Von Christian Mensch und Valentin Kessler

Ein Aufatmen ging diese Woche durch das facebookende BVB-Fahrpersonal. «Jessssssss» und «Ohhhhhhhh» posteten die Chauffeure freudig auf die Mitteilung, dass die Betriebsleiterin Béatrice Thomet das Unternehmen per Ende September verlässt. Thomet war das letzte Kadermitglied in ungekündigtem Zustand der Ära Martin Gudenrath und Jürg Baumgartner. Finanzchef Franz Brunner hatte schon zuvor das Handtuch geworfen. Mit Baumgartner, dem entlassenen Direktor, wurde eine aussergerichtliche Einigung gefunden. Er hat die Beschwerde gegen die Kündigung zurückgezogen, wie dessen Anwalt erklärt. Zu welchen Konditionen, das mag BVB-Sprecherin Dagmar Jenny aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen nicht erläutern. Josua Studer, Sprecher der Arbeitnehmerorganisation Feme und neuer Präsident der Personalkommission, sagt: «Das, was im vergangenen Jahr passierte, ist allen eingefahren.»

Die Zukunft soll bescheidener sein. An der Spitze der BVB ist kein Turbo-Manager mehr gefragt. Dies ergibt sich aus dem Stellenprofil, mit dem seit dieser Woche nach einem neuen Direktor gefahndet wird. «Dank solidem Kompass agieren Sie integrativ und vertrauensbildend», formulierte es der mit der Suche beauftragte Headhunter Mercuri Urval. Der Anti-Baumgartner muss nicht nur in der Region Wohnsitz nehmen, er soll zudem einen «Bezug zur Region Basel und ihrer Kultur» haben, soll «Vorbild» sein, «absolut integer» agieren sowie eine «klare Wertekultur» leben.

Bis zur Neubesetzung leben die BVB vom Interims-Personal. Allen voran von Michael Bont, dem Mitte Dezember 2013 interimistisch die Führung überantwortet wurde und der dafür weitherum Lob erntet. Auf Anfrage schliesst Bont nicht aus, dass er sich selbst für die Stelle bewirbt. Interne Stimmen gehen allerdings davon aus, dass der neue Verwaltungsratspräsident Paul Blumenthal eine externe Neubesetzung vorziehen würde, um den BVB ein neues Gesicht geben zu können. Feme-Sprecher Studer meint denn auch, er gehe nicht davon aus, dass Bont zur Verfügung stehen werde.

Auch Verwaltungsratspräsident Blumenthal erhält gute Noten. Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP) sagt, der neu zusammengesetzte Verwaltungsrat habe die Arbeit «mit grossem Engagement» aufgenommen und bereits in kurzer Zeit «wichtige Schritte zur Konsolidierung» der BVB eingeleitet. Allerdings bleibe «noch viel zu tun».

Blumenthal und Bont haben mit einer Reorganisation der Geschäftsleitung auf das personelle Vakuum reagiert. Der Bereich Corporate Services wurde gesplittet, der angeschlagene Brunner wird bis zu seinem Abgang auf das Amt des Finanzchefs reduziert. Die Kaderfrau Andrea Knellwolf musste zwar Aufgaben an Kommunikationsleiter Stephan Appenzeller abgeben, übernahm als Generalsekretärin des Verwaltungsrats aber die Bereiche Recht und Personal. Blumenthal wird nachgesagt, er lebe seine Position als Verwaltungsratspräsident sehr offensiv, treffe sich wöchentlich mit Bont, sei jedoch sorgsam bemüht, operativ nicht in Erscheinung zu treten.

Das Bild der guten alten, zuweilen auch etwas verstaubt anmutenden BVB unter den früheren Direktoren Urs Hanselmann und Daniel Oertli wird aktiv gepflegt. Für kommenden Dienstag haben die BVB zum Startschuss des lange ersehnten Trammuseums Basel eingeladen – kombiniert mit der Ankündigung eines Festes anlässlich von «100 Jahre Dante Schuggi». Ob so viel Nostalgie werden den Tram- und ÖV-Freunden die Tränen in die Augen steigen und alle Skandalerinnerungen wegschwemmen.

Entspannung herrscht an vielen Fronten: Zuvorderst bei der «Dante Schuggi»-Feier steht der langjährige Vizedirektor Georg Vischer, der sich sogar anwaltschaftlich gegen die Führung Baumgartners gewehrt hatte und nun bis zu seiner ordentlichen Pensionierung Ende Jahr wieder voll rehabilitiert im Sold der BVB steht. Auch die Gespräche mit den BLT würden bei allen Differenzen wieder in konstruktiver Atmosphäre stattfinden, heisst es. Und die Mitarbeiter loben die Kultur der offenen Türen, die zu Baumgartners Zeiten stets verschlossen waren.

Nur: Die politische Aufarbeitung der BVB-Affäre steht noch aus und birgt Sprengstoff. Wessels erklärt, das Bau- und Verkehrsdepartement (BVD) bereite die Revision des BVB-Organisationsgesetzes (OG) vor. Dessen Unzulänglichkeiten seien «augenfällig» geworden. Wessels möchte nicht nur, wie bereits angekündigt, die Wahl der BVB-Verwaltungsräte zur Regierungssache erklären, sondern auch einen besseren Einblick in die BVB-Buchhaltung. Nur so könne die Oberaufsicht wirklich wahrgenommen werden.

Wessels meint, die Chancen stünden gut, im Grossen Rat Akzeptanz für die Reform zu finden. Doch wie schwierig es sein wird, die Kompetenzen der Parlamentarier zu beschneiden, kann er bereits diese Woche erfahren. Denn nach einer harten Auseinandersetzung um Einblick in Strategiepapiere der Regierung ist Wessels in Sachen BVB von der Geschäftsprüfungskommission (GPK) vorgeladen worden. Diese untersucht das Verhalten des Departments in der BVB-Affäre. Diese Arbeit zieht sich nun aufgrund von Ungereimtheiten in die Länge. Wessels soll nun seine Rolle erklären. Verantwortung trägt er etwa dafür, dass der Abschluss des Berichts der Finanzkontrolle über Unregelmässigkeiten bei der BVB-Führung zeitlich so unglücklich fiel, dass die BVB gleichzeitig ihren Direktor wie den Verwaltungsratspräsidenten verloren. Aber auch ein Ausblick ist gefragt, da offenkundig keine aktuelle Eignerstrategie vorliegt. Wessels erklärt auf Anfrage, eine solche werde derzeit erarbeitet und mit dem Verwaltungsrat diskutiert. In den nächsten Monaten soll sie verabschiedet werden.

Doch auch zwischen der BVB-Führung und dem Departement knirscht es: Erst kürzlich wurde den BVB das Recht entzogen, die Werbeflächen der Spritzschutzwände bei den Haltestellen selbst zu vermarkten. Gleichzeitig wollen die Verkehrs-Betriebe zusätzliche Leistungen erbringen, wie den Ausbau des Flughafenbusses. Doch diese müsste das Departement Wessels als Besteller in Auftrag geben. Das BVD, so heisst es, stehe jedoch unter Druck des Finanzdepartements, das den Mehraufwand fürchtet. Das Resultat: eine Hängepartie.

Die Spannungen offen auszutragen, ist nach den groben Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr derzeit allerdings nicht angesagt. Ein integrativ wirkender Direktor ist vielmehr gefragt, ein Trammuseum und weitere 100 Jahre «Dante Schuggi».

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