Sein Alter mag Joël Thüring nicht. Anfang Dezember feierte er seinen 33. Geburtstag. Auf dem Papier. Er umschreibt seinen Jahrestag anders. Am 5. Dezember 2016 wurde er zum neunten Mal 25 Jahre alt. Die Hälfte seines Lebens verbrachte Thüring in der Politik. Dabei war er immer einer der Jüngsten. Laut, provokativ, auf allen Kanälen. Über mehrere Jahre galt er als die Nachwuchshoffnung der Basler SVP. Im Februar folgt die Krönung seines bisherigen Schaffens. Aller Voraussicht nach wählt ihn der Grosse Rat zu seinem Präsidenten. Thüring ist dann der höchste Basler Parlamentarier, Repräsentant des Kantons. Einmal mehr begleitet ihn der Superlativ. Er ist der jüngste Grossratspräsident seit der Verfassungsreform im Jahr 1875.

Dass Thüring den Präsidentenposten bekleidet, ist nicht selbstverständlich. Vor einem Jahr war seine Wahl zum Statthalter knapp. Der langjährige Parteisoldat der SVP hatte seine Militärpflichtersatzabgabe mehrfach nicht bezahlt. Ein halbes Jahr vor der Wahl zum Vizepräsidenten – und damit zum Präsidenten in spe – machte die «Basler Zeitung» dies publik. Nur 54 der 96 anwesenden Grossräte wählten ihn ins Amt des Statthalters. Eine Schlappe.

Sein nächstes Resultat dürfte besser ausfallen. Aus SP-Kreisen ist zwar zu vernehmen, dass ihn nicht alle Linke unterstützen. An einen Putsch glaubt aber niemand ernsthaft. Damit tritt jener Mann ins Rampenlicht, der aufstieg, indem er den Teppich für andere ausrollte. Im Hintergrund orchestrierte er die Regierungsratskandidaturen von Lorenz Nägelin, Eduard Rutschmann oder Patrick Hafner. Von Parteipräsident und Nationalrat Sebastian Frehner ist Thüring bis heute persönlicher Mitarbeiter. Faktisch führt der heutige Grossrat, SVP-Sekretär und Bürgergemeinderat Thüring die Partei.

Weggefährten beschreiben ihn als enorm fleissig, effizient und pflichtbewusst. LDP-Präsidentin Patricia von Falkenstein, die mit ihm für das bürgerliche Viererticket eng zusammenarbeitete, sagt: «Er ist stets verfügbar. Auch an einem Sonntagmorgen schliesst er bei Bedarf das Sekretariat auf, um Flyer rauszugeben.»

Von der Weltpolitik fasziniert
Der Politik und der SVP ordnet Thüring seit Jahren fast alles unter. Mit ihr führt er seine längste Beziehung, hat Karriere als Berufspolitiker gemacht. Ein Ausdruck, bei dem er etwas entnervt aus den grossen Fenstern des Cafés Ono schaut. Hier sitzt er am Donnerstagnachmittag, nippt an einer Himbeer-Gazosa. Mit der Serviceangestellten ist er per Du. Sein Wesen ist offen und zugänglich, Berührungsängste zu Politikern anderer Parteien sind längst gewichen. Die Zeiten, als er über «Scheinbürgerliche» polterte oder Guy Morin «als grün hinter den Ohren» bezeichnete, liegen ein Jahrzehnt zurück.

In seinem Jahr als Statthalter hielt er das «Enfant terrible» der SVP gänzlich unter Verschluss. Selbst Thürings langjährige Streitgenossin Sarah Wyss sagt heute: «Persönlich verstehen wir uns inzwischen sehr gut.» Doch: «Gerade sein sympathisches Auftreten macht ihn politisch auch gefährlich. Denn er verfolgt die knallharte SVP-Politik.» Auch wenn er sich selber gerne als moderaten SVPler gibt, ist Thüring mitverantwortlich für die umstrittenen Wahlplakate mit dem Slogan «Paris. Würzburg. Nizza ... Basel?». Darauf angesprochen, sagt er: «Plakate müssen Aufmerksamkeit generieren. Der mündliche Stil darf weniger prononciert sein.»

Bereits vor seinem Präsidialjahr ist sein Terminkalender eng getaktet. Müde wirkt er dennoch nicht. Er spricht rasch, bleibt konzentriert und freundlich. Fragen zu seinem Privatleben beantwortet er einsilbig; lieber führt er das Gespräch von sich weg, hin zur Weltpolitik. Diese hat sein Interesse früh geweckt. Aufgewachsen als Einzelkind im Iselin-Quartier habe er im Kindesalter gelernt, sich selbst zu beschäftigen, sagt er. Bis vor wenigen Jahren war seine früh verwitwete Grossmutter seine engste Bezugsperson, nun seien dies seine Kollegen.

Der Welt der Erwachsenen wandte Thüring sich früh zu. Während Gleichaltrige draussen Fussball spielten, fesselten ihn Nachrichten aus Konfliktgebieten oder nationale wie internationale Wahlen weitaus mehr. Wie amerikanische Kampfjets während des zweiten Golfkrieges Ziele im Irak angriffen, das habe er heute noch vor Augen. Das war Anfang der 90er-Jahre, Thüring war noch keine zehn Jahre alt. Mit seinen Eltern – der Vater Plattenleger, seine Mutter kaufmännische Angestellte und Hausfrau – diskutierte er das Gesehene.

Alles auf eine Karte gesetzt
Mit 16 wollte Thüring selber beginnen, zu «gestalten», wie er sagt. Als KV-Lehrling in einer Speditionsfirma ackerte er sich durch die Programme der grossen Parteien. Bei der SVP fand er seine Meinung wieder. «Ihre Kernthemen überzeugten mich: die Unabhängigkeit von der EU, die Sicherheits- und Asylpolitik.» Seine Mentorin wurde die damalige Parteipräsidentin Angelika Zanolari. Thürings Aufstieg war so rasch, wie er heute seinen Terminkalender abspult. Er gründete die Junge SVP Basel-Stadt mit, wurde Fraktionssekretär, Präsident der Jungen SVP Schweiz und im Alter von 22 Jahren Basler Grossrat. In jenem Lebensabschnitt, in dem Gleichaltrige ihren Rucksack packen, um die Welt zu entdecken, setzte Thüring alles auf eine Karte: die Politik. Und verlor. Denn er griff daneben. Als Präsident der Jungen SVP nahm er knapp 4000 Franken aus der Parteikasse, deckte damit eigene Ausgaben. Den Betrag bezahlte er zwar später zurück, der Schaden war aber angerichtet. Thüring trat von allen Ämtern zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits in den Vorstand der nationalen SVP hochgearbeitet.

Auch heute, mehr als zehn Jahre später, spricht er nicht gerne darüber. «Ich habe es überlebt», sagt Thüring. Seine Lehre daraus sei, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und zu wissen, wer zu ihm steht. «Die Solidarität von Menschen, auch aus anderen Parteien, ihre Anrufe, ihre Schreiben – das werde ich ihnen nie vergessen.»

Allzu lange hielt er es ohne die Politik nicht aus. Als persönlicher Mitarbeiter von Sebastian Frehner kehrte er zurück. Ihr zeitweises symbiotisches Verhältnis erinnert an jenes von Christoph Blocher und Ueli Maurer. Nicht der schulische Rucksack, sondern das emsige Schaffen führte die beiden Sekretäre aus dem Schatten ihrer Aushängeschilder. Thüring nutzte dafür die Bürgergemeindewahl als «Testlauf». Er gewann, startete neu, wurde für die Basler SVP unentbehrlich. Ihm gelang, wovon seine Vorgänger träumen: eine Allianz mit den bürgerlichen Parteien.

Mit seinem Amt als Grossratspräsident stellt sich für ihn auch die Frage: Was kommt danach? Als Basler Regierungsrat steht ihm nicht nur die Parteizugehörigkeit im Weg. Äugt er demnach auf den Nationalrat? Er wolle sich alle Optionen offen lassen, sagt er. Auch eine berufliche Weiterbildung sei nach dem Präsidium ein Thema, wohl in Richtung Betriebswirtschaftslehre.

Bevor es so weit ist, feiert er im nächsten Dezember als Grossratspräsident seinen 34. Geburtstag. Oder zum zehnten Mal seinen 25.

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