Einmal im Jahr quetschen sich Regierungsräte auf wacklige Holzbänke und essen gemeinsam eine Wurst. Einmal im Jahr singt das ganze Dorf die Nationalhymne mit. Und einmal im Jahr schiesst die SP-Nationalrätin mit dem freisinnigen Bundesrat ein Selfie, statt ihn verbal zu attackieren.

Einmal im Jahr ist Nationalfeiertag. Und in Allschwil ist das in diesem Jahr etwas ganz Besonderes. Seit 200 Jahren gehört die Agglogemeinde zur Eidgenossenschaft. Das ist doppelter Grund für hohen Staatsbesuch. Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist am 31. Juli zur Bundesfeier auf die Läubern gekommen, und das nicht nur, um eine Rede zu halten. Er hat sich schon am Nachmittag in die Nordwestschweiz chauffieren lassen, um einen Augenschein vom Innovationspark zu nehmen und einen Vortrag über die Geschichte des Baselbiets zu hören. Am Abend lobt er in seiner Rede die Innovationsfähigkeit der Nordwestschweiz. Überhaupt erkenne er einen «grossen Kampfgeist», den eigenen Wohlstand beizubehalten. Seine Aufgabe als Wirtschaftsminister sehe er darin, die Deindustrialisierung mit allen Mitteln zu bekämpfen. «Mein wichtigstes Ziel ist es, dass alle die Chance auf einen Job haben.» Schneider-Ammann betont die Wichtigkeit der bilateralen Verträge, die ihm auch schon in seiner Zeit als Unternehmer die Möglichkeit gegeben hätten, jeden zweiten Franken im Ausland zu verdienen.

Wenn Prominente am 31. Juli oder am 1. August reden, dann lässt sich zwischen den vielen Floskeln aber auch erkennen, was das Land bewegt. In Basel und Baselland dominieren in diesem Jahr neben den geschichtsträchtigen Jubiläen die Wirtschaftslage, die Beziehung zu Europa sowie die Flüchtlingspolitik.

Die bürgerlichen und linken Rezepte unterscheiden sich. Die Basler Grossratspräsidentin Elisabeth Ackermann (Grüne) übt in der traditionellen 1.- August-Rede auf dem Bruderholz Selbstkritik. «‹Wirtschaftsflüchtling› ist zu einer Art Schimpfwort geworden. Wir vergessen dabei, dass die Schweiz über Jahrhunderte ein Auswanderungsland war.» Und Georg Heitz, Sportdirektor des FC Basel, betont in seiner Rede in Oberwil, wie wichtig die Unterstützung neuer Spieler in der Anfangsphase in der Schweiz sei. Was für uns ganz banal klinge, müsste ein Spieler aus Sambia vielleicht erst noch lernen. Dass man beispielsweise Märkli auf die Abfallsäcke klebe. Die freisinnige Baselbieter Nationalrätin Daniela Schneeberger hebt in ihrer Rede in Pratteln hingegen den Mahnfinger. Die Wirtschaftsflüchtlinge dürften das humanitäre System der Schweiz nicht ausnutzen. «Einerseits müssen wir unsere Asylgesetzgebung konsequent und vor allem effizienter umsetzen. Andererseits müssen wir mehr Hilfe vor Ort leisten.»

Der Bundesrat tritt nach zwanzig Minuten von der Kanzel, erntet von den rund 500 Dorfbewohnern kräftigen Applaus und bekommt die Allschwiler Fasnachtsplakette 2015 angeheftet. Das sei ein «ganz begehrtes Exemplar», sagt der Festredner. Schneider-Ammanns Bodyguards beobachten, wie er den Journalisten ein paar Fragen beantwortet.

Dann setzt sich der Magistrat in die schwarze Limousine. Zeit zum Festen bleibt ihm nicht. Am nächsten Tag hat er bereits seinen nächsten Auftritt: an der Expo in Mailand.

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