Curry ist Kunst. Zumindest während der kommenden Art Basel im Juni. Renommierte Künstler werden im Auftrag der Kunstmesse auf dem Messeplatz eine Bambus-Stahl-Konstruktion aufbauen, in der Studenten bis zu 300 Portionen Curry-Reis pro Tag kochen und verteilen werden. Das Projekt heisst «The Land» und bezieht sich auf eine Künstlerkommune im Norden Thailands, die Reisfelder kultiviert. Der thailändische Performance-Künstler Rirkrit Tiravanija leitet das Projekt, der Frankfurter Architekturprofessor Nikolaus Hirsch entwirft die Konstruktion, und der finnische Koch Antto Melasniemi sorgt für die Kulinarik.

Die Studenten hinter den Curry-Töpfen sind keine Hilfsarbeiter, sondern Performance-Künstler. Sie werden betreut von Philipp Gasser, Dozent an der Hochschule für Gestaltung und Kunst (HGK) der Fachhochschule Nordwestschweiz. Entlöhnt werden sie mit Credit Points, die sie sich an ihr Studium anrechnen können. Die Schule bezeichnet das Kunst-Projekt als «Intervention».

In der Basler Kunstszene ist der Einsatz der Studenten umstritten. Denn die Aktion hat eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren hat der japanische Künstler Tadashi Kawamata im Auftrag der Art eine ähnliche Installation auf dem Messeplatz erstellt. Er inszenierte das Elend mit einem Favela-Café. Die Szenerie artete aus, als Linksautonome mit einer unbewilligten Party die Favela besiedelten und die Polizei wie in einer echten Favela mit einem Grossaufgebot einschritt. Da die Polizisten in einer symmetrischen Kampfformation aufmarschierten, machten sie sich unfreiwillig selber zum Teil der Kunstdarbietung.

Während der vergangenen Art Basel folgte der zweite Akt. Ein Künstlerkollektiv imitierte den Polizeieinsatz vom Vorjahr: In Anspielung auf die Polizeiformation schritten Studenten mit Papptellern in den Händen über den Messeplatz. Die Aktion hätte keine Beachtung gefunden, hätte die Polizei nicht die Regie übernommen. Sie führte die Künstler ab und wies sie an, sich für die nächste Szene auf dem Polizeiposten nackt auszuziehen.

Orchestriert wurde die Pappteller-Aktion vom Künstlerkollektiv «Die Zelle» um Enrique Fontanilles. Er ist stellvertretender Direktor der Schule für Gestaltung (SFG) und spannte seine Studenten für die Aktion ein. Dass sich nun Studenten der prestigeträchtigen HGK von der Art Basel auf die andere Seite ziehen lassen, kritisiert Fontanilles. Die Absicht der Art sei durchsichtig: Es handle sich um einen «Schachzug», mit dem Protestaktionen wie in den Vorjahren vermieden werden sollen. «Es ist bedauerlich, dass die Art die Kunststudenten instrumentalisiert», meint Fontanilles. Einige HGK-Studenten teilen die Bedenken: Sie zogen sich aus dem Art-Projekt wieder zurück.

Fontanilles sieht ein grundsätzliches Problem: «Früher galt noch, dass Künstler zumindest während des Studiums unabhängig bleiben und sich nicht von kommerziellen Projekten einspannen lassen sollen.» Der Kunstdozent vertritt eine radikale Position: Kunst und Kommerz sind für ihn Widersprüche. Als Fontanilles 1967 die Gewerbeschule besuchte, die er heute leitet, bereiteten Ernst Beyeler und Co. die erste Art Basel vor. Der junge Fontanilles ging dagegen auf die Strasse aus Überzeugung, dass die Kunst keine Messe benötige. Obwohl Fontanilles nun kurz vor der Pensionierung steht, vertritt er dieselbe Haltung wie in den wilden Studentenjahren. Er zieht Bilanz: «Die Art ist wirtschaftlich eine Erfolgsgeschichte, nicht aber inhaltlich. Man merkt, dass der wichtigste Inhalt das Kommerzielle ist.»

Dass die HGK dieses Jahr erstmals mit der Art kooperiert, sieht Sprecherin Eveline Wüthrich nicht als Problem, sondern als Erfolg. «Der Kommerz ist ein wichtiger Bestandteil der Kunst, den man nicht unter-, aber auch nicht überbewerten sollte», sagt sie. Gemäss Dorothee Dines, Sprecherin der Art Basel, habe sich nicht die Messe, sondern der Künstler für den Einbezug von Basler Studenten entschieden. Die Art Basel könne nicht beurteilen, ob dadurch Proteste verhindert würden.

Zumindest mit einer Protest-Performance ist zu rechnen. «Die Zelle» ist gewachsen. Sie plant eine Aktion, an der sich gemäss Fontanilles «viel mehr Leute» beteiligen werden: «Unsere Pappteller wurden zum Phänomen.» Seine Pläne verrät der Schulleiter nicht. Als Unterlage für die Curry-Kunst wird er seine Pappteller jedoch nicht hergeben.

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