Christoph Blocher hat geladen. Zum sechsten Mal in Folge wird er am 2. Januar vor Getreuen drei Schweizer Persönlichkeiten würdigen, wie er sagt. Historische Figuren, mit einer Ausnahme alles Männer, die er kunstvoll zu Garanten seines Weltbildes instrumentalisiert. Dieses Jahr lädt er nach Basel, um im Volkshaus, dem einstigen Kulturzentrum der Arbeiterschaft, den Maler Hans Holbein, den Politiker Johann Rudolf Wettstein und den Theologen Karl Barth zu vereinnahmen.

In der Pfarrerfamilie Blocher hatte Karl Barth, der Basler Theologieprofessor und Mitbegründer der «Bekennenden Kirche», Stoff für das intellektuelle Tischgespräch geboten. Bruder Gerhard studierte in Basel bei Barth und von Christoph Blocher ist eine langjährige Auseinandersetzung mit Barth nachgewiesen. Wie stark er seine politische Mission direkt mit Barth’schem Gedankengut legitimiert, hat der Zuger Alt-Ständerat Andreas Iten (FDP) vor einigen Monaten im Aufsatz «Warum Blocher gegen die EU sein muss» nachgewiesen. So wie Barth «unveränderliche Wahrheiten» in der göttlichen Offenbarungen sah, glaube Blocher, in der Welt etwas «naturhaft Vorgegebenes» erkennen zu können. Für Barth wird der Mensch von Gott erwählt. Und Blocher betont, er sehe sich «als Mittel zum Zweck», um den «unveränderlichen Wahrheiten» zu dienen. Iten weist nach, wie Blocher sich in einer Zirkelschluss-Argumentation und mit Verweis auf Barth einen autokratischen Führungsanspruch zurechtgezimmert hat, indem er «Gott» in der Religion durch das «Volk» in der Politik parallel setzte. Beide hätten immer recht.

Dass Karl Barth ideologisch von rechts wie von links gelesen werden kann, ist bekannt. Wer sich wie Blocher isoliert auf dessen dogmatische Schriften bezieht, kann sich dabei ebenso Argumente sichern wie die in Basel vorherrschende Strömung der Links-Barthianer, die auch dessen politisches Handeln berücksichtigen. Und dieses war eindeutig links der Mitte. Blocher trennt säuberlich den Politiker vom Theologen Barth. Und dies mit zunehmender Konsequenz: Stand er 1991 in Biberist selbst noch als Laienprediger auf der Kanzel, so ist im aktuellen SVP-Parteiprogramm festgeschrieben, dass von der Kanzel keine Politik gemacht werden solle. Blocher hat zwar seine Politik religiös fundiert, doch da sich mit christlichem Eifer auch linke Anliegen vertreten lassen, möchte er die Politik von der Kanzel gebannt sehen.

Blochers Vorgehen, sich auf historische Figuren zu beziehen, diese jedoch ahistorisch in sein Weltbild einzubauen, hat System. Wie er dies mit dem Maler Hans Holbein dem Jüngeren anstellt, wird sich mit dem Vortrag weisen. Einen Hinweis dazu lieferte bisher erst die «Basler Zeitung», die in einer ganzseitigen redaktionellen Vorschau auf die Veranstaltung ihres Eigentümers geschrieben hat: «Holbein fasziniert Blocher, weil der Maler mit seinen Porträts das Individuum ins Zentrum stellt – und nicht das Kollektiv. Das versucht Blocher mit seiner Politik umzusetzen.»

Absehbar ist die politische Vereinnahmung des Basler Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein. Die Blaupause dazu lieferte Blocher vor vier Jahren in einer Buchrezension für die «NZZ am Sonntag», die in der «Basler Zeitung» nachgedruckt wurde. Wettstein, so räumte Blocher damals ein, sei zwar «innenpolitisch dem absolutistischen Gedankengut von schroffer Trennung zwischen Obrigkeit und Untertanen verhaftet». Doch überstrahlt werde dies von seinem aussenpolitischen Erfolg, den er als Gesandter im Rahmen des Westfälischen Friedens erzielt habe: «Ihm verdankt die Schweiz nämlich die staatsrechtliche Anerkennung der Neutralität und Unabhängigkeit vom Deutschen Reich.»

Der politische Subtext ist offenkundig: Obwohl ein eingewanderter Zürcher, so war es mit Wettstein doch der Basler Bürgermeister, der die Schweizer Neutralitätspolitik begründet habe. Die Umdeutung von Basel von einer historisch nach Europa offenen Stadt zur Vorkämpferin einer isolationistisch neutralen Schweiz ist damit in Gang gesetzt.

Blocher schrieb seine Rezension zur Neuauflage des Romans «Der Schweizerkönig Johann Rudolf Wettstein» von Mary Lavater-Sloman. Historiker ärgerten sich gewaltig über Blochers Interpretation. Lucas Burkart, mittlerweile Professor für die Geschichte des Spätmittelalters an der Universität Basel, hob zum Widerspruch an, den die «Basler Zeitung» abdruckte. Die Botschaft, die Blocher verbreite, sei bekannt und böte für sich genommen keinen Anlass zu einer Replik. Doch «die Art und Weise, wie hier argumentiert wird, ist für all jene nur schwer zu ertragen, denen ein ernsthaftes Verständnis der Schweizer Geschichte ein Anliegen ist». Was Blocher vorgelegt habe, sei «zutiefst ahistorisch, anachronistisch und methodisch fehlerhaft». Mit dem Gestus der historischen Analyse, so Burkart, lasse Blocher die Geschichte erst verschwinden, um eine Genealogie gefühlter und «echter» Schweizer Tugenden zu konstruieren.

Unterstützung fand Blocher in der «Weltwoche», die einige Wochen später unter dem Titel «Meilenstein der Freiheit» Wettsteins Wirken feierte und den Relativierern von Wettsteins historischer Bedeutung «Geschichtsklitterung» vorwarf. Markus Somm, Historiker und Chefredaktor der «Basler Zeitung», schaltete sich in diese Diskussion wohlweislich nicht ein: 1998 hatte er sich als Redaktor des «Tages-Anzeigers» noch spöttisch über die Freunde des Westfälischen Friedens geäussert, zu denen auch Blocher gehörte. Diese wollten den Friedensschluss und die Bedeutung für die Schweizer Geschichte gefeiert wissen. Doch Somm schrieb: «Man feiert das falsche Datum. 1648 wurde bloss schriftlich festgehalten, was schon lange der Fall war. Seit dem Ende des Schwabenkrieges 1499 war die Eidgenossenschaft vom Reich so gut wie unabhängig.»

Von solchen Einsprüchen lässt sich ein Blocher allerdings kaum abhalten, wenn er auf den kommenden Berchtoldstag um 11 Uhr im Volkshaus zur Predigt lädt. Was ihm allerdings entgangen ist: In Basel ist der 2. Januar kein Feier-, sondern ein Arbeitstag.

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