Che Wagner (27) ist eine Art moderner Zauberlehrling. Er hat Inhalt in Verpackung verwandelt. Und Verpackung in Inhalt. Als Experimentierfeld diente ihm ein im Schwarzwald produziertes Süssgetränk – die «Mitte Cola». Daraus hat er die «Grundeinkommen-Cola» gemacht.

Während die meisten Getränkeproduzenten mit dem Etikett die Qualität ihres Produkts anpreisen, sieht Wagner sein Produkt primär als Botschaftsträger. «Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?» steht in goldenen Lettern auf seiner Cola. Nur die Frage, kein Name, kein Brand. Ein simpler Werbegag? Vielleicht. Klar ist: Mit der Lancierung des Produkts Anfang Jahr hat Wagner die klassische Werbelogik fundamental missachtet. Er findet: «Die Produkte heute sind heute fast alle hochstehend, das wissen die Leute. Sie wollen mehr als ein gutes Getränk.»

Und tatsächlich, die Leute beginnen, darauf anzuspringen. Seit der Lancierung Anfang Jahr ist der Verkauf von 50 Flaschen «Mitte Cola» auf 80 Flaschen «Grundeinkommen-Cola» pro Tag gestiegen. Die Anzahl Verkaufsstellen ist von einer auf über ein Dutzend angewachsen, verteilt über sieben Städte. Che Wagner rechnet mit 60 000 verkauften Flaschen für das Jahr 2015, dafür müsste er den Absatz im zweiten Halbjahr allerdings fast vervierfachen. Doch Pläne, wie man «richtig durchstarten» könne, würden in der Schublade liegen. Auch wenn er tatsächlich durchstartet, seine Cola bleibt ein Nischenprodukt. Ihn kümmerts wenig. Jede verkaufte Flasche ist eine Werbebotschaft. Und die Konsumenten bezahlen auch noch dafür.

Seit er 2013 für das Grundeinkommen auf dem Bundesplatz in acht Millionen Fünfräpplern badete, weiss Wagner, wie man medienwirksam auf sich aufmerksam macht. Doch hinter dem kleinen Cola-Coup steckt mehr als ein findiger Aktivist.

Mit dem «Unternehmen Mitte» hat er einen starken Partner im Rücken. Hier, in der Basler Innenstadt, befindet sich das Epizentrum der Grundeinkommen-Bewegung. Hier entstand vor einigen Jahren für den hauseigenen Verkauf die «Mitte-Cola», Wagners Rohstoff.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Mitte-Geschäftsführer, Kaffee-Experte und Sensorik-Profi Benjamin Hohlmann tüftelte den Geschmack aus. Für den Laien schmeckt das Resultat wie Cola – erfrischend, alt bewährt. Angerührt wird das Getränk in der Brauerei Rogg im süddeutschen Lenzkirch, die mit Limonade reichlich Erfahrung hat. «Ein Vorzeigebetrieb», schwärmt Che Wagner. «Die haben Solardächer, wirklich gut.» Weil das «Unternehmen Mitte» einen konstanten Absatz garantiere, konnte es einen guten Deal aushandeln. Der Zucker ist Fairtrade und wird aus Südamerika direkt nach Lenzkirch geliefert. Produktion in Deutschland?

«In der Schweiz würde die Produktion einen Drittel mehr kosten», sagt der Aktivist. Alternative Limonaden und Colas schiessen zwar wie Pilze aus dem Boden, allein in Berlin seien in den letzten Jahren etwa 300 neue Getränke auf den Markt gekommen. Doch nur eine Handvoll hätten sich halten können. Mit Schweizer Produktions- und Lohnkosten sei das noch viel schwieriger.

Che Wagner interessiert sich eigentlich mässig für Cola. Er sagt: «Ein Kaffeehaus ist tot, wenn man dort über den Kaffee spricht.» In anderen Worten: Das Getränk soll Atmosphäre schaffen. Wenn er in Zürich in einem Kaffee sitze, wo seine Cola verkauft werde, beobachte er oft die Reaktion der Gäste. Bei etwa vierzig Prozent ergebe sich, ausgehend vom Etikett, ein angeregtes Gespräch. «Das ist der Mehrwert, den wir bieten», sagt er.

Mit «wir» meint Wagner vor allem seinen politischen Ziehvater Daniel Häni. Ist Wagner der Zauberlehrling, so ist Häni der Meister. Häni hat die nationale Volksinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen in der «Mitte» gestartet, Wagner zur Mitte geholt und ihn geprägt. Im Gespräch verweist Wagner auf die «Gedankenbank» von Häni, eine Art Zinsmodell mit Gedanken, das dieser in den 80ern erfand. Auch Hänis Open-Source-Idee hat er aufgesogen. Die «Grundeinkommen-Cola» ist nicht geschützt. Bald soll sie in Berlin von einer eigenständigen Truppe nachgebraut und vertrieben werden. Diese arbeitet mit der Berliner «Bürgerinitiative Grundeinkommen» zusammen.

In Berlin wird Geld gesammelt, das dann als Grundeinkommen für einzelne verlost wird. «Der Gedanke, dass einzelne ein Grundeinkommen bekommen, finde ich grundsätzlich nicht interessant», sagt Che Wagner. «Es geht darum, wie die Welt ausschaut, wenn die andern auch ein Grundeinkommen kriegen.» Muss der Zauberlehrling nun schauen, dass er die Geister, die er rief, nicht plötzlich wieder loswerden muss? «Keineswegs! Ich verfolge das Geschehen in Berlin freundschaftlich-kritisch». Und abgesehen davon: Spannungsfelder sind genau das, was er sucht.

Die «Grundeinkommen-Cola» ist quasi der inoffizielle Startschuss zum Abstimmungskampf über die Volksinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen, die im Herbst 2016 vors Volk kommt. Wagner gibt das unumwunden zu, behauptet aber dennoch: «Die Aktion ist keine Werbung, sie ist nicht politisch. Es geht darum, gute Fragen auf den Tisch zu bringen».

In diesem Punkt droht das Spannungsfeld so gross zu werden, dass es nicht mehr unter einen Zauberhut passt. Bis dahin: wohl bekomms!

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