Innert Minuten verwandeln sich die gerösteten Brotscheiben in delikate Häppchen. Gedämpfte Pilze türmen sich, Sardellen glitzern und Olivenpaste versickert. Für Farooq, Shawali, Hadi eine Premiere: Zum ersten Mal in ihrem Leben kochen sie italienisch. Die drei jungen Männer stammen aus Afghanistan. Krieg und Terror vertrieben sie aus ihrer Heimat – und führten sie in die Schweiz, mitten ins Bachlettenquartier. Hier, in demselben Haus, leben Loretta van Oordt, Andreas Hess und Ruedi Tobler, drei Freunde im Pensionsalter. Ob den Bildern, die vor einem Jahr die Medien dominierten, waren sie entsetzt. Klatschnasse, frierende und stets aufs neue vertriebene Menschen bahnten sich ihren Weg über die Balkanroute nach Europa. «Etwas Tun», dieser Gedanke liess sie nicht mehr los. Tobler schrieb Bundesrätin Sommaruga; in ihren Wohnungen gäbe es freien Platz, sie könnten Flüchtlinge bei sich aufnehmen.

In diesem Sommer zogen Farooq (19), Shawali (18) und Hadi (26) ein. Die Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) hat sie vermittelt. Seit Anfang Jahr läuft das Pilotprojekt. 24 Flüchtlinge wurden bislang in 18 Gastfamilien untergebracht. GGG-Geschäftsleiter Dieter Erb spricht von einem Erfolg: «Wir sind selber überrascht, wie gut das Zusammenleben klappt. Die Rückmeldungen sind, von einem Einzelfall ausgenommen, positiv.»

Das zeigt sich auch an der grossen Tafel von Loretta van Oordt. In ihrer Wohnung essen jeden Mittwochabend Gastgeber und Gäste gemeinsam, die Köche wechseln sie sich ab. Die Stimmung ist gelöst, entspannt. Die Schweizer trinken Wein, die Afghanen Pepita. Während Hadi die Teller mit belegten Crostini zum Tisch balanciert, repetiert van Oordt mit Shawali die deutschen Begriffe des Suppengemüses. Farooq spielt mit Kater Max. Es gefalle ihnen sehr gut hier, sagt er. Friedlich sei es und sie könnten sich zurückziehen. Vorher lebten sie in der Kollektivunterkunft St. Jakob. Untertags. Farooq und Shawali besuchen die Schule für Brückenangebote. Hadi, der studierte Informatiker, arbeitet beim technischen Dienst des Sozialamtes. Sein Diplom ist in der Schweiz nicht anerkannt.

Ein Quartier hilft mit
Wie schwierig es ist, an einem neuen Ort Anschluss zu finden, weiss jeder Zugezogene. Farooq, Hadi und Shawali konnten innert einem halben Jahr Kontakte knüpfen. An drei Abenden pro Woche unterrichten Anwohner sie in Deutsch. Praxisnah. «Oma» nennen die Afghanen liebevoll die 80-jährige Nachhilfelehrerin, die ihnen beispielsweise beim Grättimaa-Backen neue Vokabeln beibringt. Wie die anderen Freiwilligen folgte sie einem Aufruf der drei Gastgeber im Quartierverein. «Erst seit wir hier wohnen, lernen wir die Schweizer Kultur kennen. Loretta, Ruedi und Andreas sind wie eine Brücke für uns», sagt Farooq. Er wohnt in einem Zimmer bei Ruedi Tobler, die anderen beiden teilen sich das ehemalige Bürozimmer von Andreas Hess.

Ausser dem gemeinsamen Abendessen jeden Mittwoch, findet der Alltag ohne fixe Termine statt. Dennoch haben sie einiges gemeinsam erlebt: Im Sommer schwammen sie im Rhein, im Kino schauten sie einen afghanischen Film oder nahmen zusammen an einer Abdankung teil.
Gastgeber und Gäste entscheiden selber, wie sie das Zusammenleben gestalten, sagt Dieter Erb von der GGG: «Primär geht es beim Projekt um das Wohnen, Betreuungsaufgaben bestehen nicht.» Dennoch sei es stark integrationsfördernd: «Die Flüchtlinge lernen enorm rasch Deutsch und die Welt der Einheimischen kennen», sagt Erb. Kostenlos ist dies indes nicht: Wie aufwendig eine professionelle Vermittlung und Begleitung aller Beteiligten ist, zeigt sich daran, dass die Sozialhilfe nicht von sich aus das Projekt initiieren wollte. Die GGG hat vor einem Jahr eigens dafür eine 60-Prozent-Stelle geschaffen. Zentral sei, allen Beteiligten im Voraus ein «realistisches Bild» zu vermitteln, sagt Erb. Anfänglich fragten beispielsweise zahlreiche Gastgeber an, um Mütter und Kinder bei sich zu beherbergen. Vor allem junge Männer würden jedoch Gastfamilien wünschen, sagt Erb.

Den Entscheid Shawali, Farooq und Hadi aufzunehmen, hätten sie noch nie bereut. Im Gegenteil, sagt Ruedi Tobler: «Sie sind sehr anständig, interessiert und geben sich uns gegenüber grosse Mühe. Kommt Farooq spät nach Hause, wurde ich noch nie wach.» Loretta van Oordt reicht selbst gebackene Kekse. Shawali schüttelt den Kopf: «Nein, danke.» – «Wirklich nicht, oder sagst du das jetzt aus Höflichkeit?» Konflikte hätte es bisher keine gegeben, sagt van Oordt, einzig Missverständnisse. So griffen die Gäste beispielsweise nie zu, wenn sie ihnen etwas anboten. «Erst mit der Zeit fanden wir heraus, dass es in ihrer Heimat eine Anstandsregel ist, zehnfach abzulehnen», sagt van Oordt. Shawali lacht vergnügt, sagt Augenzwinkern: «Inzwischen greifen wir beim dritten Mal zu.»

Auf dem Couchtisch brennen die Kerzen des Adventskranzes. Daneben liegt ein Buch über Afghanistan. Die Gastgeber lasen sich in die Herkunft der drei ein. Tobler besuchte an der Uni ein Kurs zum Thema Islam. Als die drei Afghanen bei ihnen einzogen, sprachen sie kaum Deutsch. Sechs Monate später funktioniert die Kommunikation im Alltag, doch für Diskussionen über Politik, Kultur oder schwerwiegend Erlebtes fehlen die Wörter. Auch dafür, woher die heftigen Schmerzen in der Brust oder im Bauch rühren. Wiederholt mussten die jungen Männer die Notfallaufnahme aufsuchen. Ärzte fanden keine körperlichen Erklärungen. An diesem Punkt entsteht erstmals an diesem Abend beklemmende Stille. Der 18-jährige Shawali löst den Blick vom Tisch, blickt hoch und sagt: «Wir konnten ihnen noch nicht alles von Afghanistan erzählen. Sobald wir gut Deutsch sprechen, holen wir das nach. Denn auf der Erdkugel gibt es verschiedene Welten. Eigentlich ist jedes Land eine eigene Welt für sich.»

Für ihre Reise in die afghanische Vergangenheit bleibt den Sechs Zeit. Sie sind sich einig, das gemeinsame Zusammenleben um ein weiteres Jahr zu verlängern. Farooqs Aussage, «wir sind alle ok», hat niemand etwas anzufügen.

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