Wenn Dieter Hieber durch sein Lebensmittelgeschäft in Weil am Rhein geht, grüsst er die Kunden freundlich: «Guten Tag. Grüss Gott.» Und diese tuscheln aufgeregt oder rufen erfreut: «Ah, der Herr Hieber! Guten Tag.» Eine Atmosphäre wie im Dorfladen. Doch der 44-jährige Hieber ist Geschäftsleiter von zwölf Einkaufszentren in Grenznähe, die seinen Namen tragen. Das Unternehmen erzielte 2013 einen Umsatz von 200 Millionen Euro und beschäftigt fast tausend Mitarbeitende. In diesem Jahr dürfte der Umsatz noch weit höher ausfallen. Denn Hieber gehört zu den Profiteuren der Aufhebung des Euro-Mindestkurses.

Den Entscheid der Schweizer Nationalbank nahm Hieber mit Freude zur Kenntnis. Für das erste Wochenende stockte er das Personal auf, die Verkäufer schoben Sonderschichten. Auch eine Woche danach herrscht noch Ausnahmezustand. Weil der Euro-Franken-Kurs täglich schwankt, berechnet Hieber jeden Morgen einen Tageskurs und schreibt diesen an den Kassen aus.

«Hieber» steht in der Nordwestschweiz für «Einkaufen in Deutschland». Von dieser Bekanntheit profitiert das Familienunternehmen seit Jahrzehnten. Es scheint, als sässe Dieter Hieber auf einer Goldgrube. Sein Vater Jörg eröffnete 1965 den ersten Lebensmittelladen im südbadischen Höllstein und schloss sich als selbstständiger Kaufmann der Edeka-Kette an. Seither baute er das Unternehmen stetig aus. Und als Dieter Hieber 2009 mit zwei Partnern die Geschäftsleitung übernahm, machte er da weiter, wo sein Vater aufgehört hatte. Besonders dieser Tage profitiert Hieber von der Nähe zur Grenze. Dank dem starken Franken rechnet er mit einer Umsatzsteigerung von mindestens 8 bis 10 Prozent. Dies sei nicht so sehr auf Neukunden zurückzuführen, von denen Hieber noch nicht allzu viele registrierte. Doch viele bestehende Kunden, die bisher eher den billigsten Wein für 1 Euro 99 kauften, würden sich nun auch einmal eine Flasche für über 100 Euro leisten.

Mit der Vielfalt seines Angebots hebt sich Hieber zwar von Schweizer Migros- und Coop-Filialen ab, doch viele Schweizer fahren vor allem wegen des Preises mit ihren Autos «zum Hieber». Auf dem Parkplatz vor der Filiale in Weil am Rhein stehen an diesem Donnerstagnachmittag zahlreiche Autos mit Schweizer Nummernschildern. Nicht nur aus den beiden Basel, sondern auch aus Bern, Solothurn oder gar Zürich. «Wir sind erfreut, dass die Kunden von immer weiter her kommen», sagt Hieber. Der Anteil der Schweizer Kunden betrage rund 20 Prozent, bei Läden besonders nah an der Grenze ist er noch höher.

Hieber umwirbt die Schweizer intensiv mit Zeitungsinseraten und TV-Spots im lokalen Fernsehen. Dass er sich speziell an kaufkräftige Schweizer richtet, lässt er nicht gelten: «Mir ist jeder Kunde recht, egal welche Nationalität oder welchen Beruf er hat. Solange er bei mir einkauft und wieder kommt, bin ich zufrieden.» Basel sei als Ballungsraum interessant, aber die Grenze sei ihm nicht so wichtig: «Ich merke auch, dass sie sich in den Köpfen zunehmend aufgelöst hat», sagt Hieber. Auch er gehe am Wochenende oft nach Basel, um zu feiern, und kauft da auch ab und an mal Kleider oder Möbel ein.

Doch Hiebers Wahrnehmung ist nur die halbe Wahrheit. Die unterschiedlichen Währungen sind selbstverständlich von grosser Bedeutung für die Grenzregion. Neben Hieber gibt es hier zahlreiche Läden, die gerade in diesen Tagen von dem schwachen Euro profitieren wollen. Hieber sieht darin aber nicht nur Vorteile: «Wo viel Licht ist, sind auch Schatten.» Hieber erzählt von Vertretern eines Schweizer Lebensmittelgeschäfts, die in seinen Laden gekommen seien und den Angestellten Visitenkarten zugesteckt hätten. Oder von Headhuntern, die sein Personal angerufen hätten und abwerben wollten. Damit er sein Personal behalten könne, müsse er in Südbaden deutlich höhere Löhne bezahlen als beispielsweise die Konkurrenz im nördlicheren Deutschland.

Dieter Hieber lässt aber durchblicken, dass es in seinem Geschäft deutlich mehr Licht als Schatten gibt. Ob er sein Unternehmen wegen des starken Frankens ausbauen kann, will er noch offenlassen. Aber wenn die Entwicklung weiter so positiv verlaufe, sei ein Ausbau die logische Folge daraus. Wie das im Familienunternehmen nach wie vor üblich ist, bespricht er wichtige Entscheidungen noch mit seinem Vater. Eigentlich plant er aber schon mit ein bis zwei weiteren Filialen. Je nach Entwicklung des Frankens eröffnet Hieber diese wohl früher oder später.

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