Von Valentin Kressler

Martina Bernasconi (49) führt einen selbstbewussten, engagierten Wahlkampf. Der beherzte Auftritt wurde honoriert. Mit 35 Prozent der Stimmen erzielte sie beim ersten Wahlgang der Regierungsrats-Ersatzwahl für Carlo Conti (CVP) am 18. Mai ein für die meisten Politbeobachter überraschend gutes Resultat. Die Kandidatin der Splitterpartei GLP lag nur 3000 Stimmen hinter Favorit Lukas Engelberger (CVP).

Mit ihrem guten Abschneiden hat sich die unberechenbare Bernasconi, die vor der ersten Wahlrunde von vielen noch belächelt wurde, weitherum Akzeptanz verschafft. Seither wird sie in den Medien ausnahmslos positiv dargestellt. Ihr selbst hat das Resultat einen Euphorieschub verliehen. Im Hinblick auf den zweiten Wahlgang am 22. Juni tritt sie noch selbstbewusster und kämpferischer auf. «Im Moment geht es mir richtig gut», sagt sie.

Bernasconis Kalkül ist aufgegangen. Geschickt hat die frühere Frauenliste-Politikerin die Gunst der Stunde genutzt und die Frauenfrage ins Zentrum ihrer Kampagne gerückt. Tatsächlich dürften ihr vor allem viele linke Frauen die Stimme gegeben haben. «Der Frauenbonus hat sicher eine Rolle gespielt», sagt Bernasconi. «Im Strassenwahlkampf haben mir viele Frauen, aber auch Männer, gesagt, es braucht eine zweite Frau in der Regierung.» Derzeit ist Finanzdirektorin Eva Herzog (SP) die einzige Frau in der Exekutive. Nach Veronica Schaller und Barbara Schneider (beide SP) ist sie erst die dritte überhaupt.

Offiziell ist Bernasconi im ersten Wahlgang abgesehen von ihrer eigenen Partei kaum unterstützt worden. Die Suche nach Supportern verlief harzig, da SP, Grüne und Basta früh auf eine Wahlempfehlung verzichtet hatten. Selbst der konservativere Engelberger erhielt mehr Sukkurs von rot-grünen Exponenten. Grossrätin Nora Bertschi (Grüne) sagt: «Bernasconi hat viele Stimmen geholt, obwohl sie kaum öffentliche Unterstützung erhalten hat. Das ist erstaunlich und werte ich als Protest gegen eine seit je schlechte bürgerliche Frauenförderung.»

Nun, vor dem zweiten Wahlgang, schliessen sich immer mehr Frauen Bernasconis Unterstützungskomitee an. Neu dabei sind etwa die frühere Riehener Gemeinderätin Irène Fischer (SP) und ihr Mann, alt Appellationsgerichtspräsident Eugen Fischer (SP), sowie Susann Taeschler Wessels, die Frau von Regierungsrat Hans-Peter Wessels (SP). Irène Fischer sagt: «Solange die Frauen an Spitzenpositionen noch nicht aufgeholt haben, unterstütze ich bei gleichwertigen Kandidaturen eine Frau.» Dem Komitee angeschlossen haben sich auch die früheren SP-Grossrätinnen Maria Berger, Doris Gysin und Ruth Widmer sowie die Gewerkschafterin und ehemalige SP-Nationalratskandidatin Regina Rahmen. Bernasconi sagt: «Ich bin positiv überrascht. Viele sind von sich aus auf mich zugekommen.»

Als Erste hatte sich Grossrätin Brigitta Gerber (Basta) bereits Ende Februar hinter Bernasconi gestellt. Als Eisbrecherin agierte indes Ständerätin Anita Fetz (SP), die Ende April in einem Interview in der «Schweiz am Sonntag» Partei ergriff für Bernasconi und die bürgerliche «Young-Boygroup» um Sicherheitsdirektor Baschi Dürr (FDP) kritisierte. Mit diesem Auftritt hat Fetz den Geschlechterkampf richtig lanciert. Bernasconi sagt: «Ihr Interview hat einiges bewirkt und dürfte viele überzeugt haben, mich zu wählen.» Bereits im Wahlforum im Rathaus bewirtschaftete Bernasconi die Frauen-Thematik weiter. Bei dieser Wahl sei das Geschlecht ein wichtiger Faktor, diktierte sie den Journalisten nach dem ersten Wahlgang.

Mit dem guten Abschneiden von Bernasconi steigt der Druck auf die Bürgerlichen, bei den Gesamterneuerungswahlen 2016 eine Frau zu präsentieren. Die LDP muss dann den Sitz von Erziehungsdirektor Christoph Eymann verteidigen. Das Problem: Als erster Anwärter gilt Grossrat Conradin Cramer, den Fetz ebenfalls zur «Young-Boygroup» zählt. Bernasconi ist überzeugt: «Spätestens dann wird eine Frau gewählt. Die Sensibilisierung in der Bevölkerung für dieses Thema ist riesig.»

ganz unerwartet kommt Bernasconis Resultat am 18. Mai indes nicht. Im Februar hatten rund 60 Prozent der Baslerinnen und Basler für Frauenquoten in den Verwaltungsräten der staatsnahen Betriebe gestimmt. Vor diesem Hintergrund hätte Bernasconi noch besser abschneiden müssen. Für die Quoten hatten sich damals neben dem rot-grünen Establishment auch die FDP-Frauen eingesetzt. Vor allem die frühere FDP-Grossrätin Christine Heuss hätte Bernasconi nun gerne in ihrem Komitee gehabt. Heuss aber sagt: «Bernasconi kämpft jetzt um einen Sitz, der klar und zu Recht von den Bürgerlichen beansprucht wird.» Sie bedaure es, dass Bernasconi nicht bereits bei den letzten Erneuerungswahlen 2012 von ihrer Partei nominiert worden sei. Damals hatte die GLP Bernasconi übergangen und auf den blassen Grossrat Emmanuel Ullmann gesetzt. Wen Heuss wählen wird, will sie nicht sagen. Offiziell unterstützen die FDP-Frauen, wie schon im ersten Wahlgang, Engelberger. Die Parteiräson ist ihnen näher als die Frauensolidarität.

Dabei ist Bernasconi dringend auf die Solidarität der Frauen angewiesen. Denn finanziell geht ihr der Schnauf aus. Der erste Wahlgang kam die GLP teurer zu stehen als erwartet. Wie Bernasconi bestätigt, wurde das Budget von 20 000 Franken um die Hälfte überschritten, weshalb ihr für den zweiten Wahlgang gerade einmal noch 7000 Franken zur Verfügung stehen.

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