Sie ist die Erste, die sich vorstellt. Amira* steht auf, dreht sich zu den Besuchern im Klassenzimmer, schaut ihnen direkt in die Augen: «Ich heisse Amira, bin 15½ Jahre alt und komme aus Syrien. Seit August gehe ich hier zur Schule.» Lebhaft erzählt sie von ihrem sechs Monate alten Sohn; von ihrem Bruder und ihren sieben Schwestern, die grösstenteils noch in Syrien leben. Als sie ins Stocken kommt, guckt sie ihre Lehrerin an: «Was noch? Ach ja, ich gehe sehr, sehr gerne zu Frau Baiutti in die Schule.» Sie lacht, breitet die Arme aus, als ob sie die Lehrerin umarmen möchte.

Amira ist eine der knapp 11 000 minderjährigen Asylsuchenden, die 2015 in die Schweiz flüchteten. Ein Höchstwert. Auch an den Basler Schulen reichten die Plätze für fremdsprachige Kinder nicht mehr. Deshalb beschloss der Kanton vor einem Jahr, sogenannte Einstiegsgruppen zu lancieren. Inzwischen gibt es zwölf solche Klassen.

Im De-Wette-Schulhaus unterrichtet Sekundarlehrerin Lorella Baiutti. Das Thema dieser Woche ist der Herbst. Farbig ausgemalte Blätter kleben auf buntem Papier. «Nehmt eure Arbeiten», sagt Baiutti und fragt: «Kennt ihr das Wort ‹nehmen›?» Mit Kreide notiert sie es an die Tafel. «Schlagt es nach und schreibt es in eure Hefte. Morgen konjugieren wir es.» Vor den Schülern liegen dicke Wörterbücher: Deutsch-Spanisch, Deutsch-Arabisch, Deutsch-Thailändisch. Gemeinsam ist ihnen, dass sie neu in der Schweiz sind und Deutsch für sie ein unverständlicher Wörterbrei ist. Zumindest bis sie ihrer Lehrerin erstmals die Hand schütteln. Ab dann folgen zwölf Stunden Deutschunterricht pro Woche. Daneben stehen Mathematik, Mensch und Umwelt sowie als Freifach Englisch auf dem Stundenplan.

Alleine auf der Flucht, schwanger
Amira besucht die Einstiegsgruppe im De-Wette-Schulhaus. Henna-Tattoos zieren ihre Hände, ein dunkelblaues Kopftuch verhüllt ihre Haare. Weiche, noch kindliche Züge mischen sich mit jugendlichem Schalk. Spricht Amira, füllt ihre Präsenz den Raum. Bereits heute unterhält sie sich mühelos auf Deutsch. Nur selten hakt sie nach. Wie ist das möglich? «Als ich hier ankam, fand ich im Internet die Videos eines Syrers, der seinen Deutschunterricht filmte.» Damit lernte sie im Asylheim, entschlüsselte Wort für Wort.

Die Geschichte des Mädchens ist so ungewöhnlich wie sie selbst: Vor einem Jahr flüchtete sie mit einer Gruppe Landsleute in die Türkei. Es folgte die Überfahrt im Schlauchboot nach Griechenland, die Balkanroute im Winterkleid. Das war kurz vor Amiras 15. Geburtstag. In ihrem Bauch wuchs ihr erstes Kind. Ihre Reisegefährten kannte sie nicht, doch vertraut habe sie ihnen: Der Vater organisierte die Flucht und somit die Begleiter seiner Tochter. Ihr Ehemann, den sie ein Jahr zuvor im Exil im Irak geheiratet hatte, war bereits in Richtung Europa abgereist. Als Amira kurz nach Weihnachten in der Schweiz ankam, war sie allein. Die Mitreisenden blieben in Deutschland.

Basel mit neuem Klassenmodell
Monika Klemm sitzt in der hintersten Bankreihe des Schulzimmers. Die Schulleiterin besucht regelmässig den Unterricht aller Klassen. Sie will die Kinder in ihrem Schulhaus kennen. Mit den Einstiegsgruppen zog ein neues Modell ein. Bis anhin besuchten fremdsprachige Schüler die Regelklassen und erhielten zusätzlich Intensivunterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Kinder von Asylsuchenden wurden dafür an ihrem temporären Wohnort eingeschult. Meistens war dies in der Nähe des Durchgangsheims. Zog das Kind an seinen definitiven Wohnort, musste es sich erneut in einer Klasse einfinden. «In den Einstiegsgruppen bleiben sie hingegen zwischen ein bis maximal zwei Jahre. Es ist wie ein sicherer Hafen, um anzukommen», sagt Klemm. Wer sprachlich und kognitiv bereit ist, kann Fächer in den Regelklassen besuchen. «Das Niveau der Kinder schwankt stark. Einige müssen das Einmaleins lernen, andere starten in Mathematik richtiggehend durch», berichtet Lehrerin Baiutti. Das gelte nicht nur für Kinder aus Krisenregionen, sondern auch für andere fremdsprachige Schüler. Da der zusätzlich erwartete Anstieg der Flüchtlingskinder nicht eintraf, sind die Einstiegsgruppen nun gemischt. Deshalb sitzen rund um Amira Kinder aus Malaysia, Kolumbien oder Eritrea.

Nächstes Ziel: eine Schnupperlehre
Mit den geflüchteten Kindern sah sich die Schulleiterin mit unerwarteten Fragen konfrontiert. Zum Beispiel Amira: Wie lässt sich der Unterricht für ein 15-jähriges Mädchen organisieren, das ein Baby, aber kein Netzwerk hat? Potenzielle Babysitter wie Grosseltern, Tanten oder Onkel leben rund 3000 Kilometer entfernt.

In Amiras Fall half das Schicksal. Nach monatelanger Suche fand sie ihren Mann. Er lebt in der Schweiz, in einem anderen Kanton. Da Amira noch minderjährig ist, wohnt sie mit ihrem Kind in einer Gastfamilie. Ihr Mann besucht die beiden fast täglich und hütet das Kind, wenn Amira halbtags in der Schule ist.

Manchmal sehe sie ihn draussen im Park mit dem Kind, sagt Klemm. Abrupt hebt sie den Kopf. «Das klingt nun fast idyllisch, nicht?» Natürlich laufe es nicht mit allen Kindern reibungslos. Ein Klassenkamerad von Amira schwänze durchgehend, randaliere in Heimen. Und doch, sind sich Klemm und Baiutti einig: In den Einstiegsgruppen würden Unterricht und Ausflüge mehr geschätzt als in den regulären Klassen. «Diese Kinder sind begeisterungsfähig und dankbar. Wir wären froh, die anderen Schüler stünden der Schule auch so positiv gegenüber», sagt Baiutti.

Doch was kommt nach diesem sicheren Hafen? Die Jüngeren wechseln in eine Regelklasse. Amira ist im nächsten Sommer 16 Jahre alt; die neun obligatorischen Schuljahre fehlen ihr jedoch. Die Lehrerin ist sich sicher, das Mädchen würde das Gymnasium schaffen. Und Amira? «Am liebsten wäre ich Apothekerin. Aber für die Matura müsste ich Französisch lernen.» Diese Zeit habe sie nicht. Und nun? Ihre Leichtigkeit ist ungebrochen, als sie antwortet: «Ich will Pharma-Assistentin werden.» An der Berufsmesse hat sie sich bereits einen Kontakt für eine Schnupperlehre organisiert. Alleine. *Name geändert

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper.