Frau Jungblut, Sie sind seit zwei Jahren in Basel. Was hat Sie an dieser Stadt überrascht?
Marie-Paule Jungblut: Zu Anfang war ich überrascht, wie überschaubar alles ist. Hört man von Basel, von der Museums- und Musikstadt, stellt man sich eine grössere Stadt vor. Es ist erstaunlich, auf wie kleinem Raum der kulturelle Reichtum sich konzentriert. Und im Alltag gibt es immer wieder Überraschungen.

Zum Beispiel?
Die Leute hier wirken sehr reserviert. Aber im Sommer laufen sie an der Rheinpromenade mitten in der Stadt herum, als wären sie am Strand. Es ist überraschend und sympathisch, wie die Basler sich verändern, wenn es ums Rheinschwimmen geht.

Schwimmen Sie im Rhein?
Nein. Ich möchte das Schicksal nicht zu sehr herausfordern.

Nach Ihrer Ankunft sagten Sie, Sie würden gerne eine Ausstellung über den Rhein machen. Gibt es inzwischen ein Projekt dazu?
Leider nicht. Aber was nicht ist, kann noch werden. Und wir haben eine Reihe von anderen Themen, die mit der Stadt zu tun haben. Zum Beispiel planen wir für 2015 eine Ausstellung über Basler Goldschmiedekunst. 2016 wird es um die chemische Industrie gehen.

Sie holen die Geschichte der Basler Pharmafirmen ins Museum?
Wir werden sicher mit Basler Beispielen arbeiten. Bei der Ausstellung geht es um eine Kooperation mit der Arbeitsweltausstellung in Dortmund DASA, der Fokus liegt auf dem Thema Innovation. Eventuell werden wir auch thematisieren, wie die Bauten der chemischen Industrie die Stadt geprägt haben. Es geht im HMB ja darum, unser Kulturerbe historisch zu beleuchten. In diesem Kontext steht 2015 auch die Ausstellung «Fussball – Glaube, Liebe, Hoffnung».

Die WM ist gerade vorbei – kommen Sie mit einer Fussball-Ausstellung nicht ein Jahr zu spät?
Auf keinen Fall. Wir hinterfragen das Phänomen Fussball aus einer gesellschaftspolitischen Perspektive. Wir möchten die Frage stellen, inwieweit Fussball die Rolle der Religion übernommen hat. Wie hält dieser Sport eine Gesellschaft zusammen? Gerade in Basel ist es spannend zu beobachten, wie Fussball die Stadt quer durch alle gesellschaftlichen Schichten verbindet.

Arbeiten Sie für die Ausstellung mit dem FCB zusammen?
Ja, und auch mit Fangruppen. Sie sind die Gläubigen, wenn man Fussball als Religion betrachtet.

Was hat Fussball mit Religion zu tun?
Es gibt viele Parallelen. Zum Beispiel die Chöre, sowohl in der Kirche als auch im Stadion. Und sind Fussballstadien nicht unsere neuen Kathedralen oder Pilgerstätten? Früher hielt die Religion die Gesellschaft zusammen. Wir werfen die Frage auf, ob Fussball eine Ersatzreligion ist – der Besucher kann sich dann selbst eine Meinung bilden.

Sind Sie selbst Fussballfan?
Ich interessiere mich im Privatleben nicht für Fussball, als Museumsleiterin aber sehr. Der FCB gehört zum Kulturerbe dieser Stadt, nicht mehr und nicht weniger als zum Beispiel die Goldschmiedekunst.

Sehen Sie das Historische Museum Basel als politischen Ort?
Das HMB ist ein hoch politischer Ort. Es befasst sich mit Geschichte und Gegenwart von Stadt und Gesellschaft und soll ein Raum sein, in dem man aktuelle und kontroverse Fragen diskutiert.

Überschätzen Sie die Rolle des Museums da nicht?
Ich denke nicht. Das Museum ist sicher nicht der Ort, der politische Probleme lösen kann. Und es muss auch immer wieder klassische Ausstellungen geben, die wohl weniger Diskussionsstoff bieten. Aber das Museum kann Themen aufnehmen und zum Forum der Auseinandersetzung werden. Es stellt Fragen nach den Werten unserer Gesellschaft. Wenn wir im Museum über Fussball sprechen, tun wir das zum Beispiel mit einer anderen Perspektive als üblich.

Unter Ihrer Leitung hat sich das Museum eine Strategie für den Einbezug der elektronischen Medien gegeben. Ein Resultat davon sind «Tweetups». Wie viele Prozent Ihrer Besucher wissen, was das ist?
Das kann ich so nicht sagen – die Tweetups sind nur ein Baustein der gesamten Strategie. Es handelt sich dabei um Kurzführungen, während derer die Teilnehmer auf mobilen Geräten diskutieren können. Man kann die Diskussion auch daheim am Computer verfolgen. Wir sprechen daher nicht zwingend von Besuchern sondern auch von Nutzern oder Nutzerinnen, die unser Angebot über das Web wahrnehmen. Wie gesagt, ist das nur ein kleiner Teil der Strategie. Wir haben entschieden, in der Vermittlung den Bereich der E-Culture auszubauen. Ziel ist, dass sich die Grenzen zwischen der physischen und der virtuellen Vermittlung auflösen. Die kommende Ausstellung zum Ersten Weltkrieg zum Beispiel wird transmedial sein.

Was heisst das?
Ein Beispiel: Im Museum kommen Teile eines Tagebuchs vor. Liest man das Magazin zur Ausstellung, entdeckt man neue Teile davon. Ein Blog fügt weitere Elemente hinzu. Nutzt man alle Kanäle parallel, erweitert sich die Geschichte. Der Besucher oder Nutzer bedient sich seiner bevorzugten Medien und entdeckt im besten Fall neue. Jedes Element kann aber auch einzeln genutzt werden – man kann also teilhaben, ohne ins Museum zu gehen. Nächstes Jahr werden wir zudem ein Computerspiel zum Stadtplan von Matthäus Merian dem Älteren entwickeln.

Sie geben den Leuten einen Grund, um gar nicht mehr zu kommen?
Was die Entwicklung des Museums betrifft, müssen wir in die Zukunft schauen. Immer mehr Leute nutzen mobile Geräte wie Tablets oder Smartphones. Also müssen wir dort Fuss fassen.

Sie bauen die Vermittlung im Online-Bereich aus. Das Budget ist aber nicht gewachsen. Wo mussten Sie Abstriche machen?
Das Budget ist immer unter Druck. Wir sind ständig gefordert, zu optimieren, auch im Personalbereich.

Das HMB bemüht sich um Öffnung und veranstaltet neben den Ausstellungen auch Picknicks, Versteigerungen, Kindergeburtstage. Wird das Museum zur Kulisse für Events?
Was heisst Kulisse? Es geht uns immer um Inhalte. Aber es geht auch um Entertainment. Ein Museum ist ein Instrument, das man für vieles nutzen kann – nicht nur für «anstrengende» Bildung. Es soll ein angenehmer Ort sein.

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