baselland und die Fame-Vorgänge in Basel-Stadt jeweils von den vor Ort zuständigen Staatsanwaltschaften untersucht oder ob die Verfahren bei den Baselbieter Ermittlern gebündelt werden.

Nach der Schiesserei in Muttenz führte die Staatsanwaltschaft Baselland Ermittlungen im Fame durch. Mehrere Personen wurden einvernommen und in Untersuchungshaft gesteckt, mittlerweile aber wieder freigelassen. Ein Verdacht liess sich nicht erhärten.

Bewiesen ist hingegen, dass die Fame Event GmbH in den Drogenhandel involviert ist. Vor drei Wochen wurde ein Türke vom Basler Strafgericht zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zehn Monaten wegen Verstosses gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilt. In einer Wohnung an der Clarastrasse lagerte er neunzig Haschischplatten, die insgesamt 8,6 Kilogramm wiegen und gemäss Staatsanwaltschaft einen Strassenverkaufswert von 70 000 bis 86 000 Franken haben. Das Urteil ist rechtskräftig. Das Einzimmerappartement hat der Drogendealer bei der Fame Event GmbH über Oliver Keller gemietet. Auch zu Fame-Teilhaber Sakar pflegt er Kontakte: Nach der Schiesserei besuchte er ihn im Spital.

Die Basler Justiz erwischte nur den kleinen Haschisch-Händler einer mutmasslich grossen internationalen Organisation, die auch in der Prostitution aktiv ist. Auf die Spur kam die Polizei dem Fame-Untermieter bei einer Razzia in einer Basler Kontaktbar. Ausgelöst wurde die Razzia durch einen Verdacht auf Zwangsprostitution. Ob sich dieser bestätigte, ist nicht bekannt. Fest steht einzig, dass die Polizei bei der Razzia den Schlüssel zur Fame-Wohnung fand. Bei der anschliessenden Hausdurchsuchung an der Clarastrasse stellte das Betäubungsmitteldezernat die neunzig Haschischplatten sicher. Vor dem Strafgericht führte die Staatsanwaltschaft gegen den Türken einen Indizienprozess. Obwohl die Belege relativ dünn waren, kam Strafgerichtspräsident René Ernst (SP) zu einem Schuldspruch. Der Angeschuldigte habe nicht plausibel erklären können, weshalb er mit dem Haschisch in seiner Wohnung nichts zu tun haben sollte, sagt Ernst.

Der Fall ist typisch für die organisierte Kriminalität in Basel. Während der Kokainhandel gemäss Staatsanwaltschafts-Sprecher Peter Gill «grösstenteils in Händen nigerianischer Netzwerke» und der Heroinhandel «meist von albanischen Gruppierungen» ausgehe, sei das Bild beim Cannabishandel uneinheitlich: «Es sind sowohl türkische Gruppierungen wie auch Schweizer in diesem Bereich tätig.»

Die Staatsanwaltschaft stellt gemäss Gill immer wieder fest, dass die bandenmässige Drogen-Kriminalität verschiedene Standbeine habe, etwa auch im Rotlichtmilieu beziehungsweise beim Menschenhandel. Das Geld aus dem Drogenhandel werde gewaschen, indem es durch aufwendige Transaktionen in Immobilien, in die Gastronomie oder in den Kunstbereich investiert werde, sagt Gill. Die Ermittlungen seien sehr aufwendig und würden sich oft über mehrere Länder erstrecken. Häufig sei es schwierig, die Taten nachzuweisen. Ein Grund: Die Opfer sind selber in kriminelle Netzwerke verstrickt und schweigen deshalb.

Trotz der ausgesetzten Belohnung sind bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft keine Hinweise auf die Schiesserei eingegangen. Sprecher Thomas Lyssy sagt: «Die Ermittlungen nach der mutmasslichen Täterschaft gehen in alle Richtungen.» Dieselbe Formulierung wählte die Polizei vor einem halben Jahr am Morgen nach der Schiesserei.

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