Dass in der «Milchsuppe» die «Webstübler» hausen, gehörte bis vor dreissig Jahren zum Basler Allgemeinwissen. Doch was sich auch in zahlreichen Quellen findet und worüber die «Schweiz am Sonntag» vergangene Woche berichtete, ist historisch wohl falsch, wie der Historiker Daniel Hagmann bemerkte: Die Basler «Webstübler» gab es schon vor der Gründung der «Milchsuppe» im Jahr 1935 und benannt wurden sie nach den Bewohnern der «Basler Webstube».

Heinrich Kestenholz, ein Beamter der Basler Vormundschaftsbehörde, startete bereits 1917 als Privatperson die Initiative, jungen behinderten Männern eine Arbeit zu geben. Im Sommer jenes Jahres verschaffte er den ersten beiden «mindererwerbsfähigen Jugendlichen» am Blumenrain eine Beschäftigung an einem Webstuhl, überwacht von einer älteren Frau. Die Basler Webstube war damit gegründet. Bereits ein Jahr später eröffnete Kestenholz eine Nähstube für junge behinderte Frauen. 1923 war der Betrieb so gewachsen, dass die Stadt an der Missionsstrasse für die Web- und Nähstube eine Liegenschaft mietete. Kestenholz lancierte nun ein Jugendheim, in dem seine jungen Arbeiter untergebracht waren, und gründete überdachend seine Aktivitäten den Trägerverein Jugendfürsorge. 1925 übernahm der Verein das Areal zwischen Missionsstrasse und Nonnenweg und richtete ein «Werkstättezentrum» ein. 1929 übernahm die Jugendfürsorge das Reinacher Bauerngut Erlenhof. Erst sechs Jahre später eröffnete das Bürgerspital seine Behindertenwerkstatt Milchsuppe weiter stadtauswärts.

Eine urbane Legende
Im kommenden Jahr feiern die Basler Webstube und damit die Webstübler ihr 100-Jahr-Jubiläum. Der Basler Historiker Daniel Hagmann, der aus diesem Anlass einen geschichtlichen Abriss recherchiert, vermutet, dass der Begriff «Webstübler» in Basel eine übergreifende Bedeutung gewonnen habe und als Synonym für Behinderte verwendet wurde. So konnte die urbane Legende entstehen, wonach in der Milchsuppe, der grössten Behinderteneinrichtung der damaligen Zeit, die Webstübler an der Arbeit seien.

Der Verein Webstube hatte gar keine Freude daran, dass man sich über ihre Klientel lustig machte. Er fühlte sich von den Bucheditionen der Webstübler-Witze im Berner Benteli-Verlag so betroffen, dass er 1971 die Namensänderung in «Kannenfeld Werkstätte» beschloss. Gleichzeitig verbannte er die Webstühle endgültig ins Museum. 2006 kam es zu einer weiteren Umbenennung; seither heisst die ehemalige Basler Webstube «Wohnwerk».

Die Werke der Jugendfürsorge
Die Stiftung Wohnwerk ist aber nur eines der vier Sozialwerke, die aus Kestenholz’ Verein Jugendfürsorge entstanden sind. Die eigentlichen Werkstätten firmieren seit 1980 unter dem Namen LBJ Lehrwerkstätten Basler Jugendheim und sind seit 2010 als eigenständige Stiftung LBB Lehrbetriebe Basel organisiert. Das Wohnheim läuft seit der Neustrukturierung unter dem Label AH Basel. Auch der Erlenhof tritt als eigenständige Stiftung auf. Über alle vier Institutionen, die sich um Jugendliche und junge Erwachsene mit besonderen Betreuungsansprüchen kümmern, wacht diskret die Dachstiftung Focus. Ihr gehören nach eigenen Angaben das Areal an der Missionsstrasse und der Erlenhof, sie kümmert sich um die Mehrung des Finanzvermögens und hält Ausschau nach neuen Tätigkeitsfeldern.

Die Geschichte der Basler Webstube beziehungsweise des Wohnwerks ist exemplarisch für den schwierigen Umgang vieler traditionsreicher Sozialeinrichtungen mit ihrer Vergangenheit oder zumindest mit dessen öffentlichen Wahrnehmung. Denn in den vielfältigen pädagogischen Konzepten, die sich im Verlauf des Jahrhunderts in munterer Folge reihten, spiegelt sich die gesellschaftliche Entwicklung und finden sich Ausprägungen, auf die spätere Generationen nicht stolz sind. Verschämt sollen neue Namen diese Geschichten vergessen machen – und sie machten damit auch beinahe vergessen, wo das Basler Kulturgut «Webstübler» seinen Anfang nahm.

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