Ivar Niederberger versteht nichts von Kunst. Zumindest dachten das alle ausser er. Bis der Baselbieter nebenher selbst Künstler und erfolgreicher Kunsthändler wurde – und sie alle Lügen strafte.

Kürzlich sei er an der Art Basel gewesen, erzählt der Unternehmer auf seiner Sonnenterrasse zwischen Swimmingpool und Jacuzzi. Er habe sich die Bilder angeschaut und gemerkt: Die transportieren alle eine negative Stimmung. Und dann werden dafür auch noch exorbitante Preise bezahlt. Also sei er nach Hause gefahren, um selbst ein paar Bilder zu malen. Farbige, grosse, positive Bilder. Die habe er dann auf seinem Handy rumgezeigt und an Ausstellungen ein bisschen aus seinem Leben erzählt. Gerade vergangene Woche habe eines seiner Bilder den Besitzer gewechselt. Für 30 000 Franken. «Ich stand halt dahinter. So erreiche ich meist, was ich will. Man darf nicht zu viel denken und sich selber analysieren. Man muss einfach tun.»

So surreal wie diese Geschichte ist Niederbergers ganzes Leben. Es wimmelt von Episoden, die man dem 46-Jährigen nicht so richtig abkaufen will. Zu märchenhaft erscheinen sie; zu bauernschlau, zu pathetisch klingt sein Motto «Tun, nicht denken». Und doch muss jeder Zweifler anerkennen: Irgendwas ist dran an diesem Kerl und seiner Philosophie, die er mittlerweile in einem Buch niedergeschrieben hat und in Seminaren vermittelt – für 1500 Franken die Stunde. Sonst wäre seine Karriere nicht so steil verlaufen.

In der Kindheit attestierten die Ärzte dem kleinen Ivar schwere Legasthenie und Tourette-Syndrom. Nicht einmal eine Anlehre konnte er abschliessen. Also suchte er etwas, das er konnte, und fand den Handel. «Dafür bin ich geboren», brüllt er einem ins Ohr. Tourette ist nicht heilbar. Mit zwanzig machte sich Niederberger mit dem wenigen Ersparten selbstständig und begann, Restposten von Damenkleidern aufzukaufen und ab Rampe zu verscherbeln. Das Ziel: möglichst schnell Millionär werden.

Viele lachten den zuckenden Jungen aus. Er gab immer zurück. Naiv, wie er war, bezahlte Niederberger anfangs viel zu viel für die Restposten. Das sprach sich bei den Lieferanten herum und bald riefen sie ihn zuerst an, wenn sie gute Ware abzugeben hatten. Die Frauen standen Schlange. Seinen Laden taufte er Kleidi. Heute gibt es davon zwei Dutzend, mit 25 war Niederberger Millionär. So die Legende. Trotz Hublot am Handgelenk und Louis Vuitton an den Füssen wird er nicht müde, zu betonen, dass er in den Anfängen viele Rückschläge einstecken musste. Damals würgte er über Mittag hinter der Theke rasch eine Dose Büchsenfleisch und ein Brötchen herunter. Und auch im übertragenen Sinn habe er den Willen gehabt, Dreck zu fressen. Sonst hätte er gleich aufhören können. «Die Lehrzeit ist keine Herrenzeit.» Hinter diesem Motto steht er noch heute. Er sei fair zu Kunden und Angestellten, aber wenn er diesen Willen nicht spüre, alles zu geben, könne er auch mal zum Arschloch werden, sagt er: «Gute Mitarbeiter muss man selber züchten.» Bestes Beispiel: Ivan Barca.

Vor fünf Jahren wurde der damals 23-Jährigen vom Unternehmer unter seine Fittiche genommen. Barca sagt, er habe Niederbergers Buch gelesen und den Mann kennen lernen wollen, der ihn auf den richtigen Weg geführt hat. Niederberger sagt, er habe gespürt, dass Barca denselben unbändigen Willen habe wie er. Und er brauchte eine rechte Hand, die ausführt, was er ausheckt. Er brauchte einen, den man nachts um drei anrufen kann und der dann um halb vier da steht. Barca tut das ohne Widerrede. «Ich bin der Filter für all das, mit dem sich Niederberger nicht beschäftigen will oder kann. Der, der hinterher aufräumt», sagt er. Barca kümmert sich um den Papierkram, wenn Niederberger seine Deals per Handschlag besiegelt. Er kümmert sich um die Mitarbeiter, von denen Niederberger nicht einmal die Namen kennt. Keine einfache Aufgabe, schliesslich sei sein Mentor ein klassischer Patriarch. Manchmal wolle er heute etwas so haben und morgen genau andersrum. Das müsse man bedingungslos akzeptieren. Wenn man das tue, könne man ungemein profitieren. Bereits nach einem Jahr habe er die operativen Geschäfte übernommen, sagt der Zögling. Heute, fünf Jahre später, ist er Kleidi-Geschäftsführer. Und Geschäftspartner der neu gegründeten Auktionshaus Niederberger AG.

Das Auktionshaus ist das neuste Projekt des schrillen Unternehmers, der heute sagt, er arbeite nicht mehr für Geld, sondern einzig und allein, weil er gern arbeite. Obwohl er sich nach 25 Jahren im Geschäft, mit diversen Kleider- und Immobilienfirmen, Dutzenden Läden und Hunderten Angestellten, längst zur Ruhe setzen könnte, streckt er erneut seine Fühler aus. Freizeit ist ihm zuwider, er könne nicht verstehen, wieso man sich so was antue.

Also hat er den Markt studiert. Fazit: In den nächsten Jahren und Jahrzehnten werden viele Firmen pleitegehen. Ausserdem sind viele Menschen alt und werden sterben. Das bedeutet eine grosse Konkursmasse und diverse Nachlässe, die jemand verkaufen muss. «Also werde ich jetzt Liquidator», sagt er. Schliesslich wisse er mittlerweile, dass er sich auf sein Gespür für Trends verlassen könne. Und auf seinen heimlichen Chef, den Taschenrechner. Er gibt vor, welche Rendite zu erzielen ist. Und dieser habe Niederberger gesagt: «Tu es! Steig da ein!»

Die erste Auktion sei in zwei Monaten geplant, sagt Niederberger. «Dann sollen die Leute sagen: ‹Der Sauhund hats mal wieder geschafft.›»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper