Von Markus Ramseier*

Als der Esel Nilo Anfang November auf dem Robi-Spielplatz in Pratteln mit dem Hintern in einem Schacht landete, war er völlig überrumpelt. Er war diesen Weg tausendmal gegangen, vor- und rückwärts. Eine sichere Sache. Der Deckel war immer auf der Dole gewesen. Darauf hätte er schwören können. Aber passiert war passiert. Stumm erduldete er seinen Schmerz. Esel kannten dafür keinen Laut. Es hätte auch eine seiner Kolleginnen oder einen Kumpel aus der Schar der Ziegen, Hasen, Meer- und Hängebauchschweine treffen können. Natürlich juckten die Schürfwunden am Hintern. Doch mit seinen dreizehn Jahren liess sich Nilo nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Selbst der bestialische Gestank der ARA, der wieder einmal frontal in seine Nüstern fiel, konnte ihn nicht irritieren. Schon zückte ein früher Spaziergänger sein Handy und wählte die 112. Da wusste Nilo: Alles kommt gut.

Die Männer von der Feuerwehr waren im Nu da. Sie zogen ihm einen Strick um den Bauch und sprachen so sanft auf ihn ein, als wäre er eine junge Frau. Hauruck, hauruck. Kaum stand er wieder auf allen vieren, gabs ein Trostrüebli zwischen die Zähne. Er verdrückte es ohne Eile – und lief von Neuem los. Nein, Nilo zählte nicht zu den Störrischen. Laufen, Wind, Regen, Sonne auf der Haut spüren, Heu und Stroh und ab und zu eine Karotte oder einen Apfel knabbern, das wars. Riechen, sehen, hören, was sich vor und hinter dem Zaun alles tat. Hin und wieder ein bisschen raufen und ein paar aufsässige Fliegen vertreiben. Sich am Hals kraulen lassen. Die Krane in der Rheinebene zählen (bei fünfzehn gab er meist auf) und hoffen, dass die Bauherren von Salina Raurica den Spielplatz unter dem Bahndamm verschonten. Nilo trampelte die alten Trampelpfade ab. Um den Dolendeckel machte er fortan einen Bogen.

Dass er vom Schacht direkt im weltweiten Internet landete, ging gänzlich an Nilos langen Ohren vorbei, dass ihm die Kinder Zeitungsbilder entgegenstreckten, auf denen ein Esel die Vorderhufe auf einem Schachtrand abstützte und aussah wie er – und dass er auf Facebook und Twitter über Nacht zum Star wurde, entlockte ihm nicht mal ein kleines, eitles I-ah. Esel Nilo in den Gemeinderat, forderte ein Leserbriefschreiber in der Lokalzeitung. Am Weihnachtsmarkt Ende November bei der Prattler Dorfkirche wollten ihn alle anfassen. Jö, sagten Kinder und Erwachsene im Chor, jö, der Nilo. Stoisch liess er sich streicheln und trug die Kleinen auf dem Rücken um den Kirchhof. Natürlich war das Gedränge und Geschrei auf die Dauer etwas nervig, doch unter dem Fell spürte er nicht einen Hauch von Dichtestress.

Der Advent gab sich oft nieslig und neblig. Andere Tiere tauchten auf Facebook und Youtube auf. Eine australische Meeresschildkröte mit zwei Köpfen. Ein oberbayerischer Maulwurf, der – vom Blitzlicht ertappt – erschöpft auf seinem frisch gegrabenen Haufen hockte. Auf dem Robinsonspielplatz machten sich die Kinder von Tag zu Tag rarer. Am Heiligen Abend war keines mehr da. Nur der Lärm der Autobahn und das Agglomerationsgeflimmer hinter Media-Markt und Ikea erinnerten an die Menschen, die jetzt ganz mit sich selbst beschäftigt waren. Drum war Nilo ein bisschen erstaunt, als eine alte Frau vom offenen Feld her über den Zaun kletterte. War er wach oder träumte er? Sie ging leicht gebückt, doch ihr Schritt war sicher, ja, sie tänzelte fast, als sie auf ihn zukam. Eine Hexe?

Die alte Frau ging oft barfuss und war fast immer in Bewegung. Das kam vom vielen Staubsaugen, vom Abwaschen, Aufwischen und Staubwedeln, vom Jäten, Rechen und Hacken. Für ihre Herrschaften in der städtischen Zwölfzimmervilla hatte sie 34 Jahre lang alles getan. Einmal hatte sie sogar einen Aussenminister bedient, als dies noch ohne Gitter möglich war. Seit sie pensioniert war, ging sie am liebsten querwaldein. Jeder fällt mal in ein Loch, sagte sie zum Esel. Bei mir ist es heute passiert. Sie packte ihren Rucksack aus. Vor zehn Jahren war sie an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Seitdem war alles Essen wie mit Schmierseife überzogen. Am schlimmsten war das Fleisch. Trotzdem hatte sie es wieder auf 55 Kilo geschafft. Wenn sie mit der Frauenriege unterwegs war, gab es keine Extrawurst, dann ass sie auch Nüdeli mit Schweinssteak. Doch am meisten mochte sie altes Brot mit viel Salz. Da, für dich, sagte sie und streckte Nilo eine Scheibe entgegen. Man muss auch anhalten können, hat kürzlich einer gesagt, und soll dabei keine Angst bekommen.

Bis dreissig hatte sie auf dem Hof der Eltern unter der Fluh gelebt. Dann hatte ihn der Bruder übernommen. Was konnte eine Ungelernte anders, als im Restaurant servieren, im Spital putzen oder als Haushalthilfe arbeiten? Am Schluss betrug der Lohn 1000 Franken. Mit 64 ging sie zurück, nach dem Tod des Bruders, und verkaufte den Hof. Im Untergeschoss erhielt sie lebenslanges Wohnrecht. Die neuen Besitzer bauten das Haus um – bis auf den Stall, ihren Lieblingsort. In der Brunftzeit bellten die Rehe im Wald so laut, dass sie die Fenster schliessen musste. Wenn im Winter Schnee fiel, liess sie die Tür zum Stall einen Spalt weit offen. Dann legten die Rehe sich ins Sommerheu. Still lagen sie da und schauten sie an.

Ich hatte zeitlebens keinen Mann, sagte sie mehr zu sich selbst als zum Esel. Männer sind wie Frösche. Kaum berührt man sie, fangen sie an zu quaken. Sie hatte auch keine Kinder. Sterben war so einfacher. Niemand, der sich kümmern und trauern musste. Sie erhob sich und ergriff den Rucksack. In der Ferne blinkte der Chrischonaturm. Ich heisse übrigens Maria, sagte sie zu Nilo. Seit Kindestagen habe ich davon geträumt, mal auf einem Esel zu reiten. Nilo schrak auf. Kurz stand er da wie der Esel am Berg. Dann gab er sich einen Ruck. Heiliger Bimbam. Maria ohne Josef und Kind, aber mit Esel, durchzuckte es ihn, als er mit der Frau auf dem Rücken loszottelte. Auf dem Dolendeckel blieb er stehen und schmetterte ein heiterhelles Hallelu-i-ah über den Zaun.

* Schriftsteller Markus Ramseier erhielt 2014 den Kulturpreis des Kantons Basel-Landschaft.

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