Der Buschauffeur (58) ahnt nichts, als er an einem Feierabend im Februar nach Hause kommt. Seine Ehefrau ist an diesem Tag ausgezogen. Ihre Möbel fehlen. Sie hat den Auszug weder angekündigt noch eine Nachricht hinterlassen. «Sie war einfach weg», erzählt er. Der Chauffeur will herausfinden, wohin sie gezogen ist. Er wartet an ihrem Arbeitsplatz auf sie und folgt ihr in seinem Auto. Sie zeigt ihn wegen Stalking an, worauf die Baselbieter Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Drohung und Nötigung eröffnet.

Im April wirft ihm die Frau in einer Einvernahme vor, ein Alkoholproblem zu haben. Die Staatsanwältin protokolliert: «Wenn er um 14 oder 15 Uhr Feierabend hatte, ging er ins Restaurant, er trank Bier. Das Restaurant macht um 18.30 Uhr zu, er trank bis zu fünf Bier.» Auf die Frage, in welchem Zustand er zur Arbeit gehe, antwortet sie: «Nach acht Stunden war er sicher nicht nüchtern. Das kam häufig vor. Er ist Buschauffeur im öffentlichen Verkehr.» Einmal sei er zudem «stockbetrunken» mit dem Auto zur Hauptprobe des Laientheaters gefahren, in dem die beiden mitwirkten, sagt die Frau. In einer Einvernahme bestreitet er den Vorwurf.

Zwei Monate lang unternimmt die Staatsanwältin nichts. Erst Anfang Juni wird sie aktiv. Sie erstattet Meldung an die Polizei: «Verdacht einer Alkoholproblematik». Die Staatsanwältin liefert neben Protokollauszügen auch eine eigene Beobachtung: Es sei auffällig gewesen, schreibt sie, dass der Beschuldigte während der Einvernahme gezittert habe. Als Beleg legt sie eine Kopie der krakeligen Unterschrift des Chauffeurs bei.

Die Polizei handelt schneller als die Staatsanwaltschaft: Bereits am nächsten Tag teilt sie dem Berufsfahrer per Verfügung mit, dass sie ihm den Führerausweis per sofort und auf unbestimmte Zeit entziehe. Wegen einer «allfälligen Alkoholabhängigkeit» müsse er seine Fahreignung im Basler Institut für Rechtsmedizin auf eigene Kosten abklären lassen. Da er eine Haarprobe abgeben müsse, solle er sich nicht mehr die Haare schneiden oder färben.

Rechtliches Gehör erhält der Mann im Voraus nicht. Die Polizei begründet dies mit der «Falldringlichkeit». Und da es sich um eine Massnahme im «öffentlichen Interesse» handle, habe eine Beschwerde keine aufschiebende Wirkung. Die Polizei macht den Chauffeur per Verfügung arbeitslos.

Seit sechs Jahren arbeitet der Mann für die Baselland Transport AG (BLT). Zuvor war er 15 Jahre als Lastwagenfahrer unterwegs. Nie hat er das Gesetz verletzt. Chauffeur zu sein, sei schon immer sein Traum gewesen, erzählt er. Er geniesse vor allem die Ruhe hinter dem Steuerrad. Seit zwei Monaten sitzt der Chauffeur zu Hause.

Der Führerscheinentzug stürzt ihn in eine Krise. Er lässt sich krankschreiben wegen psychischer Probleme. Danach bezieht er sämtliche Ferientage und anschliessend unbezahlten Urlaub in der Hoffnung, bald wieder die Lizenz zum Fahren zu erhalten. Er informiert seinen Arbeitgeber über die Vorwürfe. Dass er derzeit keinen Lohn mehr erhalte, verstehe er, sagt er. Ein Chauffeur ohne Führerschein sei wertlos, auch wenn er unschuldig sei. Die Vorwürfe seien völlig aus der Luft gegriffen. Doch er habe keine Chance gehabt, dies rechtzeitig zu beweisen. Ja, er trinke am Feierabend gerne Bier und am Wochenende auch mal eines zu viel, aber auf der Strasse sei er immer nüchtern gewesen, beteuert er.

Erfolglos hat der Chauffeur über seinen Anwalt Marco Albrecht bei der Baselbieter Regierung verlangt, dass die Beschwerde aufschiebende Wirkung erhält. Er wirft der Polizei vor, einer Denunziation aufgesessen zu sein, und zweifelt die Glaubwürdigkeit der Ex-Frau an. Ihre Stalkingvorwürfe hätten sich als unzutreffend erwiesen. Es sei unverständlich, dass der Fall plötzlich dringend sein solle, nachdem ihn die Staatsanwaltschaft liegen gelassen habe.

Doch der Rechtsdienst der Regierung gibt der Polizei im Juli Recht. Es sei angebracht, den Chauffeur sofort aus dem Verkehr zu ziehen, da sich die Polizei auf eine «glaubwürdige Meldung» stütze. Das Alkoholproblem sei sofort erkennbar, da die Meldung nicht nur auf einer Denunziation erfolge, sondern vielmehr auch aufgrund «eigener Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft». Damit ist die zittrige Unterschrift gemeint. Die Polizei fügt Anfang Juli an, dass die Verzögerung bei der Staatsanwaltschaft nicht ihre Angelegenheit sei. Der Buschauffeur stelle eine mögliche Gefahr für Passagiere und Verkehrsteilnehmer dar, welche die Polizei nicht verantworten könne. Im vergangenen Jahr hat sie 96 «vorsorgliche Sicherungsentzüge» verfügt.

Seit Anfang Juli hat der Chauffeur nichts mehr von den Behörden gehört. Er rechnet damit, Ende August die Kündigung zu erhalten, wenn er bis dann nicht wieder arbeiten kann. Da er kein Einkommen mehr hat, kann er seiner Ex-Frau die Unterhaltsbeiträge nicht mehr überweisen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper