Das Goetheanum steckt in der Krise. Die weltweit tätige Anthroposophische Gesellschaft mit Sitz in Dornach kämpft mit einem strukturellen Defizit von zwei Millionen Franken. Schon vor der Aufgabe des Euro-Mindestkurses war die Situation prekär. 2014 schrumpften die Einnahmen von 14 auf 12 Millionen. Danach verlor die Institution, die sich mit Mitgliederbeiträgen und Spenden aus dem Euro-Raum finanziert, auf einen Schlag Einnahmen von einer Million Franken. Die Leitung kündigte an, dass alle 170 Mitarbeiter auf den 13. Monatslohn verzichten müssten. Wer sich nicht bereit erkläre, erhalte eine Änderungskündigung.

Die Drohung löste einen Aufstand aus. Führende Mitarbeiter beschwerten sich. Deshalb krebsten die Chef-Anthroposophen zurück: Sie erklärten die Lohnkürzung für freiwillig und nahmen die Ankündigung von Kündigungen zurück. Die Drohung wirkte dennoch. Gemäss Goetheanum-Sprecher Wolfgang Held akzeptierten 95 Prozent der Angestellten die Sparmassnahme. Man sei sich bewusst, dass dies einige Mitarbeiter wirtschaftlich in Bedrängnis bringe, sagt Held. Das Lohnniveau sei ohnehin tief.

Nun spart das Goetheanum auch beim Bauprogramm. Seit Jahren klagen Anthroposophen, dass es im Herz des neunzig Jahre alten Betongebäudes dunkel und unfreundlich sei. Ins Foyer, das als Begegnungszentrum dienen soll, dringt kein Tageslicht. Deshalb war nicht nur geplant, zusätzliche Fenster einzubauen, sondern auch, Zwischenwände einzureissen. Diese Massnahme wird nun für unbestimmte Zeit aufgeschoben. Die neuen Öffnungen, die in den nächsten Wochen in den Beton gefräst werden, versorgen nur den Eingang mit Licht. Dahinter bleibt es dunkel. Damit wird eine halbe Million gespart.

Die Schatzmeister der einzelnen Länder beraten derzeit, auf welche Aufgaben die Gesellschaft verzichten soll. Nach mehreren Sparrunden lässt sich das Problem nicht mehr mit weiteren Optimierungen lösen. Das Goetheanum wird sich nun auf erfolgreiche Märkte wie China konzentrieren. Zumindest dort gibt es positive Neuigkeiten. Die Walddorf-Pädagogik boomt in China. An gewissen Tagungen in Dornach werden neuerdings mehr Chinesen als Deutsche gezählt.

Nicht angetastet wird das Prestigeprojekt: die bevorstehende Aufführung von Faust I und II. Sie kostet sieben Millionen Franken, generiert aber nur halb so viele Einnahmen. Sollten die Tickets für die 21-stündige Darbietung die Vollkosten decken müssen, würden sie nicht 500 bis 600, sondern tausend Franken kosten. Die sieben Millionen bezeichnet Sprecher Held als «wahnsinnig wenig». Die letzte Faust-Aufführung 2004 habe zehn Millionen gekostet. Es sei bereits überall gespart worden. Die 800 Kostüme zum Beispiel werden nicht mehr in Dornach, sondern in Ungarn hergestellt.

Im Goetheanum übt man sich trotz der Krise in Zuversicht. Die Anthroposophie bleibe gefragt: «Auf der Welt brennt es derzeit überall. Zum Löschen braucht es Spiritualität.» Besonders viel Spiritualität wird nun vorerst intern benötigt.

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