Von Roger Thiriet

Die traditionsreiche Fasnachtsdisziplin des Schnitzelbanks erhält in den letzten Jahren wieder vermehrt Zulauf von jungen Fasnächtlern. Zum Beispiel vom 21-jährigen Jonas, der dieses Jahr zum ersten Mal als Bank auf die Piste gehen will. Zur Einstimmung auf das anspruchsvolle Unterfangen legt er eine Silberscheibe in den leicht defekten CD-Player, den er sich von seinem Grossvater ausgeliehen hat. Es ist die erste von zwei Compact Discs, die Radio SRF und der Christoph-Merian-Verlag unter dem Titel «Basler Schnitzelbängg – s Bescht us 70 Joor» publiziert haben.

Am meisten interessieren Jonas natürlich Sujetwahl, Versbau, Reimtechnik und wie man eine gute Pointe setzt. Dass sich ihm in dieser Beziehung Themen und Technik der Frühbänkler «Perversarelin» (1945), «Kuttlebutzer» (1953) und «Sargneegel» (1955), mit denen die «Best Of»-Parade startet, weitgehend verschliessen, wundert ihn noch nicht. Aber seine Ratlosigkeit ist auch nach einer Stunde «Oldies but Goldies» nicht gewichen, im Gegenteil. Offensichtliche Sujet-Heuler wie ein Benzinunfall in Kleinhüningen, eine Reederei-Pleite oder der Mirage-Skandal sagen ihm als Angehöriger der «Generation Y» so wenig wie die Namen von Pointenlieferanten wie Paul Chaudet, Ernst Brugger, Alfred Lauper, Alfred Schaller, Alfred ab Egg, Fred Spillmann oder Mäni Weber, auf deren Kosten auf der CD häufig und herzlich gelacht wird. Der knapp gehaltene Kommentar hilft ihm nicht weiter, verzichtet dieser doch mit wenigen Ausnahmen auf erläuternde Hintergrundinformationen zu Ereignissen und Personen und setzt stattdessen offensichtlich auf das Langzeitgedächtnis eines Zielpublikums ab Jahrgang 1950 abwärts.

Nicht viel mehr lernt der angehende Bänggler über weitere wichtige Facetten seines künftigen Handwerks. Dass in einer Kompilation aus Radio-Fasnachtsquerschnitten kein Wort über den Stellenwert der «Helge» und die Bedeutung des Kostüms verloren wird, leuchtet ihm zwar noch ein; weniger jedoch, dass der Redaktor vom Audiomedium nirgends auf Rolle und Wirkung der Begleitinstrumente hinweist. Und sogar den überraschenden Schluss, dass man als Schnitzelbank auch mit einer kreuzfalschen zweiten Stimme, angetrunkenem Sprechgesang oder atonalem Krächzen über Jahre hinweg erfolgreich sein kann, muss Jonas nach dem Vortrag der «Staubsuuger» (1956), des «Anggebliemli» (1974) und des «Doggter FMH» (2008) selber ziehen.

Kaum Informationen erhält er auch über grosse Bögen, Entwicklungen, Einflüsse und Trends bei den Bänkelsängern. Zwar weist der Moderator gelegentlich auf «eine neue Ära», «neue Impulse» und «neue Stars» hin; die entsprechenden Erklärungen bleibt er in der Regel schuldig. Eine Ausnahme macht der Hinweis, dass zu Beginn der 1970er-Jahre die Tradition der gepflegt und mehrstimmig intonierten Langverse durch den lakonisch vorgetragenen, wenigsilbigen Vierzeiler à la «Standpauke» und «Stachelbeeri» abgelöst worden ist.

Rein gar nichts erfährt der Nachwuchs-Singvogel weiter über Trägerschaft und Organisation der Schnitzelbank-Cliquen. Über die Aufgaben der Gesellschaften und deren häufige Zellteilung vom Comité über die BSG bis zum «Comité 2000» im Verlauf der behandelten 70 Jahre. Und über die in dieser Zeit zunehmende Anzahl «wilder» Bänke, die oft besser waren und ankamen als die organisierten. Kein Wort verliert die SRF-Produktion schliesslich über die Auswirkungen, welche die Entwicklung der Medien, vor allem die wachsende Beachtung der Schnitzelbänke durch die lokalen und nationalen Radio- und TV-Sender auf Sujets, Pointen und Vortrag hatten. In diesem Zusammenhang irritiert Jonas, der mit Lokalradio und -fernsehen aufgewachsen ist und Fasnachtssendungen ausschliesslich von Radio Basilisk und Telebasel her kennt, dass der Kommentar aus dem Hause SRG diese Bereicherung der medialen Verbreitung ab 1984 resp. 1993 völlig ausblendet.

Es störten ihn auch die hässlichen Tonabrisse und Löcher in der Aufnahme, was er aber seinem kaputten CD-Player zuschrieb. Falsch, sagte ihm der Grossvater, als er die CDs zurückbrachte. Die Löcher seien die Markierpunkte für die CD-Takes. Er frage sich allerdings, weshalb ein Medienunternehmen, das sich seiner hohen Qualitätsstandards rühme, das nicht sauberer hinkriege.

Doch egal. Trotz dieser Defizite kennt Jonas nach 2 CDs und 156 Minuten das Erfolgsrezept für seinen Schnitzelbank: Er muss allein auftreten. Sein Vers darf nicht mehr als vier Zeilen haben. Und bei den Pointen beschränkt er sich mit Vorteil auf die Schlüsselbegriffe der ewigen Bestenliste: Ziircher, Schwoobe, FCB und s’Drämmli. Inspiriert von Letzterem setzt er sich an den Computer und brünzelt seinen ersten Jahrhundertvers:

Achter, Achter, Achter, Achter,
Achter, Achter, Achter, Achter,
Achter, Achter, Achter, Achter:
Dichteschtress im Türggefrachter!

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