Von Sylvia Scalabrino

Auf vielen Parzellen auf dem Binninger Hügel paart sich viel Geld mit ausgesuchter Hässlichkeit. Das kleine Haus der Del Principes ist eine Ausnahme. Stilechte vorletzte Jahrhundertwende ohne Schickimicki in einem wilden Garten. Im Inneren schlichte originale Bausubstanz mit Patina und sorgfältig gesetzten Akzenten: ein einfacher Holztisch im Wohnzimmer, darüber ein üppiger Kronleuchter, sparsam platzierte Grafiken. Aus dieser Idylle heraus hat Claudio Del Principe, 46, vor sieben Jahren mit dem Schreiben eines der am meisten angeklickten Food-Blogs im deutschen Sprachraum begonnen: Rezepte auf dem Internet für eine authentische italienische Küche, verpackt in Alltagsgeschichten rund ums Kochen. «anonymekoeche.net» heisst der Blog – eine Anspielung auf das Suchtpotenzial des Kochens. Über 70 000 Profis und Hobbyköche klicken den Blog monatlich an und kommentieren ihn regelmässig. Ein deutsches Foodblog-Portal hat ihn bekannt gemacht. Es folgten Top-Platzierungen in Ratings, sein Blog wurde vom deutschen Lifestyle-Verlag Gräfe und Unzer zu einem Kochbuch verdichtet. Im September erscheint Del Principes neues Kochbuch über vegetarische italienische Küche in einem österreichischen Verlag.

Heute kann sich der freischaffende Autor und Werbetexter auch dank dieses Blogs den Luxus leisten, seine Aufträge auszusuchen, den Alltag und die Hausarbeit zu Hause mit seiner Frau zu teilen und zwischendurch mit seinen beiden halbwüchsigen Söhnen im Garten ein Pingpong-Mätschli einzuschieben. Seine Kochleidenschaft auf dem Internet bringt ihm zwar finanziell direkt nichts ein, ist aber beruflich zu einer exzellenten Visitenkarte geworden.

Die Erfolgsgeschichte hat alles andere als vielversprechend begonnen. Claudio, jüngster Sohn einer italienischen Einwandererfamilie, Vater Maurer und Mutter «die Gemüse-Signora im Kirschgarten-Migros», war ein miserabler Schüler. «Aus dir wird nie was», sollen ihm die Lehrer im Basler Brunnmattschulhaus ins Gesicht gesagt und einen «Lachanfall» bekommen haben, als er ihnen seinen Berufswunsch anvertraute: «Grafiker? Vergiss es.» Der Schüler schaffte die Realschule knapp und kassierte gleich noch einmal eine Niederlage, als er sich für die Kunstgewerbeschule einschreiben wollte.

Italianità als positives Lebensgefühl war damals erst im Kommen und das Schweizer Essen für italienische Gaumen eine Zumutung: Matschige Teigwaren mit Klöpfer habe er bei Schulkollegen gegessen. Und schon damals wohl um Welten besser gekocht als die meisten Mütter der Maggi-Generation. Um den quirligen Junior ruhigzustellen, stellte die berufstätige Mutter schon dem Vierjährigen einen eigenen Topf auf den Herd und liess ihn neben sich experimentieren. Der Kleine nutzte seine Begabung, die zum Geheimnis seines Erfolgs werden sollte: Learning by doing. Genau hinsehen, nachmachen, verbessern.

Statt in der Kunstgewerbeschule landete Del Principe als Lehrling beim Herrenbekleidungsgeschäft «Vögtli Moden» in Basel. Reiner Zufall – und nur auf den ersten Blick ein beruflicher Umweg. Den Ästheten faszinierte die elegante italienische Mode. Das genaue Hinsehen half ihm bei der Beratung von Kunden. «Wie ein Fisch im Wasser» habe er sich gefühlt. Und erhielt in der Berufsschule von da an gute Noten.

Del Principe ist nicht nur ein genauer Hingucker, sondern auch ein differenzierter Hinhörer mit Gespür für sprachliche Finessen. Er habe nie begriffen, weshalb man hierzulande von «Secondos» spreche. «In Deutschland und Österreich gibts den Begriff nicht, nur hier. Er ist auch unpräzis. Käme es jemandem in den Sinn, die in der Schweiz geborenen Deutschen Secondos zu nennen?» Um eine Diskriminierung auszumachen, ist er zu zurückhaltend und gleichzeitig zu selbstbewusst. Er führt den Begriff charmant auf das italienische Essen zurück. Das habe bestimmt nur mit den «secondi piatti» zu tun, lächelt er. Oder nicht? Die Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein irritiert.

Nach der Lehre im Modebusiness, einem Job in einem Innenarchitekturgeschäft und einer Weiterbildung in Verkauf und Marketing hat es Del Principe seinen ehemaligen Lehrern nachträglich heimgezahlt. Die Demütigung wirkt noch nach, die Genugtuung auch, und seine Augenbrauen hüpfen. Mit der Grafik hat es nämlich doch noch geklappt: Er hat in einem Kunstgrafikunternehmen gearbeitet, war Schweizer Verkaufsleiter für eine Strassburger Offsetdruckerei, wurde von Kunden als Texter in ein Basler Werbebüro geholt, wurde Konzepter und später auch Teilhaber der Firma. Nach Platzen der IT-Blase und nach dem Niedergang der grossen Basler Werbebüro-Ära musste die Firma redimensionieren. Das war eine gute Gelegenheit, um sich selbstständig zu machen. Alle Fertigkeiten hat er sich on the job und nach intensivem Studium des Umfelds angeeignet. Da ist es wieder: das In-die-Töpfe-Gucken und Verfeinern.

Del Principes Blog hat neben deutschen und österreichischen Buchverlagen auch den irischen Lebensmittelverband auf den Binninger aufmerksam gemacht. Seit zwei Jahren akquiriert er für den Verband Schweizer Spitzenköche als «Botschafter» für die nachhaltig produzierte irische Fleischproduktion. Ein weiteres Standbein des Selfmade-Mannes sind Kommunikationsaufträge für eine Baselbieter Photovoltaik-Firma. Das mache er, weil er zwar parteipolitisch unabhängig sei, sich aber für Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen engagiere und es sich heute leisten könne, nur noch das zu tun, was ihm wirklich Spass mache. Für die Aktualisierung seiner Werber-Website mit seinem Portfolio hat er keine Zeit mehr. Sie ist veraltet. Del Principe ist auf die konventionelle Auftragsbeschaffung nicht mehr angewiesen und hat seine Direktkunden, für die er weiterhin textet. Der Blog ist die bessere Visitenkarte, als es Websites und Portfolios je sein könnten.

Im Haushalt der Del Principes wird, natürlich, italienisch gekocht. Verneigungen gegenüber der Schweizer Esskultur gibt es aber dennoch. Der ältere Sohn hat am Tag unseres Besuchs Geburtstag und hat sich sein Lieblingsmenü gewünscht: Bratwurst mit Rösti.

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