Er ist überall und nirgendwo. Derzeit wuselt Olivier Müller (34) vor allem im Singerhaus. Müller wagt in den nächsten Wochen eine Neulancierung, nachdem der Club wenige Monate nach Öffnung bereits bedenklich ins Schlingern geraten ist. Er übernahm im Juli die Aktienmehrheit der Betreibergesellschaft Marktplatz AG, baut nun um, reduziert die Kosten. Von Gastronomie verstehe er zwar noch nicht viel, sagt Müller, doch dafür etwas von Prozessoptimierung. Das Singerhaus zu übernehmen, mit einer Bar im ersten Stock und einem Club im ehemaligen Kino sei ein unternehmerisches Risiko, aber vor allem eine Herzenssache.

Müller gerät von einem Engagement ins nächste, mit Schwung voran, wobei der Bauch oft schneller entscheidet, als der helle Kopf mithalten kann. Eigentlich wollte er sich auf seinen anderen Club bei der Erlenmatt konzentrieren. Dort lancierte Müller erst im Juni zusammen mit Michel Bannier die «Heimat», nachdem die vormaligen Betreiber der «Jägerhalle» aufgegeben hatten. Und auch dieses Engagement ist vor allem Folge davon, dass es bis zum Neubau die «Kuppel» nicht mehr gibt. Denn zum Gastrounternehmer wurde Müller als Kulturveranstalter. Und dies wiederum, weil es ihm nicht genügte, Kulturmäzen zu sein.

Vom einen zum anderen
Über welches Vermögen Müller verfügt, ist ihm kein Thema. Doch dieses Geld bringt er unter die Leute. Als adoptiertes Kind des Leiterpaars eines Basler Altersheims hat er schon als Jugendlicher verdient, indem er sich Gewerbebetrieben im Quartier als günstiger IT-Spezialist anbot. Gutes Geld verdient er als Inhaber der Cauber Treuhand, die in hochrationalisierter Weise für derzeit 44 Betriebe die Buchhaltung erledigt. Denn dass die Gewerbler Mühe haben, Ordnung und Übersicht über Rechnung und Kasse zu haben, sei ihm aufgefallen, als er ihre IT betreute. Den Start ermöglicht hatte ihm der Unternehmer Lucien Schmidlin. Als Geschäftspartnerin steht ihm Heidi Wilde zur Seite, eine gestandene Gewerblerin, dreissig Jahre älter als er. Sie schaut, dass der Laden läuft, lässt es sich aber nicht nehmen, die Wäsche ihres Geschäftspartners zu machen.

Müller, studierter Jurist, ist stets auf Achse, überdreht und doch fokussiert. Er sei am besten, wenn er ein Problem zu lösen habe, sagt er. Über das Junge Theater Basel sei er erst zur Kultur gekommen. Theater habe ihn zuvor nicht interessiert, doch nach einer Vorstellung, zu der ihn ein Freund geschleppt habe, wollte er selbst tätig sein. Er finanzierte eine Theaterproduktion, die im Club «Nordstern» aufgeführt wurde. Er habe alle genervt, weil er nicht nur zahlen, sondern Teil der Produktion sein wollte. Nur zu optimieren sei nicht sein Ding, er wolle Inhalte schaffen.

So kreierte er in der «Kuppel» die Gameboys, eine schwulenfreundliche Eventreihe, zahlte Lehrgeld mit überteuerten Musik-Acts. Menschen sind es, die ihn jeweils zum nächsten Projekt verleiten. So entstand die Konzertreihe «Klassikkuppel». Die verschiedenen Engagements hat er mittlerweile im Verein Wunschkind Kultur zusammengeführt, der über eine eigene Infrastruktur verfügt und selbst als Veranstalter auftritt. So etwa übernahm Müller das Booking für den «Energy Challenge», der bis gestern Samstag auf dem Basler Barfüsserplatz stattfand.

Müller investiert à fonds perdu, aber nicht nur. Die «Klassikkuppel» sei durch Drittmittel mittlerweile eigenfinanziert, ebenso die Konzertreihe «Giardino Unplugged», die anfänglich gedacht war, um im Sommer Leute in die «Kuppel» zu bringen. Auf dem langen Weg zur Eigenfinanzierung ist Müller mit dem Magazin «Escarcot», das ebenfalls aus einer Partyreihe entstand, mittlerweile ein regelmässig erscheinendes Basler Jugendkultur-Magazin ist, das auch von staatlichen Fördermitteln profitiert. Müller amtet selbst als Redaktionsleiter, spannt Grafiker und Fotografen ein, die sich damit in der Szene einen Namen machen können.

Hier und weg
Müller nennt sein Tun niederschwellige Kulturfinanzierung. Er vermengt bis zur Untrennbarkeit mäzenatisches und unternehmerisches Engagement. Und ohne Zweites gibt es kein Erstes. So finanziert er zwar nicht den «Kuppel»-Neubau, wird jedoch 45-Prozent-Teilhaber der «Kuppel»-Betreiberin QPL AG und damit gleichberechtigter Partner von «Kuppel»-Mann Simon Lutz. Oder er gründet wie zuletzt die Designagentur Staub & Co., die für den Spielzeugwarenhersteller Stocky ein Produkt aus dem 3-D-Drucker entwickelt.

Und dann ist er auch wieder weg. Verschwindet irgendwohin. In den Tibet, auf eine ferne Insel, in eine andere Welt. Kaum zu erreichen. Bis ihn das nächste Projekt in Basel ereilt.

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