Gestern, kurz nach 13 Uhr war die Entscheidung definitiv. Die Wagenplatz-Leute, die im Kleinbasler Hafen einen Kiesplatz besetzen, ziehen sich doch noch auf die von der Basler Regierung vorgeschriebenen 2500 Quadratmeter zurück. Um 16.30 Uhr war der Umzug sichtbar. Es war die letzte Gelegenheit vor einer Eskalation.

Was nicht bekannt war: Vor allem die zwei Wohngruppen auf dem Wagenplatz, rund zwei Dutzend Personen, stellten sich seit Tagen auf eine Teilräumung ein. Ein Beteiligter sagt, es seien intensive Diskussionen gewesen. Doch für sie sei klar gewesen, dass die Situation friedlich bleiben müsse. Am Donnerstag hatten sie intern den Entschluss gefällt, sich dem Druck zu beugen. Am Freitag wurden die Interessen der einzelnen Fraktionen abgeglichen. Am Samstag wurde der Entscheid kommuniziert und mit Traktor und Muskelkraft umgesetzt: Die Wagenburg steht nun in einem Dreieck auf 2500 Quadratmetern. Vorgegeben von der Regierung war ein Streifen mit gleicher Grundfläche.

In der öffentlichen Wahrnehmung standen die Zeichen seit gut einer Woche allerdings auf Konfrontation. Die Positionen zwischen den Wagenplatz-Leuten und der Verwaltung, dem Verein Shift Mode, der von der Regierung für die Zwischennutzung auserkoren wurde, sowie der Kunstmesse Scope blieben trotz rundem Tisch unvereinbar. Die Regierung setzte ein Ultimatum bis Sonntag. Werde ein Teil der Fläche nicht freigemacht, drohe die Räumung.

Die Lage schien sich auf das Wochenende zuzuspitzen, Aktivisten wurden mobilisiert. Am Freitagabend zog eine Party-Demo auf das Kasernen-Areal, um dort feuchtfröhlich für den Wagenplatz zu werben. Ab Samstagnachmittag war auf der Klybeckinsel ein vorgezogenes alternatives Hafenfest angesagt. Ein erweitertes Zeltlager sollte den Widerstand manifestieren. In einem Flyer heisst es: «Bis auf weiteres wollen wir hier besetzen, uns in Solidarität und Selbstverwaltung üben, lernen uns zu wehren und gemeinsam für das zu kämpfen, was unseren Bedürfnissen entspricht.» Von Rückzug war keine Rede.

Trotz der demonstrierten Sympathiewelle für die anarchische Wohnform und der am Freitag bei der Basler Staatsschreiberin eingereichten Petition mit 3000 Unterschriften: Die Bewegung hatte in der vergangenen Woche massiv an politischer Unterstützung verloren. Nicht zuletzt ein Interview zweier Aktivisten mit der «Tageswoche» weckte weniger den erhofften Goodwill, sondern stiess vielmehr auf Unverständnis. Zu unverhohlen pochten sie darin auf das Privileg, ohne obrigkeitliche Einmischung auf dem Wagenplatz tun und lassen zu wollen, wie ihnen beliebt.

Lediglich die linke Basta und die Jungsozialisten haben noch unverdrossen für die Wagenplatz-Kultur geworben. Ihr stärkstes Argument: Der Wagenplatz müsse gar nicht für die Kunstmesse Scope weichen, sondern lediglich für Parkplätze der Art-Besucher, für die gar keine Bewilligung eingereicht worden sei. Bereits bei ihren grünen Fraktionspartnern fand Basta keine Unterstützung mehr. Die Grünen gaben vielmehr ihrem Regierungspräsidenten Guy Morin Sukkurs, der nach einem gewissen Zögern und Zaudern nach der Regierungssitzung vom Dienstag das Ultimatum verhängte – und sich damit in die Pflicht nahm, tatsächlich auch eine Räumung zu veranlassen.

Michael Koechlin, ehemals Leiter Kultur in der Basler Verwaltung und nun LDP-Grossrat, gehörte zu den frühen Wagenplatz-Sympathisanten. Doch er hat vergangene Woche mit ihnen gebrochen. In einem Schreiben an die Wagenplatz-Leute, das der «Schweiz am Sonntag» vorliegt, erklärt Koechlin, er könne das Beharren auf den Maximalforderungen nicht unterstützen. Er könne dies nicht anders interpretieren, als dass «bei euch Kräfte die Oberhand gewonnen haben, denen es nicht mehr um die Idee und Sache Wagenplatz, sondern um einen (ziemlich hoffnungslosen) Machtkampf mit dem Staat geht.» Dass es nun doch zu einer freiwilligen Räumung gekommen ist, nennt Koechlin einen «Triumph der Vernunft».

Andreas Kressler, Geschäftsleiter von Immobilien Basel, sagt, er habe auf einen solchen Entscheid gehofft. Morins Stadtentwickler Thomas Kessler meint, der vorliegende «konstruktive Lösungsansatz» sei derart einleuchtend, dass er eben in den diversen Wagenplatz-Gruppen durchaus mehrheitsfähig sei.

Gänzlich ausgestanden ist die Auseinandersetzung allerdings nicht: Die Wohnwagen sind zwar gezügelt, doch die Bar Uferlos steht weiterhin ausserhalb der Demarkationslinie. Ob sie sich in das Zwischennutzungsprojekt von Shift Mode integrieren wird, sei wenig wahrscheinlich, sagt einer der Aktivisten. Die Auflagen seien zu eng. Ob sie ihr Projekt beenden und die Bar unbesiedelt zurücklassen oder ob sie sich mittels Sitzblockade von räumenden Polizeikräften wegtragen lassen werden, sei noch offen. Die grosse Eskalation werde es jedoch nicht geben. Es soll schliesslich «friedlich und fröhlich» bleiben.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper