Es ist eine ungerechte Welt, in die David Klein (55) hineingeboren wurde. Und die Liste derjeniger, die sich vom jüdischen Jazzmusiker deshalb was anhören müssen, ist lang. Dem Schweizer Fernsehen warf er in einer «Weltwoche»-Kolumne einst «Versagen» vor. Die TV-Macher seien seinem Konzept nicht gefolgt, als sie Kleins Entdeckung Anna Rossinelli an den Eurovision Songcontest schickten. Auch Rossinelli wurde verunglimpft. In ihrer «Eitelkeit» und «jugendlichen Unerfahrenheit» sei sie für die öffentlichen Verschlimmbesserer leichte Beute gewesen. Wenn man nur auf ihn gehört hätte: Vielleicht stünde Anna Rossinelli, die heute «keinen Kommentar» zu Klein abgeben will, auf den grossen Bühnen dieser Welt. Genauso wie seine frühere Band Kol Simcha, die sich «aufgrund der Eitelkeit» Kleins auflöste, wie ein Freund eines früheren Bandmitglieds sagt.

Solche Episoden wären zum Schmunzeln. David Klein hat sich beim Rundumschlag gegen die ungerechte Welt aber auf ein gefährlicheres Territorium begeben: das politisch-religiöse. Die Welt hat sich nicht nur gegen ihn, sondern gegen eine ganze Glaubensrichtung verschworen. Gerne erzählt Klein, dass im antisemitischen Basel keine Musikpreise an Juden verliehen werden und kaum politische Ämter von Juden besetzt werden. In Deutschland sei er geachtet und habe gar einen Echo gewonnen. In den Schweizer Medien würden nur seine Fehltritte registriert, beklagt sich der Sohn des berühmten Jazzmusiker-Ehepaars Oscar und Miriam Klein. Trotzdem nutzt er die Medien als Plattform. In der «Basler Zeitung» warf Klein der Basta-Regierungskandidatin Heidi Mück, die einst zum Boykott von israelischen Produkten aufgerufen hatte, «obsessive Israelfeindlichkeit» vor. Selbst die Israelitische Gemeinde Basel (IGB) musste sich Vorwürfe gefallen lassen, sie mische sich zu wenig ein. Die IGB distanziert sich wiederum von Klein. Präsident Guy Rueff sagt: «Seine Artikel reflektieren seine private Meinung zu diversen jüdischen Themen und er tut dies ohne Auftrag der IGB und ohne Rücksprache mit uns.» Seine schärferen Zitate will er nicht in der Zeitung lesen: Er fürchtet die Vorwürfe von Klein.

Am Existenzminimum
Auf Facebook geriet David Klein in den Strudel der Justiz, als er ein Video von Juden hetzenden Moslems mit dem Kommentar «Muslime, die Nazis von heute!» versah. Nachdem er Berufung gegen die Verurteilung wegen «Rassendiskriminierung» eingelegt hatte, stand er nun am Freitag vor dem Appellationsgericht. Der Anwalt Christian von Wartburg (SP) hielt ein Plädoyer, das unter die Haut ging. Bei Klein mache er eine sogenannte «Second traumatization» aus. Was das Judentum angeht, sei dieser aufgrund des Schicksals seiner Ahnen besonders «involviert». Es ist tatsächlich eine tragische Geschichte, die von Wartburg enthüllte: Sämtliche Urgrosseltern wurden Opfer des Holocaust. Kleins Grossmuttter floh in die Schweiz und verlor ein Kind. Während des emotionalen Plädoyers, in dem von Wartburg darlegte, dass Klein aufgrund seiner Lebensgeschichte und Zusammenarbeiten unmöglich sämtliche Moslems gemeint haben könne, brach Klein in Tränen aus. Es schien, als würde die ganze Ungerechtigkeit der Weltgeschichte über ihn einbrechen. Das Verwaltungsgericht folgte den Beteuerungen und sprach ihn frei: Tatsächlich sei davon auszugehen, dass Klein nicht alle Moslems verunglimpfen wollte, sondern nur jene, die im Video gegen die Juden gehetzt hätten.

David Klein wurde entlastet. Nun könnte man dem begnadeten Musiker wünschen, dass er auch in der Öffentlichkeit rehabilitiert wird. Im Gerichtsprozess wurde das Ausmass seiner, wie er sagt, «Stigmatisierung» als Rassist deutlich. In der Schweiz habe er seit seiner erstinstanzlichen Verurteilung keine Chance auf Auftritte. Es bleibe ihm nur die Zusammenarbeit mit der, wie er betonte, muslimischen Deutsch-Iranerin Jasmin Tabatabai, die in Deutschland wohnhaft ist. Die 500 bis 1000 Franken, die er monatlich einnehme, stammten aus Deutschland. Er selbst müsse Prämienverbilligungen und Mietzinsreduktionen beantragen. Zusammen mit den rund 3000 Franken seiner Partnerin müsse das Paar den Lebensunterhalt mitsamt zweier kleiner Kinder bestreiten, sagte er im Gerichtssaal.

Ein langer Weg zurück
Als Gerichtspräsidentin Eva Christ am Freitag den Freispruch verkündete, fügte sie an: Die «Absolutheit», mit der Klein über die Moslems im Video geurteilt habe, habe «fast zu einem Schuldspruch» geführt. David Klein nickte, als verspüre er so etwas wie Demut. Lange dauerte sie nicht an. Noch ehe die «Schweiz am Sonntag» die bereits verfassten Fragen über sein Befinden nach dem Freispruch sowie mögliche neue Musikprojekte gemailt hatte, fuhr der Jazzmusiker seine nächste Attacke. Klein witterte eine Verschwörung des «typisch rot-grünen» Journalisten, der eine vorgefasste Meinung habe. Nach dem Urteil wollte Klein gesehen haben, wie ihm die Enttäuschung «ins Gesicht gestanden» sei. Nun müsse sich die «Schweiz am Sonntag» eben gedulden, ihn endlich in die Pfanne hauen zu können, schrieb er voller Häme. David Kleins Weg zurück: Er dürfte steinig werden, in dieser ungerechten Welt.

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