Zwei Briefe hat der Gemeinderat von Pratteln in den vergangenen zwei Wochen bereits dem Kanton geschickt. Die Gemeinde habe «ernsthafte Sorgen» bezüglich der Sicherheit des Chemieunternehmens Rohner. Es müsse «dringend etwas geschehen», sagt Gemeindepräsident Beat Stingelin (SP). Vertrauen besteht keines mehr. Denn Rohner, das der Gemeinde über eine halbe Million Franken aus der Wasserrechnung schuldet, habe wiederholt Versprechungen nicht eingehalten, wie das Geld zurückbezahlt werden soll. Und wenn nach den zwei Chemieunfällen innerhalb einer Woche nur der Verdacht bestehe, dass Geldmangel zusätzlich die Sicherheit gefährde, so sei dies nicht akzeptabel – selbst wenn durch die notwendigen Massnahmen die Arbeitsplätze gefährdet würden, sagt Stingelin.

Daniel Pedrett, CEO und Verwaltungsratspräsident, sagt: «Sollten bei der Gemeinde Sicherheitsbedenken existieren, würde sie sich bei uns melden, was bisher nicht geschehen ist.»

Noch höher sind die Ausstände der Rohner AG bei der ARA Rhein: Die Schulden betragen 1,9 Millionen Franken, wie das Onlineportal «barfi.ch» berichtete. Der Verwaltungsrat habe beschlossen, nur noch Abwasser gegen Vorauszahlung zu akzeptieren, sagt ein ARA-Kadermann. Mit Rücksicht auf die Arbeitsplätze habe man darauf verzichtet, die Zulieferung zu stoppen. Denn dies käme einem Produktionsstopp gleich. Pedrett sagt: «Mit der ARA sind wir als Aktionär ständig im Austausch, und die Abfälle werden regelmässig und ohne Rückstau an die ARA geschickt.»

Gemäss vorliegendem Auszug aus dem Betreibungsregister betragen die Ausstände über 5,7 Millionen Franken. Pedrett sagt: «Es ist richtig, dass aufgrund der Liquiditätssituation Betreibungen eingegangen sind, die wir allerdings zum Teil bestreiten.» Ein Vertreter eines Gläubigers, der ebenfalls hohe Forderungen stellt, meint allerdings, dass die Verschuldung von Rohner bei Lieferanten System habe, weil die Banken nicht mehr für Liquidität sorgen würden. Dies dementiert Pedrett etwa im Zusammenhang mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) als Hausbank: «Die bisherige Kreditlimite der BLKB ist nicht gestrichen.»

Unstrittig scheint, dass Rohner seit längerem massive Liquiditätsprobleme hat und bereits Ende 2014 in der Regel dreissig Tage über die vereinbarte Frist hinaus verstreichen liess, bis die Zahlungen ausgelöst wurden. Ein Finanzengpass habe auch dazu geführt, dass Rohner-Kunden mit Darlehen aushelfen mussten, damit die Produktion weitergeführt werden konnte. Ein Informant spricht von einem US-Pharmaunternehmen, das nach der Umwandlung eines Darlehens in Aktien auch zu einem stillen Teilhaber der Rohner AG geworden sei. Pedrett nimmt dazu nicht Stellung, wie er sich grundsätzlich über die Eigentumsverhältnisse ausschweigt.

In der Branche wird angenommen, dass die Aktien der Rohner bei der Victoire Consulting AG liegen, die ebenfalls von Pedrett im Alleingang geführt wird. Pedrett sei auch persönlich an der Firma beteiligt. Vor rund zehn Jahren ist der Finanzspezialist als Turnaround-Manager eines Investors bei Rohner aufgetaucht, der damit die Firma vor der Liquidation bewahrte. Trotz zweier weiterer Besitzerwechsel ist Pedrett die bestimmende Figur an der Front geblieben, ohne dass ein Turnaround zu erkennen wäre. Gemäss Insidern hätten sich die Probleme in den vergangenen neun Monaten zugespitzt. So hat nicht nur die Mehrheit der Geschäftsleitungsmitglieder das Unternehmen verlassen, sondern auch Personal aus der zweiten Führungsriege habe sich neu orientiert. Ein neuer Finanzdirektor hat gemäss zweier Quellen die Stelle nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Pedrett sagt, die Geschäftsleitung sei wieder ergänzt worden.

Zu äussern hat sich nun auch Regierungsrätin Sabine Pegoraro (FDP). Landrätin Kathrin Schweizer (SP) will von ihr mittels Interpellation wissen, wie sie die Risiken bei der Rohner AG einschätzt.

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