Alpenglühen lässt das Matterhorn erstrahlen. Patrick Ruegsegger, den Computer vor sich, erklärt in radebrechendem Englisch sein neues Produkt. Vor gut zwanzig Jahren war er in Rodersdorf einer der jüngsten Gemeindepräsidenten der Schweiz. Allerdings nur ein gutes Jahr. Dann erschien er immer seltener an den Sitzungen, bevor er demissionierte. Nun ist Ruegsegger Businessman. Sein Geschäftssitz ist Dubai, sein neuester Renner, den er mit dem Youtube-Filmchen anpreist: AlpCoin – die etwas andere Kryptowährung, wie Ruegsegger sagt.

Das Vorbild aller Kryptowährungen ist Bitcoin. Immer weitere Geschäftsbereiche akzeptieren die virtuellen Münzen als Zahlungsmittel. Bitcoin verspricht unabhängig von Währungshütern als globales Zahlungsmittel zu funktionieren und ist ebenso unkontrolliertes Spekulationsgut. Das Volumen wächst mit den Computernetzwerkern, die mit sogenannten Blockchains, einer dezentralen Datenbank, die Transaktionen sicherstellen und abwickeln. Steht im Vordergrund die einfache Abwicklung von Zahlungen für Waren und Dienstleistungen, bildet das Verschlüsselungsverfahren den eigentlichen Kern des Finanzprodukts aus der IT-Welt. Deshalb heissen die virtuellen Zahlungsmittel auch Kryptowährungen.

Die Alchemisten 4.0
Wie Pilze schiessen Nachahmer aus dem Boden. Deren Seriosität ist mehrheitlich zweifelhaft. War es einst der Traum der Alchemisten, aus Blei Gold zu schaffen, sollen nun computergestützte Algorithmen virtuelles Geld mit echtem Wert hervorbringen; eine Verlockung für Blender und solche, die sich von der Aussicht auf schnellen Gewinn locken lassen. Die Aufsichtsbehörden sind alarmiert, die Staatsanwaltschaften rüsten ihr Know-how auf. Es besteht ein potenzieller Verdacht auf Betrug und Geldwäscherei. Mit der in Zug angemeldete und aus Leipzig operierende Euro Solution GmbH hat die Finanzmarktaufsicht Finma den Anbieter der Kryptowährung SwissCoins bereits auf die Warnliste gesetzt.

Selbstredend zählt sich Ruegsegger mit den Alpcoins zu den seriösen Anbietern. Nicht nur er: Ramon Simon aus Oberwil betont die Rechtmässigkeit seiner GiraCoins. Und Björn Seiz aus Muttenz meint, die echte Bitcoin-Alternative seien die von ihm angepriesenen, französisch geschriebenen SuisseCoins. Die Region Basel wird mit gleich drei Anbietern zu einem heimlichen bis unheimlichen Zentrum für Kryptowährungen.

Seiz, der sich auf b-seiz.com mit kruden Rezepten als Motivationstrainer und Unternehmensberater präsentiert, liess im Juni 2013 in Therwil die Suisse Finance GmbH eintragen. Sie hat zwar einen anderen Firmenzweck angegeben, fungiert aber als Gründungsunternehmen der SuisseCoins. Anfang 2016 zog sich Seiz als Gesellschafter offiziell zurück und installierte einen Nachfolger. Dieser hatte zuvor einen Inkasso-Betrieb geführt, der gemäss «Beobachter» Rechnungen für fiktive Abschleppdienste ausstellte.

Obwohl die Suisse Finance vom Zivilgericht Baselland Mitte 2016 in Konkurs gesetzt wurde, läuft SuisseCoin weiter. Nach eigenen Angaben hätten sich weltweit mehr als 150 000 Personen an diesem Währungssystem beteiligt. Grossspurig ist die Rede von Niederlassungen in Zürich, Singapur, Hongkong, Frankfurt, New York und Florida. Ein kürzlich erschienenes Stelleninserat von SuisseCoin wurde mit Arbeitsort Allschwil aufgegeben, aber die dortigen Kontakte sind ausser Betrieb.

Im Gegensatz zu SuisseCoin kann GiraCoin mit einigen überprüfbaren Angaben aufwarten. Die dahinterstehende Gira Financial Group AG ist in Hergiswil (NW) angemeldet und hat sich dem Selbstregulierungsverein PolyReg angeschlossen. Verwaltungsrat Ramon Simon, der seine Büros in Oberwil hat, sagt, der einzige Unterschied zur Bitcoin sei, dass bei GiraCoin der Blockchain derzeit nicht öffentlich gemacht werde, also bloss eine zentrale Datenbank besteht. Seine Begründung: GiraCoin wolle vermeiden, dass Chinesen mit enormer Rechenleistung die Generierung neuer GiraCoins dominierten.

Kunden in Asien
GiraCoin zählt nach eigenen Angaben 20 000 Kunden, wovon jeder fünfte sich auch an der Schaffung neuer Coins, dem sogenannten Mining, beteilige. Achtzig Prozent der Kunden stammten aus Asien, viele davon aus Vietnam, das als Land der Kryptowährungen gelte, da niemand der örtlichen Währung traue, sagt Simon.

Simon, ehemals technischer Leiter des TCS in Basel mit einer Weiterbildung als Bachelor of Science in Engineering and Management, arbeitet mit Gian Carlo Collenberg zusammen, der in Hofstetten eine Autowerkstatt besitzt. Zudem seien zwei Informatiker sowie ein Jurist am Firmenaufbau beteiligt, sagt Simon.

Die Ambitionen der Gira Financial Group gleichen denjenigen eines Weltunternehmens. Eine Zulassung als Fintech-Firma werde beantragt, eine Handelsplattform für die Gira-Währung werde aufgebaut, die Händlerplattform GiraBuy im März gestartet, zählt Simon auf. In England wurde mit der Keycoins Ltd. jüngst eine eigene Gesellschaft gegründet, die als «technologisches Subunternehmen» eine Transaktionssoftware für Banken entwickle. In Kontrast zu den grossen Plänen sagt Simon, bisher sei rund eine halbe Million Franken investiert worden.

Wer die Unterlagen von Alp-, Suisse- oder Gira- oder anderer Coins studiert, findet kaum erhellende Informationen, welche reale Ware mit der virtuellen Währung gekauft werden kann. Entsprechende Plattformen seien entweder erst am Entstehen oder sind übernommene aus früheren Aktivitäten wie im Fall von AlpCoin. Konkret ist dafür das Versprechen, dass gut profitieren könne, wer sich früh am Aufbau einer Kryptowährung beteilige. Dies hat allerdings wenig mit den Coins zu tun als vielmehr mit dem Multi-Level-Marketing (MLM), mit dem um Kunden geworben wird: Jeder erhält eine Provision, wer ein Coin-Mitglied anwirbt, und profitiert weiter, wenn auch dieses wiederum einen Kunden anwirbt. Eine Kette mit bis zu 21 (GiraCoin) oder 40 Personen (AlpCoin) kann entstehen, die alle dem ersten der Reihe einen Anteil ihrer Gewinne abtreten müssen.

Multi-Level-Marketing
Die GiraCoins bewirbt ihr MLM mit vier «Bonusprogrammen». Sie heissen «Level-Bonus», «Partner Bonus» oder «Gira World Pool». Gespeist wird das virtuelle System durch reale Beiträge, die entweder als Einschreibegebühren deklariert oder als «Schulungspakete» verkauft werden.

Die mitunter schwer verständliche Sprache ist gewollt: Wer am System teilnimmt, muss es nicht zwingend verstehen, sondern glauben. Er kann sich vom «Beginner» zum «President» hocharbeiten, je mehr Kunden er einbringt. Je grösser zudem sein Einsatz, desto höher seine Bewertung; er steigt von «silver» über «platinum» zu «gold» und «red diamond». Scientology entwickelte bespielsweise ähnliche Gratifikationssysteme; desto überschwänglicher wird belobigt wird, je mehr Geld und Kunden er odersie dem Sektensystem zuführt.

Die regionalen Krypto-Schaffer setzten auf Schweizer Werte, auf «Stabilität und Sicherheit» (AlpCoin), «erstklassigen Kundenservice» (GiraCoin) oder schlicht «Swiss Value» (SuisseCoin). Übereinstimmende Informationen besagen: Das Geschäft floriert.

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