Die Kunstwelt ist begeistert, die Basler besonders. Vier von fünf Bildern aus Gerhard Richters Reihe «Verkündigung nach Tizian» gehören neu dem Kunstmuseum Basel. Ein kulturelles Grossereignis, das auf seltsamste Weise der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde.

Zwei Tage vor Eröffnung der grossen Richter-Show in der Fondation Beyeler erklärte das Kunstmuseum lediglich in einer Mitteilung, sie habe zentrale Werke im Schaffen des 82-jährigen deutschen Grosskünstlers gekauft. Dereinst werden sie im neuen Erweiterungsbau zu sehen sein, doch zunächst hängen sie im fremdem Haus, in der Fondation Beyeler. Bezahlt wurden sie einmal mehr mithilfe der Mäzenin Maja Oeri, die eines der Bilder finanziert, sowie von einer «von Basler Persönlichkeiten gegründeten Gesellschaft», die für die weiteren drei Gemälde den Geldbeutel öffneten.

Eine «mäzenatische Preisgestaltung» der Verkäufer habe den Ankauf erst ermöglicht, lobt das Kunstmuseum. Deren Identität wurde nur leicht anonymisiert, sodass nur zwei Sammler infrage kommen, Hans B. Wyss (79) oder Robert Strebel (83). Ein verwirrendes Spiel von offengelegten und versteckten Geldgebern, von Privatpersonen und ungenannten «Gesellschaften».

Eine weitere Besonderheit: In Basel lebt und wirkt auch der Künstler, Sammler und Kunstunternehmer Urs Raussmüller (74). Dieser hatte in den 1970er-Jahren im Auftrag reich gewordener Zürcher Banker, darunter Strebel, und ihrem Anwalt Hans B. Wyss eine Kunstsammlung unter dem Namen Crex aufgebaut. Unter den Anschaffungen: Richters Tizian-Gemälde. Diese erscheinen jedenfalls in älteren Crex-Katalogen. Allerdings, so heisst es nun, seien die Bilder nie im Besitz der Sammlung gewesen, die wiederum der dazu geschaffenen Firma Crexart gehörte. Vielmehr seien die Gemälde 1977 direkt in den Privatbesitz eines der Crex-Sammler gekommen.

Was die Geschichte besonders macht: Seit gut zehn Jahren liegt Raussmüller mit den Crex-Gründern in einem erbitterten Rechtsstreit. Dabei ist der renommierte Basler Kunstanwalt Peter Mosimann Raussmüllers Rechtsvertreter. Mosimann wiederum präsidiert die Basler Kunstkommission, das oberste Gremium des Basler Kunstmuseums. Was bedeutet: Der Crex-Sammler hat ausgerechnet dem Basler Museum seine Bilderreihe zu einem Freundschaftspreis verkauft, das von seinem juristischen Kontrepart Mosimann geführt wird.

Peter Mosimann mag auf Anfrage keine Konfliktsituation erkennen; schliesslich habe Museumsdirektor Bernhard Mendes-Bürgi die Verhandlungen geführt und die Kommission die Ankäufe bloss genehmigt. Doch diese säuberliche Trennung entspricht nicht der Funktionsweise des Kunsthandels, in dem Sympathien und Netzwerke ebenso entscheiden wie der gebotene Preis. Auch Raussmüller wurde vom Deal überrascht. Dies sagt jedenfalls Claudio Beccarelli, Marketingleiter der Raussmüller Collection. Dabei gehört Raussmüller zu den gewieftesten Praktikern von Kunsttransaktionen, wie seine Geschichte zeigt.

Anfang der 1970er-Jahre war der Zürcher Raussmüller selbst als Künstler unterwegs. Seine wahre Begabung erkannte er jedoch bald darin, als Impresario erfolgversprechenderen Kollegen zum Durchbruch zu verhelfen. 1974 erhielt er von seinem damaligen militärischen Vorgesetzten Hans B. Wyss den Auftrag, die Sammlung Crex aufzubauen. Raussmüller agierte wie ein Galerist für einen Kreis häufig gleicher Künstler, die er gross machte und mit denen er selbst vermögend wurde. Er kaufte für die Sammlung sowie für private Sammler und übernahm Werke in seine eigene Raussmüller Collection.

Öffentliche Beachtung fand Raussmüller, als er 1976 begann, für den Migros-Genossenschaftsbund Kunstwerke zu kaufen. Er begründete in Zürich die InK, die Halle für internationale neue Kunst, die bis zu ihrer Schliessung 1981 auch mit Richter-Werken Aufsehen erregte. Die Trennung zwischen Migros und Raussmüller erfolgte nur vordergründig in Minne; später beklagte sich ein Kadermitglied, bei Raussmüller sei nie klar, wem die Werke eigentlich gehörten; dem Künstler, der Sammlung Crex, dem InK, Privaten oder Raussmüller selbst. Bezeichnend: InK war ein Engagement der Migros, die Namensrechte hat sich jedoch Raussmüller gesichert.

Eine neue Heimat fand Raussmüller ab 1984 in Schaffhausen, wo er mit staatlichem Support die Hallen für neue Kunst aufbaute, in der die Sammlung Crex ein Zuhause finden sollte. In den 1990er-Jahren verloren die Sammler jedoch die Lust am gemeinsamen Sammeln, die Firma wurde aufgelöst, die Werke gingen an die Privatpersonen über. Und erneut entbrannte ein Streit um die Eigentümerschaft besonders der umfangreichen Installation «Das Kapital» von Joseph Beuys. Raussmüller bestritt die Eigentumsrechte der Crex-Sammler mit dem Argument, er habe zusammen mit Beuys die Installation genau für diesen Ort geschaffen.

Seit Januar 2014 ist nach zehnjähriger Prozessdauer aber klar: Das Beuys-Werk gehört den Sammlern. Die Konsequenz: Der Rechtsstreit hat die Stiftung für neue Kunst, die zwischen Raussmüller und die Crex-Sammler geschaltet war, ruiniert, sie musste Konkurs anmelden.

Diese Woche hat Raussmüller nun seine Firma UC Art AG von Schaffhausen nach Basel verschoben. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt hatte er bereits 1998 bei der Kehrichtverbrennungsanlage von Roche ein altes Lagergebäude erworben, das er zum Schaulager mit Penthouse-Wohnung auf dem Dach ausbaute. In der beinahe fensterlosen sechsstöckigen Hülle lagert seine eigene Collection, deren Wert gemäss der Schätzung eines kundigen Besuchers mehrere Millionen Franken beträgt. Die Schaffhauser argwöhnen nun, Raussmüller werde nach dem angerichteten Scherbenhaufen die Munot-Stadt verlassen, seine Kunstwerke abziehen und in Basel neu beginnen. Claudio Beccarelli, Raussmüllers Sprecher, sagt: «Raussmüller Basel wird zunehmend zu einem Wissensort für Neue Kunst ausgebaut.» Was vorläufig noch den Charakter eines Arbeitsorts habe, soll in Zukunft mehr und mehr durch Kunstinstallationen ergänzt werden. Zu einem «noch nicht bestimmten Zeitpunkt» könnten dann die bedeutenden Kunstwerke «periodisch der Öffentlichkeit zugänglich sein».

Der Kreis schliesst sich: Die Richter-Werke und Raussmüller landen in Basel. Die Wege, die sie dabei in den vergangenen dreissig Jahren genommen haben, bleiben rätselhaft.

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