Wenn Guy Krneta über das Schreiben spricht, bewegt er manchmal die Hände wie ein Dirigent. Greift in die Luft, als wolle er Töne erwischen, hält die Faust neben sein Ohr, als wolle er hören, was er da eben eingefangen hat.

Sein neues Buch «Unger üs», mit dem der 50-Jährige zu den fünf Nominierten für den Schweizer Buchpreis gehört, bringt auch den Leser dazu, die geschriebene Sprache akustisch wahrzunehmen. Um den berndeutschen Text flüssig lesen zu können, muss man im Kopf eine Tonspur einschalten – dann sind Worte wie «Urgrosching» oder «Ireaus» («Urgrosskind», «Irreales») problemlos zu verstehen.

Guy Krneta fängt Laute ein. Verlautbarungen will er damit nicht herstellen. «Literatur überzeugt am wenigsten, wenn sie genau weiss, was sie sagen will», sagt er. Geht es um politische Fragen, nutzt er seine Sprache anders. Da kann er klar sein «bis zur Radikalität», wie Personen aus seinem Umfeld sagen.

Gegen die «SVPisierung der Schweizer Medienlandschaft» kämpft er als Mitinitiant der Aktion «Rettet Basel», und «gegen die Verheerungen, welche die Blocher-BaZ anrichtet». Über 19 000 Personen unterschrieben 2010 einen Aufruf gegen die Besitzverhältnisse bei der «Basler Zeitung». Fünf Männer standen dahinter. Das Gesicht gegen aussen: Guy Krneta.

Viele seiner Texte schreibt Krneta in seinem Atelier auf dem Dreispitz. Demnächst zieht er in ein neues Autorenhaus, das die Christoph-Merian-Stiftung am Freilagerplatz eingerichtet hat. Das neue wie auch das jetzige Atelier liegen auf Baselbieter Boden. Der gebürtige Berner, der mit seiner Frau und vier Kindern seit Jahren in Basel lebt, schüttelt den Kopf, wenn er an das Nein zur Kantonsfusion vom vergangenen Sonntag denkt. Das könne er überhaupt nicht verstehen, sagt er.

Im Vorfeld hat er sich zur Fusions-Abstimmung nicht öffentlich geäussert, obwohl Medien-Anfragen kamen. «Als Nicht-Basler wollte ich mich bei diesem Thema zurückhalten», sagt er. Ein Satz, der einen gewissen Widerspruch enthält, da Krneta in Basel als Polit-Aktivist mindestens so bekannt ist wie als Autor, Regisseur oder Performer. Er wurde gar darum gebeten, in die lokale Politik einzusteigen. Für die Basler Grossratswahlen 2012 wollten ihn nach dem Wirbel, den «Rettet Basel» verursacht hatte, sowohl SP als auch Grüne auf ihren Kandidaten-Listen. Krneta lehnte ab. «Die strategische Denkweise vieler Politiker will ich nicht annehmen», sagt er. Lieber mache er Politik «mit künstlerischen Mitteln». Was er darunter versteht, zeigt das von ihm mitverantwortete Netzwerk «Kunst + Politik», das sich nach Annahme der Minarett-Initiative 2010 bildete. Für Aufmerksamkeit sorgten neben «Rettet Basel» Kurzfilme zur Ausschaffungsinitiative, die Micha Lewinsky in Zusammenarbeit mit «Kunst + Poliktik» drehte. Die nächste grössere Aktion ist ein «Tag der Kunst gegen Ecopop» am 25. Oktober. Künstler aller Sparten sind aufgerufen, Aktionen zu planen oder im Rahmen ihrer regulären Veranstaltungen ein Statement zur bevorstehenden Ecopop-Abstimmung abzugeben.

Sein erstes Lied schrieb Krneta als 13-Jähriger und fand so schon als Teenager einen Platz in der politischen Liedermacherszene der 70er- und 80er- Jahre. Heute arbeitet er mit verschiedenen Formen. Das Roman-Schreiben ist die langsamste davon. Krneta schildert, wie er während der Arbeit an seinem aktuellen Roman vor seinem Atelierfenster den neuen Turm der Architekten Herzog und de Meuron in die Höhe wachsen sah. Er lacht: «Ein Haus ist manchmal schneller gebaut als ein Text.» So langsam Krneta schreiben mag, so schnell ist er im Gespräch. Er redet viel, Pausen gibt es kaum, Gedankensprünge einige. Auch für diese schnelle, unruhige Seite hat Krneta eine künstlerische Form gefunden: «Spoken Word», der Vortrag von Texten, den er besonders mit der Autorengruppe «Bern ist überall» pflegt.

Manchmal vermischen sich Krnetas Bestreben, mit Literatur möglichst viel offen zu lassen und sein Wunsch, politisch Klartext zu sprechen. Ende Oktober wird er mit einem welschen Kollegen vor den versammelten Erziehungsdirektoren der Deutschschweiz auftreten. «Da geht es in erster Linie um Unterhaltung», sagt Krneta. Dann lacht er ein spitzbübisches Lachen. Natürlich wolle er trotzdem auch «etwas platzieren». Lesungen in ungewöhnlicher Umgebung, das ist eine Ausgangslage, die Krneta Freude macht.

Sollte er am 9. November den Schweizer Buchpreis gewinnen, darf man seine Rede zu diesem Anlass gespannt erwarten. Denn «etwas platzieren» wird der Literat wohl auch, wenn es um den Literaturbetrieb geht.

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