Mario Felix kennt jede Ecke auf dem Dreispitz-Areal. Sein ganzes Arbeitsleben hat er dort verbracht. Angefangen hat er vor 39 Jahren als Techniker im damaligen Zollfreilager. Am gleichen Ort koordiniert er nun die Bedürfnisse der neuen Nutzer im Kunstfreilager. Dazwischen liegen mehrere Transformationen des riesigen Areals auf dem Boden zweier Kantone wie zweier Kommunen.

Die moderne Geschichte des Dreispitz beginnt allerdings bereits um 1901. Damals entstand auf dem Grund der Christoph Merian Stiftung (CMS) der erste Materiallagerplatz mit Bahnanschluss. Er markierte den Wandel Basels vom Handels- zum schweizerischen Logistikzentrum. 1923 initiierte die Basler Handelskammer nach internationalem Vorbild auf dem südlichen Teil des Areals ein Zollfreilager, in dem Waren, ohne verzollt werden zu müssen, zeitlich unbeschränkt gelagert und umgepackt werden durften.

Bis zu 65 Zöllner überwachten den Ein- und Ausgang der Waren. Interessiert hatte sie allerdings bloss, ob die Zollpapiere formal in Ordnung waren. Was tatsächlich ein- und ausgeführt wurde, blieb weitgehend unkontrolliert. Ein Teppichgrosshändler stapelte wertvolle Stücke auf 6000 Quadratmetern, die Rum Company hortete 200 000 Liter Alkoholika. Tonnen von Zucker waren ebenso eingelagert wie stapelweise Tabakwaren. Felix, der für die Verwaltung arbeitete, erinnert sich, wie Zigaretten, aus Hamburg kommend, in Basel zwischengelagert, zollfrei nach Albanien weiterverfrachtet wurden. Nach einigen Wochen landete die Ladung wieder im Zollfreilager und wurde später via Hamburg nach Übersee spediert.

Die Zollreform von 2007 besiegelte das Ende des mit einer Mauer abgesperrten Bezirks. Das Geschäftsmodell hatte ausgedient, das Zollfreilager drohte zu verwaisen. Verändert hatte sich der Dreispitz jedoch auch ausserhalb der Sonderzone: Grosse Lager wurden mit der «Just in time»-Produktion überflüssig. Spediteure zogen aus, weil sie zentralere Umschlagorte fanden. Nur noch zwei grössere Transportunternehmen finden sich heute auf dem Areal: Leimgruber, der leere Container zwischenlagert, und Fiege, der jedoch eine seiner Hallen kaum mehr in Betrieb hat. Das Materiallager mutierte zum Gewerbegebiet.

In der alten Tradition steht noch der Kunstspediteur Josy Kraft, der auf geschätzten 6000 Quadratmetern in grosser Diskretion auch wertvolle Kunstwerke seiner Kundschaft lagert. Daneben finden sich Hunderte kleine bis mittlere Gewerbebetriebe, von der Ein-Mann-Garage über den Klavierbauer bis zum Schrottverwerter. Grössere Firmen und solche, die sich ausbreiten wollen, haben es allerdings schwer auf dem Dreispitz. Der Platz ist beschränkt. Zuletzt gab die Arfa ihre Röhrenproduktion und damit 61 Arbeitsplätze auf.

Das Areal veränderte sich weiter, als nachts die Schranken nicht mehr geschlossen waren. Freizeitangebote nisteten sich ein, ein Fitnessklub ebenso wie ein spanisches Vereinslokal. Im vergangenen Jahr entstand ein Hindu-Tempel, derzeit baut das Baselcity-Studio ein Clublokal.

Das Gleisfeld prägte die besondere Struktur des Dreispitz. Doch befahren wird das 14 Kilometer lange Netz kaum mehr. Die Schienen sind gleichermassen Relikt und Zeuge des bisherigen Transformationsprozesses. Der Dreispitz ist gewachsene Struktur: Er ist ein Privatgelände der CMS. Der Boden gehört ihr, die Gebäude hat sie mehrheitlich im Baurecht abgegeben. Es bestehen Unter-Baurechtsverträge sowie Hunderte von Miet- und Untermietverträgen. Eine genaue Übersicht ist kaum möglich. Wer auf dem Dreispitz die Tempo-30-Limite missachtet, wird nicht von der Polizei gebüsst, sondern erhält von Mario Felix und seinen Kollegen eine «Gebühr». Wenn es brennt, rückt die eigene Feuerwehr aus. Und wenn ein Wasserrohr bricht, dann ist keine Kommune zuständig, sondern die CMS.

Mit der Aufgabe des Zollfreilagers musste sich Mario Felix beruflich neu orientieren. Aber auch die CMS, die nur dank den Dreispitz-Erträgen als städtische Wohltäterin auftreten kann. Ein grosser Wurf wurde angedacht und Herzog & de Meuron mit der Entwicklung eines Masterplans beauftragt. Ein neues, urbanes Quartier stellten die Architekten 2002 vor, ein kreatives Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten. Es war die Quadratur des Kreises, die gelingen sollte – mit einer CMS, die sich die Rolle des Zauberlehrlings zumutete.

2008 wurde ein «städtebaulicher Rahmenvertrag» zwischen der federführenden CMS, Basel-Stadt und Baselland sowie der Gemeinde Münchenstein abgeschlossen. Er spiegelt die Wunschvorstellungen aller Parteien; mit weniger Lärm und weniger Verkehr sollten mehr Wohnungen und Arbeitsplätze geschaffen werden und dies mit grosszügigen Grün- und Freiflächen.

Es brauchte einen Führungswechsel an der CMS-Spitze, um sich eingestehen zu können, dass dieses Projekt nicht zu stemmen ist. Es sei «viel zu komplex», sagt der neue Direktor Beat von Wartburg, und auf allen Ebenen ungewiss: Rechtlich, weil der Rahmenvertrag als Grundlage anfechtbar sei; wirtschaftlich, weil das Grossprojekt für die CMS ökonomisch nicht tragbar sei; politisch, weil sich nicht nur aus dem Gewerbe, sondern auch aus dem Quartier Widerstand zeige. Die Gemengelage führte Ende 2014 zum Abbruch der grossen Übung – was in der öffentlichen Diskussion allerdings kaum zur Kenntnis genommen worden ist.

Schritt für Schritt soll die Transformation nun weiter vorangebracht werden. Zunächst für das Arfa-Areal, das schadstoffsaniert für die Gemeinde Münchenstein auch als Wohngebiet attraktiv sein kann. Im Weg steht noch der städtebauliche Rahmenvertrag, sagt von Wartburg, der baldmöglichst «einvernehmlich aufgelöst» werden soll. Jede Partei kann ihn auf jedes Monatsende mit einer Frist von einem Jahr kündigen.

Verloren wäre wenig, denn gewonnen ist schon viel: Aus dem Zollfreilager ist das Kunstfreilager geworden. Die Kunsthochschule HGK hat ihren Neubau in Betrieb genommen und zu ihren Füssen sammelt sich, was zur Kreativwirtschaft zu zählen ist. Diese Woche etwa stellen Herzog & de Meuron ihr Schaulager vor, in dem sie die Modelle ihrer architektonischen Arbeit als erweiterte Kunstsammlung aufbewahren. Auch ohne die Realisierung des grossen Masterplans freut sich Mario Felix über den Wandel der vergangenen 39 Jahre. Jünger sei der Dreispitz geworden und offen.

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