Dieter Wissler (76) ist der CEO von Blauen. Der Gemeindepräsident führt seine Laufentaler Gemeinde wie eine Firma. Die methodische Leitung der Dorfentwicklung führt er sogar explizit als Geschäftsmann aus: Er liess das wichtigste Projekt der Gemeinde an sich selber auslagern, an sein eigenes Beratungsbüro Praxis-Institut Dr. Wissler. Dies sei ein Erfolgsrezept für Blauen: «Andere Gemeinden müssen externe Berater anstellen.» Wissler war von 2000 bis 2004 weltweiter Kommunikationschef von Novartis und von 1996 bis 2000 Präsident von Novartis Deutschland. Seit 2007 führt er Blauen. Seine Gemeinde, in die der schweizerisch-deutsche Doppelbürger vor 17 Jahren aus Pfeffingen zugezogen ist, positioniert er wie ein Produkt mit einem Marketingplan im Standortwettbewerb. Seine Zielkundschaft sind gut verdienende Steuerzahler, die in einem Einfamilienhaus mit Doppelgarage im Grünen wohnen wollen.

Der Verkaufsprospekt ist der Dorfentwicklungsplan: Das alte Schulhaus wurde zu vier Senioren- und einer Loftwohnung umgebaut, auf dem ehemaligen Firmengelände der Schweizer Baudokumentation entstehen sieben Luxus-Wohnungen und im Dorfkern fördert die Gemeinde den Abriss alter Bauten. Die schlechten Postauto-Verbindungen kompensiert sie mit einer Mitfahrzentrale. Speziallösungen gibt es auch für die besten Steuerzahler: Der Ricola-Erbin Ursula Richterich ermöglichte die Gemeinde den Bau einer Pferdesportanlage am Dorfrand. Die Krönung der Dorfentwicklung ist für 2017 geplant: Kürzlich hat die Gemeindeversammlung Investitionen von 1,5 Millionen Franken gesprochen für ein neues Gemeindezentrum mit einem Dorfladen, einem Bistro und einer Kindertagesstätte. Damit will die Gemeinde auch die beiden Dorfbeizen Stachel und Kreuz ersetzen, die 2016 den Betrieb aufgeben.

Finanziert wird das Prestigeprojekt allerdings mit Steuergeldern aus dem Bezirk Arlesheim. Blauen hängt wie alle Laufentaler Gemeinden am Tropf des Finanzausgleichs. Mit der Dorfentwicklung soll Blauen nun aus der Negativspirale ausbrechen, hofft Wissler. Die Gemeinde wies in den 00er-Jahren das geringste Bevölkerungswachstum aller Laufentaler Gemeinden auf und überalterte deshalb überproportional. Eine Steuererhöhung drohte. Mit Wisslers Entwicklungsmassnahmen konnte diese verhindert werden. In den vergangenen zwei Jahren wuchs die Blauner Bevölkerung um drei Prozent auf 700 Einwohner. Das ist ein Prozentpunkt mehr als das Bevölkerungswachstum im übrigen Bezirk. Dieser Trend soll nun anziehen.

Zumindest auf dem Markt der Labels und Auszeichnungen zahlten sich die Massnahmen aus. Blauen wurde 2014 mit dem Unicef-Label als kinderfreundliche Gemeinde ausgezeichnet. Selbst das Bundesamt für Landwirtschaft hat die Bemühungen der Kleingemeinde belohnt: Soeben hat es Blauen für den europäischen Dorferneuerungspreis 2016 nominiert. Für diesen wird jeweils eine Schweizer Gemeinde ausgewählt, die sich durch eine nachhaltige Entwicklung auszeichnet.

Die Strategie, mit der Blauen saniert werden soll, klingt simpel. Andere Gemeinden verfolgen ähnliche Ansätze. Doch Wissler sagt: «Keine andere Kleingemeinde hat einen Dorfentwicklungsplan mit dieser konzeptuellen Klarheit.» Der Vergleich mit der Nachbargemeinde Nenzlingen gibt ihm recht. Auch die Nenzlinger wollten neue Einwohner anlocken und bauten dafür einen neuen Kindergarten und schieden eine Fläche für Neuansiedlungen aus. Dafür gab es einen Architekturpreis. Doch heute steht der Kindergarten leer. Die Kinder gehen nun in Blauen zur Schule.

Blauens Wachstumspläne stehen in Widerspruch zu den Absichten der umliegenden Gemeinden. Mit dem Zukunftsbild Laufental haben sich die Kommunen des Bezirks geeinigt, dass abgelegene Dörfer wie Blauen bis im Jahr 2035 um höchstens ein Prozent wachsen. Der kürzlich publizierte Richtplan-Entwurf des Kantons lässt zwar mehr Spielraum. Doch auch diesen kritisiert Wissler: «Die gesellschaftlichen Entwicklungen durch die Informationstechnologien werden völlig ausgeklammert.» Kleine High-Tech-Firmen müssten nicht entlang der Verkehrsachsen positioniert werden, sondern könnten in jedem kleinen Dorf angesiedelt werden. Was auf den Planungspapieren des Kantons und des Bezirks steht, kümmert Wissler aber ohnehin wenig. Der CEO hat seinen eigenen Businessplan.

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